Aber eine besondere Pracht oder Schönheit war keineswegs an ihm. Nein, darin war Inger ihm überlegen. Bisweilen dachte sie wohl auch, sie habe schon Schöneres gesehen, Männer in feinen Kleidern und mit Spazierstöcken; Herren mit Taschentüchern und gestärkten Kragen, o diese Stadtherren! Deshalb behandelte sie Isak auch nur als den, der er war, sozusagen nur nach Verdienst, nicht besser: er war ein Ansiedler im Walde; wäre ihr Mund von jeher recht gewesen, so hätte sie ihn nie genommen, das wußte sie jetzt. Nein, dann hätte sie einen andern kriegen können. Diese Heimat, die ihr geworden war, dieses ganze öde Dasein, das ihr Isak bereitet hatte, war im Grunde genommen recht mäßig; jedenfalls hätte sie drunten in ihrer Heimatgemeinde verheiratet sein und Gesellschaft und Umgang genug haben können, anstatt hier oben im Ödland eine Hexe zu werden. Hier paßte sie nicht mehr her, sie hatte jetzt andere Anschauungen.
War es nicht merkwürdig, wie sich die Ansichten ändern konnten! Es gelang Inger nicht mehr, sich über ein besonders schönes Kalb zu freuen oder die Hände vor Verwunderung zusammenzuschlagen, wenn Isak mit einer recht großen Beute vom Fischfang heimkam, nein, sie hatte sechs Jahre lang in größeren Verhältnissen gelebt. Ja, so ganz allmählich waren auch die Tage vorüber, wo sie ihn freundlich und liebreich zu den Mahlzeiten hereinrief. Jetzt sagte sie: Kommst du denn nicht zum Essen? War das eine Art! Zuerst wunderte er sich ein wenig über diese Veränderung, über eine so verdammt verdrießliche und unhöfliche Art, und er erwiderte: Ich habe nicht gewußt, daß das Essen fertig ist. — Aber als sie behauptete, er müsse das doch einigermaßen nach dem Stand der Sonne wissen, hörte er auf, etwas zu entgegnen und noch ein Wort darüber zu verlieren.
Oh, aber einmal, da ertappte er sie und griff tüchtig zu! Das war, als sie ihm Geld stehlen wollte. Nicht weil er selbst so sehr aufs Geld aus gewesen wäre, sondern weil es durchaus und ganz allein ihm gehörte. Hoho, da hätte sie fürs ganze Leben einen Leibschaden davontragen können! Und doch war Inger da nicht ganz verworfen und gottvergessen gewesen; Eleseus sollte ja das Geld haben, der liebe Eleseus in der Stadt, der wieder um einen Taler gebeten hatte. Sollte er da zwischen all den andern feinen Leuten mit leeren Taschen umhergehen müssen? Hatte sie nicht ein Mutterherz? Sie hatte Geld von Isak verlangt, und da dies nicht half, hatte sie selbst zugegriffen. Woher es nun aber kommen mochte, ob Isak ihr mißtraute, oder ob es ein Zufall war — der böse Streich wurde jedenfalls gleich entdeckt, und in demselben Augenblick fühlte sich Inger an beiden Armen gefaßt; sie fühlte, daß sie zuerst in die Höhe gehoben und dann schwer auf den Boden gestoßen wurde. Das war etwas Ungewöhnliches, eine Art Bergsturz. Oh, da waren Isaks Hände nicht abgeschafft und müde! Inger stöhnte laut auf, ihr Kopf sank nach hinten, sie zitterte und streckte ihm den Taler hin.
Auch jetzt sprach sich Isak nicht weiter aus, obgleich Inger ihn nicht daran hinderte, zu Wort zu kommen, er stieß eigentlich nur schnaufend hervor: Prügel gehören dir, sonst kann man dich nicht mehr im Zaum halten!
Er war nicht wiederzuerkennen. Oh, er machte wohl lang unterdrücktem Ärger Luft!
Nun verging ein trauriger Tag und eine lange Nacht und noch ein weiterer Tag. Isak ging fort und schlief draußen, obgleich er trockenes Heu liegen hatte, das eingefahren werden sollte; Sivert war bei dem Vater. Inger hatte Leopoldine und die Tiere um sich, aber sie fühlte sich allein, weinte die ganze Zeit und schüttelte den Kopf über sich selbst: eine so große Gemütsbewegung hatte sie nur einmal in ihrem Leben durchgemacht; jetzt mußte sie an damals denken, als sie ihr neugeborenes Kind umbrachte.
Wo waren Isak und der Sohn? Sie waren nicht müßig gewesen; wohl stahlen sie einen Tag und mehr von der Heuernte, aber sie bauten ein Boot droben am Bergsee. Allerdings ein plumpes Fahrzeug ohne alle Ausschmückung, aber stark und dicht war es wie alles, was sie machten, und nun hatten sie ein Boot und konnten mit dem Netze fischen.
Als sie wieder heimkamen, lag das Heu noch ebenso trocken da. Sie hatten dem Himmel den Streich gespielt, sich auf ihn zu verlassen, und hatten dabei noch gewonnen, der Vorteil war auf ihrer Seite. Da deutete Sivert plötzlich hinüber und rief: Die Mutter hat geheut! — Der Vater sah auf die Wiese hinunter und sagte: So. — Isak hatte ja gleich gesehen, daß ein Teil des Heus verschwunden war, jetzt war Inger wohl drinnen bei der Hausarbeit. Das war eine ganz besondere Leistung, nachdem er ihr gestern mit Schlägen gedroht und sie geschüttelt hatte. Und es war schweres, kräftiges Heu, sie hatte hart arbeiten müssen, und außerdem hatte sie auch noch alle Kühe und Ziegen zu melken gehabt. — Geh hinein und iß! sagte Isak zu Sivert. — Du nicht auch? — Nein.
Als Sivert eine Weile drinnen gewesen war, kam Inger heraus; sie blieb demütig auf der Türschwelle stehen und sagte: Kannst du dir's nicht selbst gönnen, daß du auch hereinkommst und etwas ißt? — Darauf knurrte Isak nur und sagte: Hm. Aber Inger demütig zu sehen, war in der letzten Zeit ein so seltenes Erlebnis geworden, daß er in seinem Starrsinn etwas erschüttert wurde. — Wenn du mir ein paar Zähne in meinen Rechen einsetzen würdest, dann könnte ich weiter rechen, sagte sie. Sie wendete sich mit einer Bitte an den Herrn des Hofes, an das Oberhaupt von allem, und sie war dankbar, daß er ihr nicht eine höhnische, abschlägige Antwort gab. — Du hast jetzt genug gerecht und eingefahren, sagte er. — Nein, es ist noch nicht genug. — Ich habe jetzt keine Zeit, deinen Rechen zu flicken, du siehst, daß Regen kommt.