Es war recht angenehm, auf Verständnis zu stoßen, und Inger widersprach Oline nicht. Sie rasselte mit ihrer Maschine, daß es dröhnte, und ließ den Ring an ihrem Finger funkeln.
Nun siehst du selbst, sagte Oline zu der andern Frau, ist es nicht wahr, daß Inger einen goldenen Ring bekommen hat? — Wollt ihr ihn sehen? fragte Inger und zog ihn ab. Oline griff danach, sie schien nicht ganz sicher zu sein und untersuchte den Ring, wie ein Affe eine Nuß untersucht: sah auch nach dem Stempel: Ja, es ist, wie ich sagte, diese Inger mit all ihrem Reichtum und all ihren Mitteln. — Die andere Frau nahm den Ring mit Ehrfurcht in die Hand und lächelte demütig. — Du darfst ihn eine Weile anbehalten, sagte Inger. Steck ihn nur an, er geht nicht entzwei!
Und Inger war freundlich und gutherzig. Sie erzählte von der Domkirche in Drontheim und begann: Ihr habt wohl die Domkirche in Drontheim nicht gesehen? Nein, ihr seid ja nicht in Drontheim gewesen! Diese Domkirche war gleichsam Ingers eigene Domkirche; sie verteidigte sie, prahlte mit ihr, gab Höhe und Breite an, sie sei wie ein Märchen! Sieben Pfarrer predigten gleichzeitig in ihr und hörten doch nichts voneinander. Dann habt ihr wohl den Brunnen des heiligen Olaf auch nicht gesehen? Er liegt mitten in der Domkirche auf der einen Seite, und dieser Brunnen ist grundlos. Als wir da hingingen, hatten wir einen Stein mitgenommen, und den ließen wir hineinfallen, aber er erreichte den Grund nicht. — Er erreichte den Grund nicht! flüsterten die Frauen und schüttelten die Köpfe. — Aber außerdem sind noch tausend andere Dinge in der Domkirche! rief Inger entzückt aus. Da ist nun der silberne Schrein, das ist der Schrein von Sankt Olaf dem Heiligen, ihm gehört er. Aber die Marmorkirche, die eine kleine Kirche ganz und gar aus Marmor war, aber diese Kirche, die haben uns die Dänen im Krieg genommen ...
Die Frauen mußten aufbrechen. Oline zog Inger auf die Seite und mit sich in die Vorratskammer hinein, wo, wie sie wußte, die Käse lagen, und machte die Tür hinter sich zu. — Was willst du von mir? fragte Inger. — Oline flüsterte: Der Os-Anders wagt nicht mehr hierherzukommen. Ich habe es ihm gesagt. — Ach so, sagte Inger. — Ich habe ihm gesagt, er solle es nur wagen, nach dem, was er dir angetan hat! — Ja, ja, sagte Inger. Aber er ist seither mehrere Male hier gewesen, und im übrigen kann er gerne kommen, ich fürchte mich nicht vor ihm! — Nein, sagte Oline, aber ich weiß, was ich weiß, und wenn du es willst, werde ich ihn anzeigen. — So, sagte Inger, nein, das sollst du nicht tun.
Aber es war ihr nicht widerwärtig, daß Oline auf ihrer Seite stand; es kostete sie zwar einen kleinen Ziegenkäse, aber Oline bedankte sich großartig dafür. Es ist, wie ich sage und immer gesagt habe. Inger besinnt sich nicht lange, wenn sie gibt, dann gebraucht sie beide Hände. Nein, du hast keine Angst vor Os-Anders, aber ich habe ihm nun verboten, dir je wieder unter die Augen zu kommen. Das war das mindeste, was ich für dich tun konnte. — Da sagte Inger: Was kann es mir ausmachen, wenn er kommt, mir kann er nicht mehr schaden. — Oline spitzte die Ohren: So, hast du ein Mittel dagegen erfahren? — Ich bekomme keine Kinder mehr, sagte Inger.
