Sie schwiegen. Lange dauerte das Schweigen.

‚Ich weiß es doch selbst, daß nicht ich es getan habe, redest du im Fieber?‘ sprach schließlich Iwan, und er lächelte ein bleiches, verzerrtes Lächeln.

Er hatte sich mit den Blicken gleichsam festgesogen an den Bruder. Sie standen sich beide wieder bei einer Straßenlaterne gegenüber.

‚Nein, Iwan, du hast dir selbst wiederholt gesagt, daß du der Mörder seiest!‘

‚Wann habe ich es gesagt? ... Ich war in Moskau ... Wann habe ich es gesagt?!‘ stotterte Iwan mit abirrendem Blick ...

... ‚Du hast dich beschuldigt und hast dir gesagt, daß der Mörder kein anderer sein könne als du. Aber nicht du hast ihn erschlagen ...‘“

Der andere tragische Konflikt entspann sich im Kampf zwischen den Angeklagten der ersten und zweiten Gruppe. Die erste Gruppe repräsentierte die Partei, wollte sie retten, mußte sie retten, stand für sie. Um die Partei ging der Kampf, um diese geschlagene, sterbende, ja schon verwesende Partei. Deshalb scheues Zurückziehen ins Zwielicht von Höhlen, deshalb Zagen, Schwanken, Widersprüche. Es ging im Grunde nie um Personen, immer um Parteien. Die anderen fühlten sich verraten, geopfert, mißbraucht, irregeleitet. Sie waren überfahren worden und wollten wieder aufstehen. Sie waren immer die Aktiveren, Entschlosseneren gewesen, ja sie hatten die Partei vorwärts gedrängt, ihr Impulse ins Blut gejagt, sie waren der eigentliche handelnde Körper, dessen Seele zermürbt und hoffnungslos war. Ihre Einstellung gegen die Sowjets war vor allem durch den Abschluß des Brester Friedens bestimmt, der ja selbst in den Reihen der Bolschewiki eine tiefgehende Krisis gezeitigt hatte, die nur die Parteidisziplin wieder überwand. Wir wissen, wie die Demütigung der Nation die Gemüter bedrückt und verwirrt. Der Brester Vertrag mußte doppelt schwer empfunden werden: denn er war nicht nur die Demütigung einer Nation durch die andere; er war die Demütigung einer Klasse durch die Klasse, die man eben im eigenen Lande erst besiegt hatte – zum ersten Male in der ganzen Geschichte der Menschheit – so entscheidend, so wuchtig. Und nun stürzte man wieder in den Abgrund.

So läßt sich begreifen, weshalb alte Parteigenossen sich von der Parole des Z.K. locken ließen. Aber als immer deutlicher wurde, in welche Abhängigkeit das Z.K. von der Entente geriet, welche Ziele die Entente vor allem in Rußland selbst verfolgte, gingen jene „Einfachen“ mit sich zu Rate und verließen ihre Partei: Diese Krisen und Wandlungen lassen sich nicht mit „Gesinnungswechsel“ bezeichnen. Die Russen stehen nicht so rasch auf dem Boden der Tatsachen. Die europäische Flinkheit und demokratische Geschäftigkeit ist für den Russen unbegreiflich. Wer mit der Macht der Finsternis ringt, kämpft lange mit sich selbst, bevor der neue Mensch aus dem Chaos heraustritt. Im Grunde tauchen alle Probleme der russischen Literatur auf, wenn wir an diesen Wandlungsprozeß der Angeklagten der zweiten Gruppe denken. Sie fallen in Zweifel, sie hadern mit sich selbst, sie beichten und werden „neue Menschen“. Der Kampf zwischen den Angeklagtengruppen nahm oft erbitterte Formen an, aber nicht ein Mal ist dieser Kampf zur Gemeinheit entartet; man würde im Westen sofort bei ähnlichen Fällen beobachten, wie man versuchen würde, die Schuld abzuwälzen, sich nur als den Verführten hinzustellen und im Gassenjungentone zu schreien: „Ich bin es nicht gewesen“ – vielleicht würde man sofort eine Dolchstoßlegende erfinden.

Die Angeklagten der zweiten Gruppe haben nie ihre eigene Schuld in Abrede gestellt: Wir haben gefehlt, wir haben getötet, wir haben uns an der Revolution versündigt, straft uns.

Die neue Gemeinschaft nahm sie auf. Es ist eines ihrer schönsten und erhabensten Prinzipien, den ehrlich Reuigen aufzunehmen. Sie übte diesen Grundsatz vom ersten Tage ihrer Herrschaft. Der General Krasnow hat solches Vertrauen bitter enttäuscht. Semjonow, Ratner, Ignatiew, die Männer aus dem Volke nicht.