Sie sprechen es in Ruhe durch, und Oline scheint jetzt weniger rachsüchtig zu sein. Oh, sie ist ein Politikus ersten Ranges und gewohnt, Auswege zu finden, jetzt äußert sie sogar eine Art Mitgefühl, indem sie sagt, wenn es nun herauskomme, dann täten ihr Isak und auch die Kinder herzlich leid. — Ja, sagt Inger und weint noch mehr. Ich habe Tag und Nacht gegrübelt und gegrübelt. Als Ausweg fällt es nun Oline plötzlich ein, daß sie eine Hilfe sein könne, sie könne vielleicht herkommen und auf der Ansiedlung bleiben, wenn Inger ins Gefängnis müsse.
Jetzt weint Inger nicht mehr, sie horcht gleichsam plötzlich auf und überlegt. Nein, du versorgst die Kinder nicht, sagt sie. — Soll ich die Kinder nicht versorgen? Du spottest! — So. — Ja, denn wenn ich für etwas ein Herz habe, so sind es Kinder. — Ja, für deine eigenen, aber wie wirst du gegen die meinigen sein? Und wenn ich daran denke, daß du mir den Hasen geschickt hast, nur um mich zu verderben, so bist du ganz und gar schuld daran. — Ich? fragt Oline. Meinst du mich? — Ja, dich meine ich, antwortet Inger mit lautem Schluchzen. Du bist das größte Scheusal gegen mich gewesen, und ich trau dir nichts Gutes zu. Und außerdem würdest du uns nur alle Wolle stehlen, wenn du hierher kämst. Und einen Ziegenkäse nach dem andern würden deine Leute bekommen und nicht die meinigen. — Du bist ein Vieh, sagt Oline.
Inger weint, wischt sich die Augen und spricht ab und zu ein paar Worte. Oline sagt, sie wolle sich gewiß nicht aufdrängen, denn sie könne bei ihrem Sohn Nils sein, wo sie schon immer gewohnt habe. Wenn nun aber Inger ins Gefängnis komme, so wäre Isak mit den unschuldigen Kleinen ganz verlassen, da könne sie hierher kommen und auf sie aufpassen. Sie stellt das recht verlockend hin, es werde gewiß nicht schlimm gehen. Du kannst es dir nun überlegen, sagt sie.
Inger ist mutlos; sie weint und schüttelt den Kopf und schaut zu Boden. Wie eine Schlafwandlerin geht sie in die Vorratskammer und macht für den Gast Mundvorrat zurecht. — Nein, du sollst dich nicht in Unkosten stürzen, sagt Oline. — Und du sollst nicht ohne Mundvorrat übers Gebirge gehen, entgegnet Inger.
Als Oline gegangen ist, schleicht sich Inger hinaus, sieht sich um, horcht. Kein Laut vom Steinbruch herüber! Sie geht näher hin und hört die Kinder; sie spielen mit Geröll. Isak hat sich gesetzt; er hält den Spaten zwischen den Knien und stützt sich darauf, wie auf einen Stock. Da sitzt er.
Inger schleicht sich zum Waldsaum hin. Sie hatte ein kleines Kreuz in die Erde gesteckt; das Kreuz liegt am Boden, aber da, wo es gestanden hat, ist der Rasen weggenommen und die Erde aufgewühlt. Inger setzt sich nieder und scharrt die Erde mit den Händen wieder zusammen. Und da sitzt sie.
Sie kam aus Neugier, um zu sehen, wie tief Oline in dem kleinen Grab gewühlt hat, sie bleibt sitzen, weil die Haustiere noch nicht heimgekommen sind. Sie weint und schüttelt den Kopf und sieht zu Boden.