Wie das auch sein mag, entgegnete Inger, jedenfalls könnte ich jetzt Barbro als Magd bekommen, sie hat ihrem Vater darüber geschrieben. — Welche Barbro? fragte Isak. Etwa Bredes Barbro? — Ja, sie ist in Bergen. — Bredes Barbro will ich nicht hier in meinem Hause haben, sagte er. Wen du auch sonst nehmen magst, fügte er hinzu.
Er wies also nicht jede andere zurück.
Seht, in Barbro von Breidablick hatte Isak kein Vertrauen; sie war unbeständig und oberflächlich wie der Vater — vielleicht auch wie die Mutter —, war flüchtigen Sinnes, ohne Ausdauer. Beim Lensmann war sie nicht lange geblieben, nur ein Jahr; als sie dann konfirmiert war, kam sie zum Kaufmann, blieb aber auch da nur ein Jahr. Dann war sie erweckt und fromm geworden, und als die Heilsarmee ins Dorf kam, trat sie in diese ein, bekam eine rote Binde um den Arm und eine Gitarre in die Hände. In dieser Ausstaffierung reiste sie auf der Jacht des Kaufmanns nach Bergen. Das war im vorigen Jahr gewesen, und jetzt eben hatte sie ihre Photographie heim nach Breidablick geschickt; Isak hatte sie gesehen: ein fremdes Fräulein mit gekräuseltem Haar und einer langen Uhrkette über die Brust herunter. Die Eltern waren stolz auf ihre kleine Barbro und zeigten das Bild jedem, der an Breidablick vorbeikam; es war großartig, wie sie sich herausgemacht hatte, und sie hatte keine rote Binde mehr um den Arm und keine Gitarre mehr in den Händen.
Ich habe es mitgenommen und es der Frau des Lensmanns gezeigt, die erkannte sie gar nicht wieder, sagte Brede. — Bleibt sie in Bergen? fragte Isak mißtrauisch. — Sie bleibt in Bergen, solange sie dort ihr Brot verdient, antwortete Brede. Wenn sie nicht lieber nach Christiania reist, setzte er hinzu. Was soll sie hier daheim! Sie hat jetzt eine neue Stelle, ist Haushälterin bei zwei Junggesellen, feinen Kontorherren. Und was sie für einen großen Lohn hat! — Wieviel? fragte Isak. — Das gibt sie in ihrem Brief nicht genau an. Aber daß er etwas Ungeheures ist gegen hier im Dorf, das merke ich daran, daß sie Weihnachtsgeschenke und viele andere Geschenke bekommen hat, ohne daß am Lohn etwas abgezogen worden wäre. — So, sagt Isak. — Ja, du möchtest sie wohl nicht als Magd haben? fragte Brede. — Ich? entfuhr es Isak. — Nein, hehe, ich hab' nur so gefragt. Denn die Barbro soll nur bleiben, wo sie ist. Aber was ich sagen wollte: Du hast nichts Besonderes am Telegraphen droben bemerkt? — Am Telegraphen? Nein. — Ach nein, es ist nicht oft etwas in Unordnung daran, seit ich ihn übernommen habe. Und dann habe ich ja meine eigene Maschine an der Wand, die mir's anzeigt, wenn etwas daran fehlt. In den nächsten Tagen muß ich aber einmal die Linie abschreiten und nachsehen. Ich habe eben viel zuviel zu tun und zu besorgen, ein einziger Mann kann das nicht alles leisten. Aber da ich nun einmal Inspektor hier bin und dies öffentliche Amt habe, muß ich ihm eben auch nachkommen, solange ich es habe. — Isak fragte: Du denkst doch nicht daran, es aufzugeben? — Ich weiß nicht, antwortete Brede, ich bin noch nicht entschlossen. Aber man läßt mir keine Ruhe, ich soll wieder ins Dorf hinunterkommen. — Wer läßt dir keine Ruhe? fragte Isak. — Alle miteinander. Der Lensmann möchte mich wieder als Gerichtsdiener, dem Doktor fehle ich zum Überlandfahren, und die Frau Pfarrer hätte mich schon mehr als einmal zur Hilfe haben wollen, wenn nur nicht der Weg so weit wäre. Nun, wie war es denn, Isak, hast du wirklich so viel Geld für deinen Berg bekommen? — Ja, das ist nicht gelogen, antwortete Isak. — Aber was wollte denn der Geißler damit? Nun liegt er da. Das ist doch etwas Merkwürdiges. Jetzt ist ein Jahr ums andere darüber hingegangen. — Isak hatte selbst oft über dieses Rätsel nachgegrübelt, er hatte auch mit dem Lensmann darüber geredet, hatte nach Geißlers Adresse gefragt, um ihm zu schreiben. Gewiß war die Sache merkwürdig. — Ich weiß nichts, sagte Isak.
