Und die See ward immer bewegter, die Seekrankheit griff mehr und mehr um sich. Ein Emigrant nach dem andern brach jammervoll zusammen, und unten in den Kajüten der ersten und zweiten Klasse hatten die dienstbaren Geister genug mit dem Reinigen zu thun. Mit welcher Unbarmherzigkeit greift diese Krankheit nicht den stärksten Mann an! Ich war sehr viel auf See gewesen, und doch war ich jetzt ohnmächtig, totkrank achtundvierzig Stunden lang. Bis zu der schottischen Küste hielt ich mich einigermaßen, dann lag ich da! Einmal, als mein Elend seinen Höhepunkt erreicht hatte, und ich hilflos in einem Winkel des Decks zusammen mit ein paar andern Leidensgefährten lag, kam mein Kamerad aus der Koje links, der Haugesunder, vorüber, dieser dicke, unbehilfliche Mensch, der in seinen eigenen Stiefeln stolpern konnte, und trat ohne die geringste Notwendigkeit auf meinen Fuß, — ich war nicht imstande, mich aufzurichten und ihn nach Verdienst zu züchtigen. Er entkam mir. Im übrigen war der Haugesunder ein hilfreicher Mann. Er stahl gelbe Wurzeln für mich aus einem Vorratsschrank während der Zeit, wo ich seekrank war, er ergriff Herrn Nykes Partei, als dieser eines Tages mit dem Methodistenprediger über die Wunder in Streit geriet, und auf den Newfoundlandsbanks, als ich alle meine wichtigen Notizen verloren hatte, erklärte er, er empfinde das als ein persönliches Unglück, das könne ich ihm glauben.

Mein junger Reisegefährte, Herr Nyke und die beiden Handwerker saßen unten und belustigten sich mit einer Flasche Rum. Der Kaufmann war gerade von der schwarzen Victoria in Anspruch genommen, einer ganz jungen Mexikanerin, die ihren Herzensfreund, einen Schiffer aus Sandefjord auf seinem Schiff nach Norwegen begleitet hatte — und sich nun auf dem Rückwege in ihre ferne Heimat befand. Gleich einem seltenen, fremdartigen Tier ging sie an Bord umher, zärtlich, sehr empfänglich für Aufmerksamkeiten; sie sang spanische Lieder und rauchte Cigaretten wie ein Mann. Der Kaufmann sah ihr von Zeit zu Zeit ins Gesicht und nannte sie mit liebevoller Betonung sein kleines Ungetüm, sein kleines, schwarzes Beast, Worte, die sie ja nicht verstand. Einmal geriet sie in Streit mit einer der Karl-Johann-Damen. Da sprang das kleine, feurige Ding plötzlich auf und überschüttete ihre Gegnerin mit einem Strom englischer Schimpfworte und Spottnamen, die wie die Sonne in ihrem Heimatlande brannten, rohe, blutige Farben und Gebärden, Worte, die so nackt waren, daß es nicht möglich ist, sie zu wiederholen — —

Ein Gesang, ein Mittelding zwischen Gesang und Rede, ertönte hinter mir. Es war Herr Nyke, der lallte. Herr Nyke war betrunken, der Rum war ihm zu Kopf gegangen. Mit einem sonnigen, glücklichen Lächeln erklärte er, nichts sei so schön, als im Mond spazieren gehn, spazieren gehn! Er setzte sich auf den ersten besten Platz und lallte weiter.

Jetzt war alles still geworden, nur die Maschine stampfte, und die Wellen ließen das Schiff erzittern. Die Müden und die Kranken lagen alle durcheinander in den Kojen oder auf ihren Koffern. Mein Freund, der Jüngling, war auf einem Sack umgesunken, eine leere Rumflasche und ein Glas lagen neben ihm; die Handwerker saßen, den Kopf auf die Brust gesunken, da und schliefen.

Ich schüttelte meinen Freund. Er schlug die Augen auf und fragte wütend, wer ich sei. Und was wollte ich mit seinem Speck, seinem eigenen Mittagessen, dem Speck und dem Schiffszwieback? Später erholte er sich ein wenig von dem Rausch und erklärte, es sei nicht hübsch von mir gewesen, ganz und gar nicht hübsch! Wir seien nun so manch lieben Tag Freunde gewesen, sagte er, und jetzt müsse ich diese Schande über ihn bringen. — Er litt unter dem Wahn, daß er mir versprochen habe, sich zu betrinken, ehe er die Heimat viele, viele hundert Meilen hinter sich gelassen hatte. Ich hatte ihn jedenfalls nicht davon zurückgehalten.

Der Kaufmann kehrte zurück. Er fragte gleich nach Nyke. Wo Nyke sei? Er müsse ihn sprechen. Er erzählte weiter, er sei bei seiner süßen Schwarzen gewesen. »Sehen Sie nur! Da hat sie mich in den Finger gebissen, das infame Frauensmensch! —« Und er zeigte mir einen blutenden Finger.

Aber ein paar Stunden später hatten Herr Nyke und mein junger Freund sich wieder gefunden. Sie standen da und fragten sich nach ihrem gegenseitigen Befinden. Beide hatten den Rausch ein wenig verschlafen, sie sahen sich etwas verschämt mit einem verlegenen Lächeln an, ihre Augen waren rot und sie suchten ihre Stimmen so klar zu machen, wie es ihnen möglich war.

Wir hatten Schottland hinter uns gelassen. Meine Seekrankheit war überstanden. Ich hatte achtundvierzig Stunden gehungert, war achtundvierzig Stunden unmenschlich krank gewesen und war im letzten Augenblick von dem zweiten Koch mit ein paar Löffeln Gerstgrütze, in Wasser gekocht, gerettet worden. Nie werde ich vergessen, wie gut das schmeckte! Überhaupt war die Schiffsmannschaft sehr gut gegen uns, sie erzeigte uns oft eine Extra-Freundlichkeit, wenn wir viel ausgestanden hatten. Als wir uns ein wenig an das Essen an Bord gewöhnt hatten, schmeckte uns das auch so gut, wie wir es nur wünschen konnten. Das Brot war auch gut gebacken und wurde uns in reichlicher Menge geliefert. Wir bekamen jeden Tag Weizenbrot.

Jetzt schwammen wir auf dem Atlantischen Ozean.