Geißler wurde es gewiß schwer, Sellanraa zu verlassen, ohne für seinen Aufenthalt zu bezahlen, wie er es gewohnt war. Er tat deshalb, als habe er bezahlt, als habe er wirklich einen größeren Geldschein hingelegt, denn er sagte zu der kleinen Leopoldine: Und nun sollst du auch noch etwas haben. Hier nimm! Damit gab er ihr seine Tabaksdose, die silberne Dose! — Du kannst sie auswaschen und Nadeln drin aufheben. Übrigens paßt sie nicht gut dazu; wenn ich nur geschwind nach Hause könnte, dann solltest du etwas anderes bekommen, ich habe ja verschiedenes ...
Aber die Wasserleitung lag nach Geißlers Besuch noch da, sie lag da und schaffte Tag und Nacht, Woche um Woche, sie machte die Felder grün, half den Kartoffeln zum Verblühen, half dem Korn in den Halm zu schießen.
Die Ansiedler von weiter unten kamen einer nach dem andern herauf, um sich das Wunderwerk anzusehen. Auch Axel Ström kam, der Besitzer von Maaneland, der unverheiratet war und keine eigene weibliche Hilfe hatte, sondern alles selbst besorgte, auch er kam. Er war heute aufgeräumter und sagte, es sei ihm nun ein Mädchen zur Hilfe für den Sommer versprochen worden, nun sei dieser Kummer gestillt! Er nannte den Namen des Mädchens nicht, und Isak fragte nicht danach; aber es war Bredes Barbro, die man ihm versprochen hatte, es sollte ihn nur ein Telegramm nach Bergen kosten. Na, und Axel legte ja das Geld für dieses Telegramm aus, obgleich er gewiß ein äußerst sparsamer Mann, ja geradezu etwas geizig war.
Die Wasserleitung war es, die Axel an diesem Tag heraufgelockt hatte; er sah sie sich von dem einen Ende bis zum andern an und interessierte sich ungeheuer dafür. Auf seinem Grundstück war zwar kein größerer Fluß, aber doch ein Bach, auch hatte er keine Bretter zu Rinnen, aber er wollte den ganzen Wasserlauf in die Erde graben, das ließ sich auch machen. Es sehe auch auf seinem tiefgelegenen Grundstück nicht so schlimm aus, wenn aber die Trockenheit anhalte, müsse er auch bewässern. — Als er das gesehen hatte, was er hatte sehen wollen, sagte er Lebewohl. Isak und seine Frau luden ihn ein, hereinzukommen, aber er sagte, er habe keine Zeit, er wolle an diesem Abend noch mit dem Graben anfangen; dann ging er.
Das war ein anderer Mann als Brede!
Oh, jetzt hatte Brede Grund, über die Moore zu laufen, um über die Wasserleitung und das Wunderwerk auf Sellanraa zu schwatzen! Ja, es ist nicht gut, wenn man zu fleißig auf seinem Grundstück ist, sagte er. Da hat nun der Isak so viele Gräben zum Austrocknen gezogen, daß er jetzt wieder wässern muß.
Isak war geduldig, aber er wünschte oft, er könnte diesen Menschen loswerden, diesen Schwätzer in der Nähe von Sellanraa. Brede war verpflichtet, die Telegraphenlinie in Ordnung zu halten, da er ja regelrecht dazu angestellt war. Aber die Telegraphenbehörde hatte ihm schon mehrere Male wegen seiner Nachlässigkeit einen Rüffel erteilen müssen, und jetzt war Isak abermals die Stelle angeboten worden. Nein, mit dem Telegraphen war Brede nicht beschäftigt, sondern mit den Metallen in den Bergen; es war eine wahre Sucht bei ihm geworden, eine fixe Idee.
Jetzt geschah es auch recht oft, daß er in Sellanraa einkehrte und meinte, er habe den Schatz gefunden. Er nickte dann und sagte: Ich sag jetzt nichts mehr, aber ich habe etwas ganz Besonderes gefunden, das leugne ich nicht. Er verschwendete seine Zeit und seine Kräfte um nichts und wieder nichts. Wenn er dann müde in sein Haus zurückkehrte, warf er einen kleinen mit Gesteinsproben gefüllten Sack auf den Boden, pustete und schnaufte nach seinem Tagewerk und meinte, niemand arbeite so hart für seinen Unterhalt wie er. Er baute etwas Kartoffeln auf saurem Moorboden, mähte die Grasplätze ab, die von selbst um sein Haus her wuchsen, das war seine Feldarbeit. Er war in ein falsches Fahrwasser geraten, es mußte ein schlimmes Ende mit ihm nehmen. Jetzt war schon sein Torfdach zerfetzt und die Küchentreppe von der Dachtraufe verfault, ein kleiner Schleifstein lag umgestürzt am Boden, und das Fuhrwerk stand ewig unter freiem Himmel.
Brede hatte es insofern gut, als er sich über solche Kleinigkeiten durchaus nicht abgrämte. Wenn die Kinder den Schleifstein beim Spielen umherrollten, war der Vater sehr gutmütig und lieb, ja, er half bisweilen selbst beim Rollen. Eine leichte und faule Natur, ohne Ernst, aber auch ohne Schwerlebigkeit, ein schwacher Charakter ohne Verantwortlichkeitsgefühl, aber er fand Auswege, sich den Lebensunterhalt zu verschaffen, wie er auch sein mochte; so lebte er mit den Seinen von der Hand in den Mund, sie lebten alle miteinander. Aber natürlich konnte der Kaufmann Brede und seine Familie nicht in alle Ewigkeit am Leben erhalten, das hatte er schon oft gesagt, und jetzt sagte er es in strengem Ton. Brede sah das selbst ein und versprach, nun werde er die Sache in Ordnung bringen; er wolle sein Grundstück verkaufen, vielleicht verdiene er gut dabei, und dann werde er den Kaufmann bezahlen.
Ja, selbst wenn er daran verlor, wollte Brede verkaufen, was sollte er mit einem Grundstück! Er sehnte sich wieder ins Dorf hinunter, nach Leichtsinn, Klatschereien und dem Kaufladen — dahin sehnte er sich, anstatt ruhig hier zu schaffen und zu wirken und die große Welt zu vergessen. Ach, hätte er die Weihnachtsfeiern mit dem Lichterbaum oder das Nationalfest am siebzehnten Mai oder die Wohltätigkeitsverkäufe im Gemeindehaus vergessen können! Er liebte es ja über alles, mit den Leuten zu schwatzen, sich nach Neuigkeiten zu erkundigen, aber mit wem hätte er sich hier auf den Mooren unterhalten können? Inger auf Sellanraa hatte eine Weile Anlage dazu gezeigt, jetzt war sie wieder ganz anders geworden, wieder ganz wortkarg. Und übrigens war sie im Gefängnis gewesen, und er war ein öffentlich angestellter Mann, das schickte sich nicht.