Er war jetzt mehrere Jahre fort gewesen und war größer als der Vater geworden, mit langen weißen Händen und einem kleinen dunklen Schnurrbart. Er spielte sich nicht auf, sondern schien sich ein natürliches, freundliches Wesen zur Pflicht zu machen; die Mutter war verwundert und froh darüber. Er bekam mit Sivert zusammen die Kammer, die Brüder waren gut Freund miteinander und spielten einander manchen Schabernack, an dem sie sich höchlich ergötzten. Aber natürlich mußte Eleseus beim Zimmern des Anbaus helfen, und da wurde er bald müde und erschöpft, weil er körperlicher Arbeit ganz ungewohnt war. Ganz schlimm wurde es, als Sivert die Arbeit aufgeben und sie den beiden andern überlassen mußte — ja, da war dem Vater eher geschadet als gedient.

Und wohin ging Sivert? Ja, war nicht eines Tages Oline übers Gebirge dahergekommen mit der Botschaft von Oheim Sivert, daß er im Sterben liege! Mußte da nicht Klein-Sivert hingehen? Das war ein Zustand! — Niemals hätte das Verlangen des Oheims, Sivert jetzt bei sich zu haben, ungelegener kommen können; aber da war nichts zu machen.

Oline sagte: Ich hatte gar keine Zeit, den Auftrag zu übernehmen, nein, ganz und gar nicht, aber ich habe nun einmal die Liebe zu allen den Kindern hier und für Klein-Sivert besonders, und so wollte ich ihm zu seinem Erbe verhelfen. — Ist denn der Oheim Sivert sehr krank? — Ach du lieber Gott, er nimmt mit jedem Tag mehr ab! — Liegt er zu Bett? — Zu Bett! Herr des Himmels, ihr solltet nicht so freventlich herausreden. Sivert springt und läuft nicht mehr auf dieser Welt.

Nach dieser Antwort mußten sie ja annehmen, daß es mit dem Oheim Sivert stark auf das Ende zugehe, und Inger trieb Klein-Sivert noch tüchtig zur Eile an; sofort sollte er gehen.

Aber der Oheim Sivert, der Halunke, der Schelm, lag durchaus nicht im Sterben, er lag nicht einmal beständig zu Bett. Als Klein-Sivert ankam, fand er eine fürchterliche Unordnung und Vernachlässigung auf dem kleinen Hofe vor, ja, die Frühjahrsarbeit war nicht einmal ordentlich getan worden, nein, nicht einmal der Winterdung war hinausgefahren, aber der Tod schien nicht augenblicklich bevorzustehen. Der Oheim Sivert war allerdings ein alter Mann, über siebzig, er war hinfällig und trieb sich halb angezogen im Hause umher, lag auch oft zu Bett und mußte für verschiedenes notwendig Hilfe haben; zum Beispiel mußte das Heringsnetz, das im Bootsschuppen hing und da schlecht aufgehoben war, ausgebessert werden. O ja, aber der Oheim war durchaus nicht so am Ende, daß er nicht noch gepökelte Fische essen und sein Pfeifchen rauchen konnte.

Nachdem Sivert eine halbe Stunde dagewesen war und gesehen hatte, wie alles zusammenhing, wollte er gleich wieder heim. — Heim? fragte der Alte. — Ja, wir bauen eine Stube, und dem Vater fehlt meine Hilfe. — So, sagte der Alte, ist denn nicht Eleseus daheim? — Doch, aber der ist diese Arbeit nicht gewohnt. — Warum bist du dann gekommen? — Sivert erklärte, welche Botschaft Oline gebracht habe. — Im Sterben? fragte der Alte. Meinte sie, ich liege im Sterben? Zum Teufel auch! — Hahaha! lachte Sivert. — Der Alte sah den Neffen gekränkt an und sagte: Du machst dich über einen Sterbenden lustig, und du bist nach mir getauft worden! — Sivert war zu jung, um eine betrübte Miene aufzusetzen, er hatte sich nie etwas aus dem Oheim gemacht, und jetzt wollte er wieder heim.

Na, und du hast also auch gemeint, ich liege im Sterben und bist da gleich hergerannt, sagte der Alte. — Oline hat es gesagt, beharrte Sivert. — Nach kurzem Schweigen machte der Oheim ein Angebot: Wenn du mein Netz im Bootsschuppen flickst, darfst du etwas bei mir sehen. — So, sagte Sivert, und was ist es? — Ach, das geht dich nichts an, versetzte der Alte mürrisch und legte sich wieder zu Bett.

Die Verhandlungen brauchten offenbar Zeit. Sivert wußte nicht recht, was tun. Er ging hinaus und sah sich um, alles war unordentlich und vernachlässigt, die Arbeit hier in Angriff nehmen zu sollen, wäre ein Unding gewesen. Als er wieder hereinkam, war der Oheim auf und saß am Ofen.

Siehst du dies? fragte er und deutete auf einen eichenen Schrein, der zwischen seinen Füßen auf dem Boden stand. Das war der Geldschrein. In Wirklichkeit war es einer von jenen Flaschenkasten, mit vielen Abteilungen, den Beamte und andere vornehme Leute in alten Tagen auf ihren Reisen mit sich geführt hatten; es waren jetzt keine Flaschen mehr drin, der alte Bezirkskassierer bewahrte Rechnungen und Gelder darin auf. Oh, diese Flaschenkiste, die Sage ging, daß sie den Reichtum der ganzen Welt berge, die Leute im Dorfe pflegten zu sagen: Wenn ich nur das Geld hätte, das der Sivert in seinem Schrein hat!