Nein, er hatte sich selbst auf die Seite gestellt, als er das Dorf verließ. Jetzt sah er mit Eifersucht, daß der Lensmann einen andern Gerichtsboten und daß der Doktor einen andern Kutscher hatte; er war von den Menschen, die ihn brauchten, fortgelaufen, jetzt, da er nicht mehr zur Hand war, behalfen sie sich ohne ihn. Aber welch ein Gerichtsbote und welch ein Kutscher! Eigentlich müßte er — Brede — mit Wagen und Pferd ins Dorf zurückgeholt werden!

Aber da war nun Barbro, und warum hatte er denn versucht, sie auf Sellanraa unterzubringen? Oh, das hatte er nach reiflicher Überlegung mit seiner Frau getan. Wenn alles richtig ging, so hätte das Mädchen da Aussichten für die Zukunft gehabt, ja, vielleicht wären da Aussichten für die ganze Familie Brede gewesen. Die Haushälterinstelle bei den zwei Kontoristen in Bergen war ja schon recht, aber Gott mochte wissen, was Barbro da schließlich bekam? Barbro war ja hübsch und auf ihren Vorteil aus, sie hätte vielleicht hier bessere Gelegenheit, vorwärtszukommen. Es waren zwei Söhne auf Sellanraa.

Aber als Brede merkte, daß dieser Plan fehlschlug, dachte er sich einen andern aus. Oh, im Grunde war es wirklich nichts Erstrebenswertes, mit Inger verwandt zu werden, mit einer bestraften Person, es gab noch andere Burschen als die auf Sellanraa! Da war nun Axel Ström. Er hatte Hof und Gamme, er war ein Mann, der schaffte und sparte und sich allmählich Vieh und andere Besitztümer anschaffte, aber keine Frau und keine weibliche Hilfe hatte. Das kann ich dir sagen, wenn du Barbro bekommst, so hast du alle Hilfe, die dir not tut! sagte er zu Axel. Und hier kannst du ihre Photographie sehen, sagte er.

Ein paar Wochen vergingen, dann kam Barbro. Ja, Axel war nun schon mitten in der Heuernte, er mußte bei Nacht mähen und bei Tag wenden und hatte alles allein zu leisten; aber nun kam Barbro. Sie kam wie ein wirkliches Geschenk. Es zeigte sich auch, daß sie arbeiten konnte; sie scheuerte das Geschirr, wusch die Kleider und kochte das Essen, sie melkte die Tiere und half draußen beim Heurechen, jawohl, sie war mit draußen beim Heu und trug es mit herein, es fehlte nichts. Axel entschloß sich, ihr einen guten Lohn zu geben, er gewann doch noch dabei.

Hier war sie nicht nur die Photographie einer feinen Dame. Barbro war groß und schlank, sie hatte eine etwas heisere Stimme, zeigte Reife und Erfahrung in vielem und war durchaus keine Neukonfirmierte. Axel begriff nicht, warum ihr Gesicht so mager und elend aussah: Ich sollte dich eigentlich vom Ansehen kennen, aber du gleichst deiner Photographie gar nicht. — Das kommt von der Reise, erwiderte sie. Ja und von der Stadtluft. — Es dauerte auch nicht lange, da wurde sie wieder rund und hübsch, und sie sagte: Glaub mir, so eine Reise und so eine Stadtluft, die zehren tüchtig an einem! Sie spielte auch auf die Versuchungen in Bergen an — da müsse man sich in acht nehmen! Aber während sie sich weiter unterhielten, sagte sie, Axel solle sich auf eine Zeitung, eine Bergener Zeitung abonnieren, damit sie auch sehen könne, was in der Welt vorgehe. Sie sei jetzt ans Lesen, an Theater und Musik gewöhnt, hier sei es sehr einsam, sagte sie.

Da Axel Ström mit seiner Sommeraushilfe so Glück gehabt hatte, abonnierte er auf die Zeitung und ertrug auch die Familie Brede, die recht oft auf seine Ansiedlung kam und da aß und trank. Er wollte seiner Dienstmagd Freude machen. Nichts konnte behaglicher sein als die Sonntagabende, wenn Barbro die Saiten ihrer Gitarre schlug und mit ihrer etwas heiseren Stimme dazu sang; Axel war über die fremden hübschen Lieder und darüber, daß wirklich jemand auf der Ansiedlung bei ihm war und sang, gerührt.

Im Laufe des Sommers lernte er Barbro allerdings auch von anderen Seiten kennen, aber im großen und ganzen war er zufrieden. Sie war nicht ohne Launen, und sie konnte rasche Antworten geben, etwas zu rasche. An jenem Sonnabend, als Axel notwendig ins Dorf hinunter zum Kaufmann mußte, hätte Barbro das Vieh und die Hütte nicht verlassen und auch alles andere nicht einfach im Stich lassen dürfen. Die Ursache dazu war ein kleiner Streit gewesen. Und wo war sie hingegangen? Nur nach Hause, nach Breidablick, aber trotzdem. Als Axel in der Nacht zurückkam, war Barbro nicht da, er versorgte die Tiere, aß und ging schlafen. Gegen Morgen erschien Barbro. — Ich wollte wieder einmal fühlen, wie es einem in einem Haus mit einem Bretterboden zumut ist, sagte sie recht höhnisch. — Darauf konnte Axel eigentlich nichts erwidern, denn er hatte ja nur eine Torfhütte mit einem Lehmboden, aber er antwortete, er habe immerhin auch Bretter und werde wohl auch einmal ein Haus mit einem Bretterboden haben! — Da war es, als gehe sie in sich; nein, schlimmer war Barbro nicht, und obgleich es Sonntag war, ging sie rasch in den Wald, holte Wacholderzweige für den Lehmboden und machte ihn hübsch.

Aber da sie so ausgezeichnet und von Herzen gut war, mußte ja auch Axel mit dem hübschen Kopftuch herausrücken, das er am vorhergehenden Abend für sie gekauft hatte; er hatte eigentlich gedacht, er wolle es aufheben, um ordentlich etwas von ihr dafür zu erreichen. Aber nun gefiel es ihr sehr gut, sie probierte es sofort auf, ja, sie fragte ihn, ob es ihr nicht gut stehe. O doch, sehr gut, aber sie könnte gerne sein Felleisen auf den Kopf setzen, es würde ihr auch stehen. Da lachte sie und wollte auch recht liebenswürdig sein, deshalb sagte sie: Ich gehe lieber mit diesem Kopftuch in die Kirche und zum Abendmahl als im Hut. In Bergen trugen wir ja alle Hüte, ja, ausgenommen gewöhnliche Dienstmädchen, die vom Lande hereinkamen.

Wieder lauter Freundschaft!

Und als Axel mit der Zeitung herausrückte, die ihm auf der Post mitgegeben worden war, setzte sich Barbro hin und las die neuesten Nachrichten von der Welt draußen: von einem Einbruch bei einem Goldschmied in der Strandstraße, von einer Schlägerei zwischen Zigeunern, von einer Kindsleiche, die in den Stadtfjord hereingetrieben und in ein altes, unter den Armen quer abgeschnittenes Hemd eingewickelt gewesen war. Wer kann nur das Kind ins Wasser geworfen haben? fragte Barbro. Aus alter Gewohnheit las sie auch noch die Marktpreise.