Auch diesmal kam Oline nicht ohne Neuigkeiten aus ihrem Dorfe; sie stellte sich nie leer ein: Jetzt war die Verrechnung von dem Nachlaß des alten Sivert fertig geworden, und es blieb kein Vermögen übrig! Gar keines!

Hier kniff Oline den Mund zusammen, und ihre Blicke schweiften gespannt von einem zum andern. Na, tönte denn kein Seufzer durch die Stube, fiel nicht die Decke ein? Eleseus war der erste, der lächelte. Wie ist's denn, bist du nicht nach dem Ohm Sivert getauft? fragte er mit gedämpfter Stimme. Und Klein-Sivert antwortete ebenso gedämpft: Doch. Aber ich habe ja seinen ganzen Nachlaß dir verehrt. — Wieviel war's denn? — Zwischen fünf- und zehntausend. — Taler? rief Eleseus schnell und machte Sivert genau nach.

Oline meinte, es sei jetzt nicht Zeit zu spaßen, ach, wie war sie selbst geprellt worden, und sie hatte doch am Sarg des alten Sivert ihre ganze zähe Willenskraft aufgeboten und Tränen geweint. Eleseus wußte ja selbst am besten, was er geschrieben hatte: soundso viel für Oline als Stab und Stütze für ihr Alter. Was war aus diesem Stab geworden? Übers Knie gelegt und gebrochen.

Arme Oline, sie hätte wohl eine Kleinigkeit erben dürfen, das wäre der einzige lichte Punkt in ihrem Leben gewesen! Sie war nicht verwöhnt. Geübt im Bösen, jawohl, daran gewöhnt, sich von Tag zu Tag mit Kniffen und kleinen Betrügereien durchzuschlagen, groß allein in der Kunst, Klatsch zu verbreiten, ihre Zunge gefürchtet zu machen, jawohl. Nichts hätte sie jetzt noch schlimmer machen können, eine Erbschaft am allerwenigsten. Sie hatte ihr ganzes Leben lang gearbeitet, hatte Kinder geboren und ihnen ihre eigenen paar Handfertigkeiten beigebracht, hatte für sie gebettelt, vielleicht auch gestohlen, aber sie doch ernährt — eine Mutter in kleinen Verhältnissen. Ihre Gaben waren nicht geringer als die Gaben anderer Politiker, sie wirkte und schaffte für sich und die Ihrigen, richtete sich nach dem Augenblick und brachte sich durch, verdiente ein Käschen da und eine Handvoll Wolle dort und würde in alltäglicher und unaufrichtiger Schlagfertigkeit leben und sterben. Oline — vielleicht hatte sich der alte Sivert an die Zeit erinnert, wo er sie noch als jung, rotwangig und hübsch gekannt hatte. Aber nun war sie alt und häßlich, ein Bild der Vergänglichkeit, sie sollte lieber tot sein. Wo wird sie begraben? Sie besitzt kein eigenes Erbbegräbnis, wahrscheinlich wird sie einmal in irgendeinem Kirchhof bei lauter fremden und unbekannten Knochenresten unter den Boden gebracht, da wird sie einmal landen. Oline, geboren und gestorben. Auch sie war einmal jung. Eine Erbschaft für sie jetzt noch zur elften Stunde! Jawohl, ein einziger lichter Punkt, und die Hände einer Sklavin der Arbeit würden sich für einen Augenblick gefaltet haben. Die Gerechtigkeit hätte ihr noch einen verspäteten Lohn gespendet, weil sie für ihre Kinder gebettelt, vielleicht auch gestohlen, sie aber jedenfalls ernährt hatte. Für einen Augenblick — und wieder hätte Dunkel in ihr geherrscht, die Augen hätten geschielt, die Hände gesucht und getastet: Wieviel ist es? würde sie sagen. Was, nicht mehr? würde sie sagen. Und sie hätte wieder recht. Sie war vielfache Mutter und verstand das Leben einzuschätzen, das war großen Lohnes wert.

Alles schlug fehl. Die Rechnungen des alten Sivert waren jetzt, nachdem Eleseus sie durchgesehen hatte, wohl einigermaßen in Ordnung, aber der kleine Hof und die Kuh, der Bootsschuppen und das Großnetz deckten nur knapp den Fehlbetrag in der Kasse. Und daß es überhaupt einigermaßen so gut ging, wie es ging, das war zum Teil Oline zu verdanken; sie war sehr versessen darauf, daß ein Rest für sie übrigbleibe, und so zog sie vergessene Posten, von denen sie als alte Klatschbase wußte, oder Posten, die der Revisor absichtlich übersehen hatte, um nicht achtenswerte Dorfgenossen in Schaden zu bringen, ans Licht. Diese verflixte Oline! Und sie beschuldigte nicht einmal den alten Sivert selbst; er hatte ja sicherlich aus gutem Herzen testiert und hätte auch reichlich Geld hinterlassen, jawohl; nein, die beiden Vertreter der Kreisverwaltung, die die Sache zu ordnen hatten, die hatten sie geprellt. Aber einst wird auch dies dem Allwissenden zu Ohren kommen! sagte Oline drohend.

Merkwürdigerweise sah sie nichts Lächerliches darin, daß sie im Testamente genannt war; das war trotz allem eine Ehre, niemand sonst von den Ihrigen stand darin.

Die Leute auf Sellanraa trugen das Unglück mit Geduld, sie waren ja auch nicht ganz unvorbereitet. Inger konnte es allerdings nicht recht fassen: Der Oheim Sivert, der seiner Lebtag so reich gewesen ist! sagte sie. — Er hätte als aufrechter und reicher Mann vor den Thron des Lammes treten können, aber sie haben ihn beraubt! behauptete Oline. — Isak war im Begriff, fortzugehen, und Oline sagte: Das ist sehr dumm, Isak, daß du fort willst, so kriege ich ja die Mähmaschine nicht zu sehen. Du hast doch eine Mähmaschine, nicht wahr? — Jawohl. — Ja, jedermann spricht davon. Und daß sie rascher mäht als hundert Sensen. Was du dir nicht alles anschaffen kannst, Isak, mit deinem Geld und deinem Vermögen! Unser Pfarrer hat einen neuen Pflug mit zwei Pflugscharen, aber was ist der Pfarrer neben dir! Das würde ich ihm offen ins Gesicht sagen. — Sivert kann dir mit der Maschine vormähen, er kann es schon viel besser als ich, sagte Isak und ging fort.

Isak ging fort. Auf Breidablick ist Versteigerung gerade um die Mittagsstunde, und er kann eben noch rechtzeitig hinkommen.

Nicht als ob Isak noch daran dachte, die Ansiedlung zu kaufen, aber das ist nun die erste Versteigerung in der Gegend, und da will er dabeisein.

Als er bis nach Maaneland gekommen ist und Barbro da sieht, will er nur grüßen und weitergehen, aber Barbro redet ihn an und fragt ihn, ob er dort hinunter wolle? — Ja, antwortet er und will weitergehen. Es ist Barbros Kinderheimat, die versteigert wird, deshalb antwortet er so kurz angebunden. — Willst du zur Versteigerung? fragt sie. — Zur Versteigerung? Na, ich gehe eben einmal hinunter. Wo ist denn Axel? — Axel? Ich weiß nicht, wo er ist. Er ist zur Versteigerung gegangen, er will wohl auch dies oder jenes zu einem Spottpreis ergattern.