Als Eleseus den Ingenieur sah, bekam er Herzklopfen, und er schlich sich zur Tür hinaus, um nicht nach dem farbigen Bleistift gefragt zu werden. Ach, das war ein böser Augenblick, und Sivert kam auch nicht heraus, an dem er ein wenig eine Stütze hätte haben können! Wie ein bleiches Gespenst glitt Eleseus um die Hausecke; endlich traf er die Mutter. Eleseus bat sie gleich, sie möchte Sivert herausschicken, er konnte sich nicht anders helfen.
Sivert nahm die Sache weniger schwer, er hatte ja auch nicht die große Schuld auf sich liegen. Die Brüder setzten sich in ziemlicher Entfernung nieder, und Eleseus sagte: Wenn du es auf dich nehmen würdest! — Ich? sagte Sivert. — Denn du bist soviel kleiner, dir würde er nichts tun. — Sivert überlegte, er sah, daß der Bruder in großer Not war, und es schmeichelte ihm auch, daß Eleseus ihn brauchte. — Ich könnte dir vielleicht eine Handreichung tun, sagte er altklug. — Du mußt es tun! rief Eleseus und drückte einfach seinem Bruder das Stückchen, das noch von dem farbigen Bleistift übrig war, in die Hand. Es soll dir gehören, sagte er.
Sie wollten miteinander wieder hineingehen, aber Eleseus sagte, er habe noch etwas am Sägewerk zu tun oder vielmehr im Mahlhaus, etwas, was er nachsehen müsse, es gehe nicht so schnell, er werde kaum vor einer guten Weile fertig sein. Sivert ging allein hinein.
Da saß der Ingenieur mit Silbergeld und Banknoten vor sich und zahlte die Löhne aus. Als das geschehen war, setzte ihm Inger einen Topf Milch nebst Glas vor, und er war dankbar dafür. Er trank. Dann plauderte er mit der kleinen Leopoldine, und als er die Zeichnungen an den Wänden sah, fragte er gleich, wer denn der Meister sei, der sie gemacht habe. Bist du es? fragte er Sivert. Der Ingenieur wollte sich wohl bei der Mutter für die Gastfreundschaft dankbar erweisen. Er erfreute die Mutter, indem er die Zeichnungen lobte, und Inger gab eine gute Erklärung. Ihre Buben hätten die Zeichnungen gemacht, beide Buben; bis sie heimgekommen und dafür gesorgt habe, hätten die Kinder kein Papier gehabt und deshalb die Wände bekritzelt, nun habe sie das Herz nicht, es abzuwaschen. — Laß es nur stehen, sagte der Ingenieur. Papier? sagte er und legte eine Menge großer Bogen auf den Tisch. Da, zeichnet nur weiter, bis ich das nächste Mal wiederkomme! Wie steht es denn mit Bleistiften? — Da trat Sivert ganz einfach mit dem Bleistiftstümpfchen vor und zeigte, wie klein es war. Und siehe, er bekam einen neuen, noch ungespitzten farbigen Bleistift! Zeichnet nur drauflos! Aber macht lieber das Pferd rot und den Bock blau. Nicht wahr, du hast noch kein blaues Pferd gesehen?
Dann ging der Ingenieur wieder fort.
Am selben Abend kam ein Mann vom Dorf herauf mit einem Ranzen auf dem Rücken. Er gab einige Flaschen für die Arbeiter ab und entfernte sich dann wieder. Aber nachdem er gegangen war, blieb es nicht mehr so still auf Sellanraa; die Ziehharmonika ertönte, es wurde laut gesprochen und gesungen und auf dem Hofplatz getanzt. Einer der Arbeiter forderte Inger zu einem kleinen Drehum auf, und Inger — ja, wer verstand sich auf sie? Sie kicherte und tanzte wahrhaftig ein paarmal im Kreise herum. Als dies getan war, wollten die andern auch mit ihr tanzen, und da tanzte sie recht flott mit.
Wer verstand sich auf Inger! Hier tanzte sie nun vielleicht ihren ersten seligen Tanz in ihrem Leben; man riß sich um sie, dreißig Männer waren hinter ihr her, sie war allein, die einzige, die gewählt werden konnte, keine andere stach sie aus. Und wie flott diese riesenhaften Telegraphenarbeiter sie vom Boden aufhoben! Warum nicht tanzen? Eleseus und Sivert schliefen schon drinnen in der Kammer wie Säcke trotz des Tumultes auf dem Hofe, die kleine Leopoldine aber war noch auf und stand dabei und sah mit großen verwunderten Augen den Sprüngen der Mutter zu.
Isak war indessen die ganze Zeit nach dem Abendessen draußen auf dem Feld gewesen. Als er wieder hereinkam, um zu Bett zu gehen, wurde ihm aus einer Flasche zu trinken angeboten, und er trank auch ein wenig. Er setzte sich, nahm Leopoldine auf den Schoß und sah dem Tanzen zu. Da kannst du dich ordentlich herumschwingen! sagte er gutmütig zu Inger. Da kannst du wahrlich die Füße regen!
Aber nach einer Weile hörte der Musikant auf zu spielen, und der Tanz war vorbei. Die Arbeiter machten sich nun fertig, den noch übrigen Teil der Nacht und den ganzen nächsten Tag im Dorf zu verbringen und erst am Montagmorgen wiederzukommen. Bald lag Sellanraa wieder ganz still da, nur ein paar ältere Männer blieben zurück und legten sich in der Scheune schlafen.
Isak sah sich nach Inger um, damit sie hineingehe und Leopoldine zu Bett bringe; als er sie dann nirgends erblickte, ging er hinein und legte das Kind zu Bett. Und er selbst ging auch zur Ruhe.