Da standen sie ja auf gleichem Fuß und hatten beide gleich gute Trümpfe. Oline wußte ja, daß der Lappe Os-Anders vorgestern gestorben war ...
Warum sollte Inger keine Kinder mehr bekommen? Sie lebte nicht in Feindschaft mit ihrem Mann, sie waren nicht wie Hund und Katze, weit entfernt! Alle beide hatten ihre Eigenheiten, aber sie stritten sich selten und nie lange, nachher war alles wieder gut. Oftmals konnte auch Inger wieder wie in den alten Tagen sein und im Stall und auf den Feldern große Arbeit leisten; es war, als ginge sie da in sich und bekomme gesunde Rückfälle. Dann sah Isak seine Frau mit dankbaren Augen an, und wenn er zu denen gehört hätte, die sich gleich aussprechen, würde er wohl gesagt haben: Was? Hm! Was machst du für einen Spaß! oder etwas anderes Anerkennendes. Allein er schwieg zu lange, und sein Lob kam zu spät. Aber auf diese Weise machte es Inger keine Freude, und es lag nichts daran, ständig tüchtig zu sein.
Sie hätte über fünfzig Jahre alt sein und noch Kinder bekommen können, aber so wie sie aussah, sich drehte und wendete, war sie vielleicht nicht einmal vierzig. Alles hatte sie in der Anstalt gelernt — hatte sie wohl auch einige Kunstgriffe für ihre Person gelernt? Außerordentlich wohlüberlegt und wohlunterrichtet kehrte sie von dem Umgang mit den andern Mörderinnen heim, vielleicht hatte sie auch dies und jenes von den Herren gehört, von den Aufsehern, den Ärzten? Einmal erzählte sie Isak, ein junger Mediziner habe über ihr ganzes Verbrechen gesagt: Warum sollte man jemand strafen, wenn er Kinder umbringt, ja, sogar gesunde Kinder, sogar wohlgestaltete? Die sind da doch nichts anderes als Fleischklumpen. — Isak erwiderte: War er denn ein Untier? — Er! rief Inger, und dann erzählte sie, wie gut er gegen sie gewesen sei, gegen sie, Inger selbst, er gerade habe ja einen anderen Arzt veranlaßt, ihren Mund zu operieren und sie zu einem Menschen zu machen. Ja, jetzt habe sie nur eine Narbe.
Ja, jetzt hatte sie nur eine Narbe, und sie war eine recht hübsche Frau geworden, groß, ohne Fettansatz, mit bräunlicher Haut und dichtem Haarwuchs. Im Sommer ging sie meist barfuß und hoch aufgeschürzt mit freimütigen Beinen. Isak sah sie, wer sah sie nicht!
Sie stritten sich nicht, nein, Isak hatte nicht die Gabe dazu, und seine Frau war jetzt viel mundfertiger geworden. Zu einem guten gründlichen Streit brauchte dieser Klotz, dieser Mühlengeist Zeit, er verwirrte sich in ihren Worten und brachte nicht viel heraus, und außerdem hatte er auch ein Herz für sie, eine kräftige Liebe. Er brauchte sich auch gar nicht oft zu verteidigen, Inger griff ihn nicht an, er war in vieler Beziehung ein ausgezeichneter Mann, und Inger ließ ihn ungerügt. Worüber hätte sie sich beklagen sollen? Wahrlich, Isak war nicht zu verachten, sie hätte einen schlimmeren Mann bekommen können. War er alt geworden, abgerackert? Freilich hatte sie Anzeichen von Müdigkeit an ihm bemerkt, aber nicht so, daß es etwas ausgemacht hätte. Er war, sozusagen, erfüllt von alter Gesundheit und Unverbrauchtheit ebenso wie sie, und im Nachsommer ihrer Ehe leistete er seinen Teil an Zärtlichkeit mindestens ebenso warm wie sie.