Brede verbarg nicht, daß ihn dieser Handel mit dem Berg sehr interessiere: Es heißt, es seien noch mehrere Berge wie die deinigen droben in der Allmende, sagte er; da können große Dinge drin sein, wir aber gehen hier umher wie die stummen Tiere und sehen es nicht. Ich habe mich nun entschlossen, an einem Tag einmal hinaufzugehen und da zu untersuchen. — Ach so, du verstehst dich auf Felsen und Gesteinsarten? fragte Isak. — Ja, ein wenig schon, und ich habe auch andere darüber befragt. Und wie es auch sein mag, so muß ich irgend etwas für mich finden, ich kann mit all den Meinen nicht von dem Hofe hier leben. Zum Kuckuck, das ist einfach unmöglich. Bei dir ist es ganz anders, du hast lauter Wald und guten Ackerboden. Bei mir ist nichts als Moor. — Moor ist guter Boden, sagte Isak kurz. Ich habe selbst Moor. — Es ist ganz unmöglich, es auszutrocknen, erwiderte Brede ...
Aber es war nicht unmöglich, das Moor auszutrocknen. Als Isak an diesem Tag weiter hinunterkam, stieß er auf neue Ansiedlungen. Zwei lagen weiter unten, dem Dorfe zu, aber eine war hoch droben zwischen Breidablick und Sellanraa — oh, es wurde allmählich im Ödland gearbeitet, in Isaks erster Zeit lag es ganz menschenleer da. Und diese drei Ansiedler waren von auswärts, es schienen Leute mit Verstand zu sein; das erste, was sie taten, war nicht, Geld aufzunehmen und sich ein Haus zu bauen, sie kamen in einem Jahr her, zogen Gräben und verschwanden wieder, genau wie wenn sie gestorben wären. Das war die richtige Art: Gräben ziehen, pflügen, säen. Axel Ström war jetzt Isaks nächster Nachbar, ein tüchtiger Mann, Junggeselle, von Geburt ein Helgeländer; er hatte Isaks neuen Reolpflug entlehnt, um seinen Moorboden damit umzupflügen, und erst im zweiten Jahr hatte er sich einen Heuschuppen und eine Gamme errichtet und sich ein paar Stück Vieh angeschafft. Sein Besitztum hieß Maaneland, Mondland, weil der Mond so schön darauf schien. Er hatte keine eigene Frauensperson zur Hilfe, und Hilfe im Sommer war an diesem abgelegenen Ort nur schwer zu haben, aber wie er seine Arbeit einteilte und ausführte, das war ganz und gar die richtige Art. Oder hätte er etwa wie Brede zuerst ein Haus bauen und dann mit seiner Familie und vielen kleinen Kindern ins Ödland kommen sollen, ohne Vieh oder Äcker, von denen er leben konnte? Was verstand Brede Olsen vom Entwässern des Moores oder Urbarmachen des Ödlandes?
Brede Olsen verstand es, die Zeit mit Lappalien zu vergeuden; da kam er wirklich eines Tages an Sellanraa vorüber und wollte hinauf auf die Berge, um nach edlen Metallen zu suchen! Am Abend kehrte er zurück, hatte aber nichts Bestimmtes gefunden. Nur ein paar Anzeichen, sagte er und nickte dazu. Er wollte den Gang bald noch einmal machen und wollte auch die Berge nach Schweden zu untersuchen.
