Dieser Prozeß war die große Abrechnung mit der Konterrevolution; er schied scharf zwischen den Strömen, die noch die heutige Menschheit durchfließen. Das Tribunal war ganz bewußt das Organ einer siegreichen Klasse. Der Prozeß erscheint deshalb so kompliziert, weil es sich um eine Partei handelte, die zwischen den Linien stand, und deren tragischer Auflösungsprozeß in Europa die Teilnahme aller Kreise und Parteien erregte, die mißtrauisch, furchtsam, unsicher und zermürbt nicht die Spannkraft besaßen, mit tausendjährigen Traditionen zu brechen, die sogar schon den Instinkt überwuchert und infiziert haben. Auch der Besitzlose unterliegt derselben Stimme der Verführung, die den Besitzenden immer aufs Neue lockt, zur Macht herausfordert und die wahre Gemeinschaft unmöglich macht. Wie einst die Jakobiner den Girondisten den Prozeß machten, weil sie Feudalismus und Bourgeoisie zu versöhnen suchten, standen sich jetzt Bolschewiki und Sozialrevolutionäre gegenüber. Parteien und Menschen, die sich um Ausgleiche bemühen, um den Weg nicht zu Ende gehen zu müssen, verstricken sich in alle Wirrnisse, die Verhältnisse dem Menschen bereiten können. So erzeugt das Bündnis von Neigung und Idee endlich sogar das kriminelle Verbrechen, weil Tradition, Fehlschläge und Minderwertigkeitsgefühle der Tat nicht mehr das reine Antlitz zu verleihen mögen. Die Bombe, die Alexander II. zerriß, wurde nicht vom Mann mit gleichem Bewußtsein geworfen, wie es jener besaß, der auf Wolodarski schoß. Der Held wird zum Verbrecher, die Partei ist gerichtet, und die Einheit der werktätigen Masse unter zielbewußter Führung ist geschaffen.

Alle Konflikte und Fragen, die seit 1914 die Welt bewegten und aus den Fugen brachten, wirbelte der Prozeß auf: die Tendenzen der imperialistischen Mächte, ihre Absichten, Rußland zur Kolonie zu machen – also das ganze Problem der Akkumulation des Kapitals. Lenins These, der Weltkrieg müsse unbedingt in die soziale Revolution umschlagen und mit der Eroberung des Staatsapparates durch das Proletariat enden. Die Frage: Demokratie oder Diktatur, Parlament oder Räte. Die Frage: Masse und Partei, Masse und Revolution. Die Haltung des Kleinbürgertums. Die lavierenden arbeiterfreundlichen Parteien. Die Legitimität einer revolutionären Regierung. Die Mittel und Methoden des revolutionären Kampfes: individueller oder Massenterror.

