Oline wartet eine Weile, sie gebraucht ihren alten Kopf, der steckt bereits voller Politik: Ja, sagt sie. Dann kann ich hier loskommen. Das freut mich sehr. — So, ist Axel ein so scharfer Herr gewesen? sagt Barbro im Scherz. — Scharf? Er? Geh doch und treibe nicht deinen Spaß mit einer alten Frau, die nur noch auf die Erlösung wartet. Er, der Axel ist wie ein Vater und eine höhere Fügung für mich gewesen, jeden Tag und jede Stunde, anders kann ich nicht sagen. Aber ich habe nun einmal niemand von den Meinigen hier in der Gegend, ich stehe einsam und verlassen auf anderer Leute Eigentum und habe alle meine Angehörigen auf der andern Seite des Gebirges.

Aber Oline blieb da. Sie war nicht eher als nach der Trauung zu entbehren, und Oline sträubte sich lange, sagte aber endlich ja, sie wolle ihnen die Gefälligkeit erweisen und das Haus hüten und für das Vieh sorgen, während sie getraut würden. Das nahm zwei Tage in Anspruch. Als aber die Neuverheirateten heimkamen, ging Oline doch nicht. Sie verschob es immer wieder, den einen Tag behauptete sie, es sei ihr nicht gut, den andern sah es aus, als ob es regnen wollte. Sie schmeichelte Barbro, es sei jetzt auf Maaneland mit der Kost ganz anders geworden und doch auch Kaffee im Hause! Oh, Oline scheute vor nichts zurück, sie fragte Barbro bei Dingen um Rat, die sie selbst viel besser wußte. Was meinst du, soll ich die Kühe nach der Reihe melken, wie sie im Stall stehen, oder soll ich Bordelin zuerst nehmen? — Das kannst du halten, wie du willst. — Ja, hab' ich es nicht gesagt! ruft Oline. Du bist draußen in der Welt unter hohen und vornehmen Leuten gewesen und hast alles gelernt. Mir armen Person ist's nicht so gut gegangen.

Nein, Oline scheute vor nichts zurück, sondern trieb Politik Tag und Nacht. Erzählte sie nicht Barbro, wie sehr gut Freund sie mit ihrem Vater, mit Brede Olsen, sei! Ho, sie habe manche vergnügte Stunde mit ihm verplaudert, er sei so ein netter und freundlicher Mann, der Brede, nie höre man ein unfreundliches Wort aus seinem Munde!

Aber es ging doch nicht auf die Dauer, weder Axel noch Barbro wollte Oline länger im Hause behalten, und Barbro nahm ihr alle Arbeit aus der Hand. Oline beklagte sich nicht, aber sie sagte mit einem gefährlichen Seitenblick auf die Hausfrau und mit leicht verändertem Tone: Ja, ihr seid jetzt große Leute, sagte sie. Der Axel hat letzten Herbst eine Reise in die Stadt gemacht, hast du ihn dort getroffen? Ach nein, du bist ja in den Bergen gewesen. Er hatte etwas in der Stadt zu besorgen, er hat eine Mähmaschine und einen Reolpflug gekauft. Was sind die auf Sellanraa gegen euch? Gar nicht zu vergleichen!

Oline versetzte kleine Nadelstiche, allein auch das half nichts, die Herrschaft fürchtete sich nicht vor ihr, Axel sagte ihr eines Tages geradeheraus, daß sie jetzt gehen müsse. — Gehen? fragte Oline. Wie denn? Muß ich kriechen? Sie weigerte sich zu gehen unter dem Vorwand, daß sie nicht recht gesund sei und die Beine nicht rühren könne. Und so schlimm mußte es wirklich gehen: als ihr die Arbeit abgenommen war und sie kein Feld der Tätigkeit mehr hatte, da fiel sie zusammen und wurde tatsächlich krank. Sie schleppte sich noch eine Woche lang umher, Axel schaute sie wütend an, aber Oline blieb aus lauter Bosheit, und zuletzt mußte sie sich zu Bett legen.