Und ganz richtig, Brede kam wieder. Er hatte wohl Geschmack daran gewonnen, er schob es auf die Telegraphenlinie, er müsse sie nachsehen. Indessen versorgten Frau und Kinder den Hof daheim oder ließen alles ungetan liegen. Isak bekam Bredes Besuche bald satt, und er ging aus dem Hause, wenn er kam. Dann schwätzten Inger und Brede herzlich miteinander. Was konnten sie nur zu schwätzen haben? Oh, Brede war oft im Dorf drunten und wußte immer etwas Neues von den Großen dort, Inger aber hatte ihrerseits ihre berühmte Reise nach Drontheim und ihren Aufenthalt, von dem sie erzählen konnte. In den Jahren, die sie fortgewesen war, hatte sie schwätzen gelernt, sie fing mit jedermann gleich eine Unterhaltung an. Nein, sie war nicht mehr dieselbe treuherzige, rechtschaffene Inger von früher.
Immer noch kamen Frauen und Mädchen nach Sellanraa, um sich Kleider zuschneiden oder im Handumdrehen wohl auch einen langen Saum auf der Maschine nähen zu lassen, und Inger unterhielt sie gut dabei. Auch Oline kam wieder, sie konnte es wahrscheinlich nicht aushalten, wegzubleiben, denn sie kam sowohl im Frühjahr als im Herbst, aalglatt, butterweich und falsch. — Ich mußte einmal sehen, wie es bei euch steht, sagte sie jedesmal. Und ich habe so Heimweh nach den kleinen Knaben, sagte sie, ich habe sie so in mein Herz geschlossen, die lieben Engel, die sie damals waren. Ja, ja, jetzt sind es große Burschen; aber es ist ganz merkwürdig, ich muß immer daran denken, wie sie noch so klein waren und ich für sie zu sorgen hatte. Und ihr baut und baut und macht den Hof zu einer ganzen Stadt. Werdet ihr auch eine Glocke auf dem neuen Scheunendach anbringen, gerade wie im Pfarrhaus?
Als Oline wieder einmal auf Sellanraa ankam, brachte sie eine andere Frau mit, und die beiden Frauen und Inger hatten einen guten Tag zusammen. Je mehr Menschen Inger um sich herumsitzen hatte, desto besser und desto schneller hantierte sie mit der Schere und nähte auf der Maschine; sie tat groß, schwang ihre Schere oder das Plätteisen. Das erinnerte sie an die Zeit in der Anstalt, wo sie so viele gewesen waren. Inger verbarg durchaus nicht, wo sie ihre Kunst und ihr Wissen her hatte, von Drontheim hatte sie's. Es war, als habe sie nicht auf gewöhnliche Weise dort eine Strafe abgesessen, sondern als sei sie in der Lehre gewesen: Schneidern, Weben, Färben und Schreiben, in all dem hatte sie Unterricht in Drontheim gehabt. Von der Anstalt redete sie mit einem gewissen Heimatgefühl, es waren so viele Leute dagewesen: Vorsteher und Aufsichtsbeamte und Wächter; als sie damals wieder heimgekommen war, sei es sehr einsam für sie gewesen, und es sei ihr überaus hart gefallen, sich von dem Gesellschaftsleben, an das sie nun gewohnt gewesen, zurückzuziehen. Sie tat sogar, als habe sie sich erkältet, weil sie in der rauhen Luft draußen gewesen war, ja, noch jahrelang nach ihrer Rückkehr sei es ihr nicht gut bekommen, in Wind und Wetter draußen zu sein. Zu der Arbeit außer dem Hause müßte sie eigentlich eine Magd haben. — Ja, aber Herrgott im Himmel, sagte Oline, du mit deiner Gelehrsamkeit und mit deinem großen Haus, du müßtest doch eine Magd halten können!