Es war bezeichnend: Die bürgerliche Gesellschaft empfand diesen Prozeß als eine Provokation und einen Schlag ins Gesicht. Sie sprach schon dem Staate des Proletariats jede Existenzberechtigung ab; da er nun existierte, nach fünf Jahren, trotz aller Interventionen und Verleumdungskampagnen immer noch existierte, während die revolutionäre Bewegung in den bürgerlichen Ländern vom Wellenkamm immer tiefer hinab fiel, versuchte man zähneknirschend die Rechtsformalitäten zu kritisieren und sprach dem Staate des Proletariats jede Berechtigung ab, sich nicht nur überhaupt zu verteidigen, sondern auch zu richten. Der alte warnende Satz, „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!“ wurde wutschnaubend von der ohnmächtigen bürgerlichen Presse hervorgestoßen. So kam es, daß sachliche Meldungen über den Verhandlungsstoff als solchen überhaupt nicht in die bürgerliche Öffentlichkeit drangen. Man lehnte das Gericht ab, man fühlte sich mit den S.R. verbunden, sah in ihnen Bundesgenossen, Sachwalter, Märtyrer. Wie hätte man über ihre „Verbrechen“ sprechen können, die in den Augen der bürgerlichen Gesellschaft Heldentaten gewesen waren. Die bürgerliche Gesellschaft aber rechtfertigte durch ihre Sympathiebeweise nun erst recht die Strenge des Gerichts. Das Oberste Tribunal hat zuletzt nicht einmal so sehr die Mittel verurteilt, deren sich die S.R. in ihrem Kampf gegen die Sowjets bedient hatten. Es kam vielmehr auf das Ziel an. Und das Ziel der S.R. war die Erhaltung der bürgerlichen Gesellschaft, der elastischen demokratischen Staatsform, der kapitalistischen ökonomischen Verhältnisse; für die Bolschewiki aber galten noch jene Worte, die Wilhelm Liebknecht ein Jahr vor seinem Tode geschrieben hat: „Ein Sozialist, der in eine Bourgeoisieregierung eintritt, geht entweder zum Feind über oder er gibt sich in die Gewalt des Feindes. Er mag sich für einen Sozialisten halten, ist es aber nicht mehr; er kann von seiner Ehrlichkeit überzeugt sein, aber dann hat er nicht das Wesen des Klassenkampfes begriffen – nicht begriffen, daß der Sozialismus den Klassenkampf zur Grundlage hat.“ Gotz hatte in seiner letzten Rede vor dem Tribunal behauptet, im Oktober hätten Arbeiter auf beiden Seiten der Barrikade gekämpft. Wilhelm Liebknecht hätte ihm entgegengehalten: „Ich bin für die Einheit der Partei – aber es muß die Einheit des Sozialismus und der Sozialisten sein. Die Einheit mit Gegnern, mit Leuten, die andere Ziele und andere Interessen haben, ist keine sozialistische Einheit. Die Internationale Arbeiter-Assoziation hat deshalb den Arbeitern gepredigt: Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiter selbst sein.“

ANHANG.

Überblick über die Tätigkeit der S.R. in den Jahren 1917-1922.

Nach der Abdankung Nikolaus’ II. gelangen die S.R. zur Macht. Kerenski ist ein S.R. Der Landwirtschaftsminister der Provisorischen Regierung – Viktor Michailowitsch Tschernow – ist einer der bekanntesten Führer und Theoretiker der S.R. Die Provisorische Regierung setzt den Krieg gegen Deutschland fort, trotzdem Tschernow an der Zimmerwalder Konferenz teilgenommen hatte. Am 7. November 1917 wird die Kerenski-Regierung durch die Bolschewiki gestürzt.

Im Augenblick der Oktoberumwälzung gibt in Moskau die Stadtverordnetenversammlung, die eine starke S.R.-Mehrheit hatte, den Offiziersschülern den Befehl: Mit den Waffen in der Hand gegen die Arbeiter! Nach der Niederlage der Offiziersaspiranten in Petersburg sind es die S.R. Gotz und Kerenski, die die Kosakenschwadronen des Zarengenerals Krasnow gegen die Hauptstadt der Revolution anrücken lassen.

Im selben Jahre 1917 treten die S.R. in Verbindung mit einer Weißgardisten-Organisation (Filonenko). Gleichzeitig agitieren die S.R. unter den städtischen kleinbürgerlichen Schichten für die Sabotage der Sowjetmacht in den Betrieben und Fabriken und für Streiks.

1918.

Am 5. Januar 1918 eröffnete die Konstituierende Versammlung ihre Session; über die Hälfte der Mitglieder waren S.R. Am 8. Januar wurde der dritte allrussische Rätekongreß, mit einer überwiegenden Mehrheit von Bolschewiki (Kommunisten), eröffnet. Die der Arbeiter- und Bauernregierung feindlich gesinnte Konstituierende Versammlung wird aufgelöst. Die S.R. beginnen den bewaffneten Kampf gegen die Sowjetmacht. In diese Zeit fällt die Hilfe der S.R. für General Krasnow, ferner bricht in diesem Jahre der Aufstand der tschechoslowakischen Truppen (der ehemaligen Kriegsgefangenen des Zarenheeres) aus, mit denen zwei S.R.-„Regierungen“ – die fern-ostasiatische und die westsibirische durch Vermittlung des englischen Obersten Hodgson, durch den General Horvat und durch japanische Diplomaten Verhandlungen führten, um die Revolution zu zertreten.