Aber nun lag sie keineswegs nur da und wartete auf ihre Erlösung, sie sprach im Gegenteil stundenlang davon, daß sie bald wieder gesund werde. Sie begehrte den Doktor, eine Großartigkeit, die im Ödland völlig unbekannt war. — Den Doktor? sagte Axel fragend. Bist du nicht bei Trost? — Wieso? fragte Oline sanft zurück und verstand rein gar nichts. Ja, sie war ganz sanft und mild und sprach sich so erfreut aus, daß sie niemand zur Last falle, sie könne den Doktor selbst bezahlen. — So, das kannst du? sagte Axel. — So, kann ich es vielleicht nicht? entgegnete Oline. Und außerdem werde ich doch nicht angesichts des Erlösers wie ein Tier hier verenden sollen? — Jetzt mischte sich Barbro ein und fragte unvorsichtigerweise: Was fehlt dir denn? Ich bringe dir doch deine Mahlzeiten. Aber den Kaffee habe ich dir in guter Absicht versagt. — Bist das du, Barbro? fragt Oline und dreht nur die Augen nach ihr hin. Sie ist sehr elend und sieht mit den verdrehten Augen ganz unheimlich aus. Es wird wohl so sein, wie du sagst, Barbro, daß ich von einem winzigen Tröpfchen Kaffee, einem Löffelchen voll Kaffee viel kränker würde. — Wenn du wärest wie ich, so hättest du jetzt an anderes zu denken als an Kaffee, sagte Barbro. — Habe ich es nicht gesagt? Du hast noch nie eines Menschen Tod gewollt, sondern daß er sich bekehre und lebe. Aber was — was sehe ich? Bist du denn in der Hoffnung, Barbro? — Ich! rief Barbro und fügte wütend hinzu: Du gehörst auf den Mist geworfen mit deinem Mundwerk!

Hier schweigt die Kranke einen Augenblick nachdenklich, und ihr Mund zittert, als ob er durchaus lächeln möchte und doch nicht dürfe. — Ich habe heute nacht jemand rufen hören, sagt sie. — Sie ist nicht bei sich! flüstert Axel. — Doch, ich bin ganz bei mir. Es war gerade, als ob jemand riefe. Es kam aus dem Wald oder vom Bach her. Es war sonderbar, gerade wie das Schreien eines kleinen Kindes. Ist Barbro hinausgegangen? — Ja, sagte Axel, sie will deine Narrheiten nicht länger mit anhören. — Ich spreche keine Narrheiten, ich bin nicht so von Sinnen, wie ihr meint, sagte Oline. Nein, das ist nicht des Allmächtigen Wunsch und Wille, daß ich jetzt schon mit allem, was ich von Maaneland weiß, zum Thron des Lammes eingehen soll. Ich werde wohl wieder gesund. Aber du sollst mir den Doktor holen, Axel, dann geht es schneller. Was ist das für eine Kuh, die du mir geben willst? — Was für eine Kuh? — Die Kuh, die du mir versprochen hast. Ist es Bordelin? — Du sprichst in den Tag hinein, sagt Axel. — Du weißt, daß du mir eine Kuh versprochen hast, damals, als ich dir das Leben rettete. — Nein, das weiß ich nicht.

Da hebt Oline den Kopf und schaut ihn an. Sie ist ganz kahlköpfig und grau, ihr Kopf sitzt auf einem langen Vogelhals, sie sieht hexenmäßig und fürchterlich aus, Axel fährt zurück und greift rückwärts nach der Türklinke. — So, sagt Oline, du bist von der Sorte! Dann sprechen wir vorerst nicht mehr davon. Ich kann auch ohne die Kuh leben und werde sie nicht mehr in den Mund nehmen. Aber es ist gut, daß du dich genau als der Mann gezeigt hast, der du bist, so weiß ich es für ein andermal.

Aber in der Nacht starb Oline, zu irgendeiner Stunde in der Nacht, jedenfalls war sie bereits kalt, als sie morgens zu ihr hereinkamen.

Die alte Oline, geboren und gestorben ...