Isak wußte nicht, daß die Obrigkeit schon viele und lange Aktenstücke wegen der schwangeren Frau hatte hin und her schicken müssen. Sie hatte es seinerzeit aus zweierlei Gründen unterlassen, Inger von ihrem Hause weg in Haft zu nehmen. Erstens hatte es an einem Arrestlokal für sie gefehlt, und zweitens hatte die Obrigkeit milde sein wollen. Die Folgen waren unberechenbar. Später, als Inger festgenommen werden sollte, hatte niemand nach ihrem Zustand gefragt, und sie selbst hatte nichts gesagt. Vielleicht hatte sie auch absichtlich geschwiegen, um das Kind in den bösen Jahren in ihrer Nähe zu haben; wenn sie sich gut aufführte, durfte sie es vielleicht ab und zu einmal sehen. Vielleicht war sie aber auch nur stumpf gewesen und war trotz ihres Zustandes gleichgültig darauf eingegangen, von zu Hause fortgeführt zu werden.

Isak arbeitete auf seinem Grund und Boden, er entwässerte und brach seine Äcker um, hieb die Grenzscheide zwischen sich und dem Staat aus, und die dabei gefällten Bäume gaben Klafterholz für ein ganzes Jahr. Aber da er Inger nicht mehr hatte, die ihn mit ihren Lobsprüchen anfeuerte, so schaffte er mehr aus Gewohnheit als aus Lust. Nun hatte er auch schon zwei Thinge vorübergehen lassen, ohne die Bestätigung seiner Urkunde einzuholen, weil es ihm eben nicht so sehr am Herzen gelegen hatte. Jetzt erst im Herbst raffte er sich dazu auf. Es stand bei ihm nicht alles, wie es sein sollte. Geduldig und besonnen, ja gewiß, das war er, aber er war geduldig und besonnen, weil er von Natur dazu angelegt war. Er suchte seine Häute zusammen, seine Ziegenfelle und Kalbfelle, legte sie in den Fluß, schabte später die Haare herunter, gerbte sie und machte sie zur Verarbeitung für Schuhwerk fertig. Im Winter stellte er schon beim ersten Schnee sein Saatkorn fürs nächste Frühjahr auf die Seite, damit das getan war, denn es war am besten, wenn es bereit stand; er war ein Mann der Ordnung. Aber er war ein freudloser, einsamer Mann geworden, ach ja, wieder ein unverheirateter Mann mit allem, was drum und dran war.

Welche Freude war es für ihn jetzt, am Sonntag in seiner Stube zu sitzen, gewaschen und sauber in seinem roten Hemd, wenn er niemand mehr hatte, für den er sich hübsch machen konnte? Die Sonntage waren die längsten von allen Tagen, sie verdammten ihn zum Müßiggang und zu traurigen Gedanken; er konnte nichts tun, als sich auf seinem Grundstück umhertreiben und nach allem sehen, was getan werden mußte. Jedesmal nahm er seine kleinen Jungen mit, immer einen von ihnen auf dem Arm. Es war so nett, ihr Geplauder anzuhören und auf ihre Fragen zu antworten.

Die alte Oline hatte er, weil er niemand andern hatte. Und im Grunde genommen war es nicht so übel, Oline zu haben. Sie kardätschte Wolle und spann, strickte Strümpfe und Fausthandschuhe, bereitete auch Ziegenkäse; aber sie hatte keine glückliche Hand und arbeitete ohne Liebe; von dem, was sie in die Hand nahm, gehörte ihr ja nichts zu eigen. Da hatte nun Isak einmal zu Ingers Zeit eine besonders hübsche Dose beim Händler gekauft, die ihren Platz auf dem Wandbrett hatte, sie war aus Ton und hatte einen Hundekopf auf dem Deckel, eigentlich war es eine Art Tabaksdose; Oline nahm einmal den Deckel ab und ließ ihn auf den Boden fallen. Inger hatte einige Fuchsiaableger in einer Kiste hinterlassen, die mit Glas zugedeckt waren; Oline nahm die Gläser ab und drückte sie nachher hart und fest wieder darauf. — Am nächsten Tage waren alle Ableger tot. Es war wohl nicht so ganz leicht für Isak, all dies mit anzusehen, und er machte vielleicht ein Gesicht, und da nichts Weiches oder Schwammhaftes an ihm war, so war es vielleicht ein gefährliches Gesicht. Oline war unverfroren und zungenfertig und muckte auf. Kann ich etwas dafür? sagte sie. — Das weiß ich nicht, erwiderte Isak, aber du hättest die Hand davon lassen können. — Ich werde ihre Blumen nicht mehr anrühren, sagte Oline darauf; aber nun waren sie ja tot.

Und wozu kamen jetzt sooft Lappen nach Sellanraa, jetzt viel öfters als früher? Was hatte Os-Anders da zu tun, konnte er nicht einfach vorübergehen? In einem Sommer kam er zweimal übers Gebirge gewandert; aber Os-Anders hatte ja keine Renntiere, nach denen er hätte sehen müssen, sondern lebte vom Bettel und von Besuchen bei anderen Lappen. Wenn er auf die Ansiedlung kam, ließ Oline alle Arbeit liegen und klatschte mit ihm über alle Leute im Dorfe, und wenn er wieder ging, war sein Sack schwer von allem möglichen. Zwei Jahre lang schwieg Isak geduldig dazu.

Dann wollte Oline wieder neue Schuhe haben, und da schwieg er nicht länger. Es war im Herbst, und Oline trug jeden Tag Lederschuhe, anstatt in Lappenschuhen oder Holzpantinen zu gehen. Isak sagte: Es ist schönes Wetter heute. Hm! So fing er an. — Ja, sagte Oline. — Hast du nicht heute morgen an den Ziegenkäsen bis auf zehn gezählt, Eleseus? fragte Isak. — Doch, antwortete Eleseus. — Aber jetzt sind es nur noch neun.

Eleseus zählte wieder nach und überlegte in seinem kleinen Kopf, dann sagte er: Ja, und dann der, den Os-Anders bekommen hat, dann sind es zehn.

Schweigen rings in der Stube. Aber der kleine Sivert wollte auch zählen, und so wiederholte er die Worte des Bruders: Dann sind es zehn.

Wieder Schweigen ringsum. Da mußte Oline schließlich eine Erklärung geben. Ja, er hat einen ganz kleinen Käse bekommen, ich habe nicht gedacht, daß das etwas ausmacht. Aber die Kinder sind noch nicht groß, und es zeigt sich jetzt schon, was in ihnen steckt. Ich kann wohl sehen und ausrechnen, wem sie nachschlagen! Dir jedenfalls nicht, Isak, das weiß ich.

Das war eine Andeutung, die Isak zurückweisen mußte. Die Kinder sind schon recht, sagte er. Aber kannst du mir sagen, welche Wohltaten Os-Anders mir und den Meinigen erwiesen hat? — Wohltaten? versetzte Oline. — Ja. — Er, Os-Anders? wiederholte sie. — Ja, weil ich ihm Ziegenkäse schuldig bin. — Oline hat nun Zeit zum Überlegen gehabt und gibt folgende Antwort: Gott bewahre mich, Isak! Bin ich es gewesen, die mit Os-Anders angefangen hat, so soll mich gleich der Schlag rühren!