Die zwei Weiber zanken sich weiter. Oline ist nicht so grob und laut, sie ist in ihrer häßlichen Bosheit geradezu friedlich, aber sie ist verbissen und gefährlich. Ich gehe, um mein Bündel zu holen, ich bereue, daß ich es im Wald hab' liegen lassen. Ich gebe dir die Wolle zurück, ich will sie gar nicht haben. — So, du denkst wohl, ich hätte sie gestohlen. — Das weißt du selbst, was du getan hast.

Darüber zanken sie sich wieder. Inger sagt, sie wolle das Schaf zeigen, von dem sie die Wolle geschoren habe. Oline erwidert friedlich und gelassen: Jawohl, aber wer weiß, wo du das erste Schaf herhast? — Inger nennt Namen und Ort, wo ihre ersten Schafe und Lämmer in Futter gestanden haben. Und das sag ich dir, nimm dich ein für allemal mit deinem Mund in acht! droht sie. — Haha! lacht Oline verächtlich. Sie hat immer eine Antwort bereit und gibt nicht nach. Meinen Mund! Und deinen eigenen Mund! Sie deutet auf Ingers Hasenscharte und sagt, sie sei ein Abscheu vor Gott und den Menschen. Inger antwortet wutschnaubend, und da Oline dick ist, schimpft sie sie einen Fettwanst — ein solcher gemeiner Fettwanst, wie du bist! Und ich danke dir auch für den Hasen, den du mir geschickt hast. — Hasen? Wenn ich in allem so frei von Schuld wäre wie bei dem Hasen! Wie sah er denn aus? — Wie sieht ein Hase aus? — Wie du! Ganz genau wie du! Und du hättest es gar nicht nötig, Hasen anzusehen. — Jetzt machst du, daß du hinauskommst! schreit Inger. Du hast Os-Anders mit dem Hasen hierhergeschickt. Ich werde dich strafen lassen. — Strafen lassen! Hast du strafen lassen gesagt? — Du bist voller Neid, du gönnst mir nichts von allem, was ich habe, und du verbrennst fast vor Neid darüber, fährt Inger fort. Seit ich verheiratet bin und Isak und alles, was hier ist, bekommen habe, hast du vor lauter Mißgunst fast kein Auge mehr zugetan. Großer Gott und Vater im Himmel, was willst du denn von mir? Ist es meine Schuld, daß deine Kinder nicht irgendwohin kamen, wo etwas aus ihnen geworden ist? Du kannst es nicht ertragen, daß meine Kinder wohlgestaltet sind und schönere Namen haben als die deinigen, aber kann ich etwas dafür, daß sie von besserem Fleisch und Blut sind, als deine waren!

Konnte etwas Oline rasend machen, so war es dies. Sie hatte so viele Kinder geboren und besaß nichts als diese Kinder, so wie sie nun einmal waren; sie sagte, sie seien gut und prahlte mit ihnen, sie log ihnen Verdienste an, die sie nicht hatten, und verbarg ihre Fehler. — Was hast du gesagt? erwiderte sie Inger. Daß du nicht vor Scham in die Erde versinkst. Meine Kinder, die im Vergleich zu den deinen wie eine himmlische Engelschar waren! Wagst du es, meine Kinder in den Mund zu nehmen? Alle sieben waren als klein wahre Gottesgeschöpfe und jetzt als erwachsen sind sie alle miteinander groß und wohlgestaltet. Nimm dich in acht, du! — Und die Lise, kam sie nicht ins Gefängnis, wie war denn das? fragt Inger. — Sie hatte nichts getan, sie war so unschuldig wie eine Blume, sagt Oline. Und jetzt ist sie in Bergen verheiratet und geht im Hut. Aber was tust du? — Und wie war's mit Nils? — Es ist mir nicht der Mühe wert, dir zu antworten. Aber du hast eines drüben im Walde liegen, was hast du mit dem getan? Du hast es umgebracht. — Pack dich und mach, daß du hinauskommst! schreit Inger wieder, und sie dringt aufs neue auf Oline ein.

Aber Oline weicht nicht, sie steht nicht einmal auf. Diese Unerschrockenheit, die wie Verstocktheit aussieht, lähmt Inger abermals, und sie sagt nur: Jetzt hole ich aber gleich das Hackmesser! — Laß das lieber sein, rät Oline, ich gehe schon von selbst. Aber was das betrifft, daß du deine eigenen Verwandten hinauswirfst, so bist du ein Vieh. — Ja, aber mach nur, daß du fortkommst.

Aber Oline geht nicht. Die beiden Frauen zanken sich noch eine gute Weile, und sooft die Wanduhr halb oder ganz schlägt, stößt Oline ein Hohngelächter aus und macht Inger rasend. Schließlich beruhigen sich beide doch ein wenig, und Oline macht sich zum Gehen fertig. Ich habe einen weiten Weg und die Nacht vor mir, sagt sie. Und es war recht dumm, ich hätte von daheim etwas zum Essen mitnehmen sollen, sagt sie.

Darauf gibt Inger keine Antwort, sie ist jetzt wieder vernünftig geworden; sie füllt Wasser in ein Becken und sagt: Da, wenn du dich abreiben willst! Oline sieht ein, daß sie sich waschen muß, ehe sie geht, aber da sie nicht weiß, wo sie blutig ist, wäscht sie an den verkehrten Stellen. Inger sieht ihr eine Weile zu, dann deutet sie. Da — fahr auch über die Schläfe, nein, die andere Schläfe, ich deute ja darauf. — Hab' ich wissen können, auf welche Seite du gedeutet hast? versetzt Oline. — An deinem Mund sitzt auch noch etwas. Bist du vielleicht wasserscheu? fragt Inger.

Schließlich muß Inger selbst die Verwundete waschen und ihr ein Handtuch hinwerfen.

Was ich sagen wollte, beginnt Oline, während sie sich abtrocknet, und sie ist jetzt wieder vollkommen friedlich, wie soll Isak mit den Kindern das überstehen? — Weiß er's? fragt Inger. — Ob er es weiß! Er kam dazu und sah es. — Was sagte er? — Was konnte er sagen! Er war sprachlos, wie ich auch.

Schweigen.

Du, du bist an allem miteinander schuld! klagt Inger und bricht in Tränen aus. — Wenn ich nur an allem so frei von Schuld wäre! — Ich werde ihn, den Os-Anders, fragen, darauf kannst du dich verlassen! — Ja, tu das!