Als Inger weiterfuhr, war ihr froh zumute, und sie war recht hochmütig, und als sie ins Dorf kam, ließ sie das ein wenig zu sehr hervortreten, jedenfalls nahm die Frau Lensmann Heyerdahl Ärgernis daran, daß sie in einem Mantel ankam. Sie sagte, die Frau auf Sellanraa vergesse offenbar, wer sie sei; ob sie denn vergessen habe, woher sie nach sechsjähriger Abwesenheit gekommen war? Aber Inger hatte nun jedenfalls ihren Mantel gezeigt, und weder die Frau des Kaufmanns noch die Frau des Schmieds noch die Frau des Schullehrers würden etwas dagegen gehabt haben, wenn sie selbst einen solchen Mantel besessen hätten; aber kommt Zeit, kommt Rat.
Es dauerte gar nicht lange, bis Inger Kundschaft bekam. Einige Weiber von der andern Seite des Gebirges kamen aus Neugier. Oline hatte wohl gegen ihren Willen allerlei von Inger erzählt, und die nun kamen, brachten Nachrichten von Ingers Heimatort mit; dafür wurde ihnen aufgewartet, und sie durften die Nähmaschine sehen. Junge Mädchen kamen zu zwei und zwei von der Gemeinde an der Küste herauf und berieten sich mit Inger: es war Herbst, sie hatten zu einem neuen Kleid gespart, und nun konnte ihnen Inger über die Mode in der Welt draußen Auskunft geben, ja ab und zu auch den Stoff zuschneiden. Bei diesen Besuchen lebte Inger auf, sie blühte förmlich, war freundlich und hilfreich und dabei so tüchtig in ihrem Fach, daß sie aus freier Hand zuschneiden konnte; bisweilen nähte sie auch lange Säume auf ihrer Maschine ganz umsonst und gab dann den jungen Mädchen den Stoff zurück mit den herrlich scherzhaften Worten: So, die Knöpfe kannst du jetzt selbst annähen!
Später, im Herbst, wurde Inger sogar gebeten, ins Dorf herunterzukommen und für die Großen zu nähen. Aber das konnte sie nicht, sie hatte ihre Familie und das Vieh und die häuslichen Pflichten, und sie hatte kein Dienstmädchen. Was hatte sie nicht? Ein Dienstmädchen!
Sie sagte zu Isak: Wenn ich eine Hilfe hätte, könnte ich ruhiger an meiner Näharbeit bleiben. — Isak verstand nicht, was sie meinte. Hilfe? fragte er. — Ja, Hilfe im Hause, ein Dienstmädchen. — Da drehte sich wohl alles im Kreise vor Isak, denn er lachte ein wenig in seinen roten Bart und hielt es für Spaß: Jawohl, wir sollten ein Dienstmädchen haben, sagte er. — Das haben alle Hausfrauen in der Stadt, versetzte Inger. — Ach so, sagte Isak.
Seht, er war vielleicht nicht besonders froh und freundlich gestimmt, nicht gut aufgelegt, denn nun hatte er mit dem Bau seines Sägewerks angefangen, und es war nicht schnell vorwärtsgegangen; er konnte nicht mit der einen Hand den Pfosten halten, ihn mit der andern wagerecht leiten und zugleich die Schräghölzer befestigen. Aber als dann die Jungen wieder von der Schule heimkamen, ging es besser, die guten Jungen waren ihm eine große Hilfe. Sivert besonders war merkwürdig gewandt beim Einschlagen der Nägel, aber Eleseus war tüchtiger beim Loten mit der Schnur. Nach Verlauf von einer Woche hatten Isak und die Jungen wirklich die Pfosten aufgerichtet und mit Schräghölzern so dick wie Balken stark befestigt. Eine große Arbeit war bewältigt.
Es ging — alles ging. Aber woher es auch kommen mochte, Isak war jetzt an den Abenden oft müde. Es handelte sich ja nicht nur darum, ein Sägewerk zu bauen und damit Punktum, alles andere mußte auch getan werden. Das Heu war unter Dach, aber das Korn stand noch draußen und färbte sich allmählich golden, bald mußte es geschnitten und untergebracht werden, und auch die Kartoffelernte stand vor der Tür. — Aber Isak hatte eine ausgezeichnete Hilfe an seinen Jungen. Er bedankte sich indes nicht bei ihnen, das war nicht Sitte unter Leuten wie er und die Seinen, aber er war ungeheuer zufrieden mit ihnen. Ab und zu, jedoch nur selten einmal, setzten sie sich wohl auch mitten in der Arbeit zusammen und unterhielten sich miteinander, und da konnte der Vater sich im Ernst mit den Jungen darüber beraten, was sie zuerst und was nachher tun wollten. Das waren stolze Augenblicke für Eleseus und Sivert, und sie lernten dabei wohl zu überlegen, ehe sie redeten, um nicht unrecht zu bekommen. — Es wäre doch schlimm, wenn wir das Sägewerk nicht unter Dach brächten, ehe die Herbststürme einsetzen, sagte der Vater.
Wenn nur Inger noch wie in den alten Tagen gewesen wäre! Aber Ingers Gesundheit war wohl eben leider nicht mehr so gut wie früher, was ja auch nach der langen Einsperrung nicht anders zu erwarten war. Daß ihr Sinn sich verändert hatte, war eine Sache für sich, ach, sie war jetzt so viel weniger nachdenklich, war gleichsam oberflächlicher, leichtsinniger. Von dem Kinde, das sie umgebracht hatte, sagte sie: Ich bin eine recht dumme Person gewesen, wir hätten sie operieren und ihren Mund zunähen lassen können, dann hätte ich nicht nötig gehabt, sie zu erwürgen. Und niemals ging sie hinaus in den Wald an ein kleines Grab, wo sie einstmals die Erde mit den Händen zusammengescharrt und ein kleines Kreuz darauf gesetzt hatte.
Aber Inger war keine unmenschliche Mutter, sie sorgte treulich für ihre anderen Kinder, hielt sie in Ordnung, nähte für sie und konnte bis spät in die Nacht hinein aufsitzen, um ihre Kleider zu flicken. Es war ihr höchster Traum, daß etwas Rechtes aus ihnen werden sollte.
Dann wurde das Korn eingefahren, dann wurden die Kartoffeln herausgehackt, und dann wurde es Winter. Ach nein, das Sägewerk kam nicht unter Dach im Herbst! Aber da war nun nichts zu machen, es ging ja auch nicht ums Leben, und bis zum Sommer kam wohl Zeit und Rat.