Pastor Heinrich Melchior Mühlenberg wohnte damals in einem Bretterhause in der Mulberry-Straße, jetzt Arch-Straße, ohnweit seiner Pfarrkirche in der Dritten Straße. Dort lebte er mit seiner treuen Gattin und Kindern ganz einfach, ohne allen Prunk, verwaltete treu, eifrig und mit großem Segen sein in jener Zeit so beschwerliches Amt. Er war nicht allein ein Verkünder der Lehre des Weltheilandes, sondern gab auch überall Zeugniß, daß er dieselbe auf das Gewissenhafteste befolgte.

Als Maria in das Haus dieses ehrwürdigen Mannes trat, wurde sie sehr freundlich begrüßt und Pastor Mühlenberg stellte seiner Frau, der Tochter des so berühmten deutschen Indianer-Agenten Conrad Weiser, das so bescheidene Mädchen vor, die ihr dann liebreich die Hand reichte und sagte: Mein Mann hat mir dein Unglück und Leiden auf der Reise nach Amerika erzählt, welches mich tief ergriffen, und da die Frau Kreuderin ein so schönes Zeugniß giebt, so wollte ich dich fragen, ob du nicht für einen passenden Lohn und gute Behandlung bei mir dienen willst. Gewiß will ich, sagte Maria, ich will Euch nach meinen besten Kräften treu und redlich dienen, bin ich doch dem Herrn Pastor so vielen Dank schuldig, für das was er für mich gethan.

Pastor Mühlenberg erkundigte sich jetzt nach Theodor Benz, und als er erfuhr, daß er im Dienst bei dem Bauern Friedrich Leinbach in Oley sei, war er hoch erfreut und sagte, daß er Leinbach genau kenne, er sei ein Mitglied seiner Gemeinde gewesen zur Zeit er das Predigeramt an der Trappe-Kirche bediente. Leinbachs Farm sei über zwölf Meilen von der Trappe gelegen, dessen ungeachtet habe Leinbach mit seiner Familie keinen Sonntag versäumt seine Predigt zu hören.

Nun nahm Frau Mühlenberg wieder das Wort und sagte: Da du den Dienst bei mir angenommen, so wäre es mir sehr lieb, wenn du denselben schon morgen antreten würdest, denn wir haben gerade viele Arbeit, besonders für die Nadel, die du, wie mir Frau Kreuderin versicherte, trefflich zu führen verstehst. Mein Sohn Peter wird in kurzer Zeit heirathen, und dann eine Pfarrei in Virginien antreten, da giebts Arbeit in Menge. Frau Kreuderin, erwiederte Maria, wird mir wohl ein zu großes Lob gegeben haben, doch will ich mich bemühen, Ihre Zufriedenheit zu gewinnen, erlauben Sie mir aber, mit meiner guten Mutter Rücksprache zu nehmen, denn ich habe dort noch Manches zu ordnen, und soll die gute Frau keine Undankbare finden. Ich will schnell dahin eilen und mich bemühen, daß ich morgen in rechter Zeit wieder bei Ihnen sein kann. Geh, mein Kind, erwiederte die Pfarrerin, ich verlasse mich auf dich und sage dazu, es ist recht schön von dir, daß du das Haus der Frau, die du deine zweite Mutter nennen darfst, und welche dir so viel Gutes gethan, in Ehren verläßt. Maria verließ das Haus des Pfarrers und eilte nach dem Gasthause der Mutter Kreuderin, die bereits unter der Thüre stand, und, wie es schien, neugierig auf die Zurückkunft des Mädchens wartete. Als Maria die Frau vor der Thüre sah, eilte sie freudig auf sie zu, umarmte sie mit ihren kräftigen Armen, drückte einen langen Kuß auf ihren Mund, und mit Thränen in den Augen verkündete sie, daß sie morgen das Haus verlassen müsse, wo sie so viel Gutes empfangen, doch tröste sie sich damit, daß es ja der Wunsch der guten Mutter sei, daß sie in den Dienst der Pfarrersleute gehe.

Am nächsten Morgen zur bestimmten Zeit, trat Maria ihren Dienst bei Frau Mühlenberg an, und bald saß das Mädchen emsig nähend an dem kleinen Fenster im Hinterstübchen des Pfarrhauses, damit ja das Weißzeug für des Pfarrers Sohn rechtzeitig fertig werde, denn Peter, der junge Pfarrer, konnte kaum den Zeitpunkt abwarten, bis Alles für seinen Haushalt fertig war. Ueberhaupt war der junge Mühlenberg ein unruhiger Geist, der schon von seiner frühesten Jugend an seinem Vater viel zu schaffen machte.

Als Pastor Mühlenberg noch die deutsch-lutherische Gemeinde an der Trappe, jetzt in Montgomery County gelegen, bediente, wurde Peter Mühlenberg geboren. Kaum hatte Peter die Kinderschuhe ausgetreten, so hatte er auch schon Bekanntschaft mit jungen Indianern gemacht, die sich noch hie und da bei den Ansiedlungen umher trieben. Sie lernten ihm die Irequois-Sprache der Wilden, nahmen ihn mit zur Jagd und Fischfang, trotz daß ihm von seinem Vater die Wildnerei streng verboten war. Von den Ansiedlern wurde er nur Mühlenberg’s wilder Peter genannt. In reiferem Alter, als er sich ausgetobt, wurde er, wie uns die Geschichte erzählt, ein tüchtiger Prediger, doch sein Patriotismus für sein Vaterland und die Freiheit, ließ ihn seine Laufbahn als Prediger verlassen, und sie mit dem eines Soldaten vertauschen. Seine edlen und muthigen Thaten sind jedem Amerikaner bekannt, und genug ist es zu sagen, daß er General Washington’s wärmster Freund war. Seine Gebeine ruhen auf dem Kirchhofe bei der Trappe, neben denen seines edlen Vaters.

Während Maria in Philadelphia emsig beschäftigt war, und sich bei der Familie Mühlenberg mit jedem Tage mehr Achtung und Liebe erwarb, war auch unser Theodor Benz in Oley fleißig an der Arbeit, um das Feld gehörig bestellen zu helfen und sich sonst auf der Farm nützlich zu machen. Auch er hatte bald durch sein gutes Betragen, Fleiß und guten Willen die Herzen der ganzen Familie Leinbach für sich gewonnen. Leinbach hatte vier Kinder, zwei Knaben von 14 und 17 Jahren, George und Friedrich, zwei Mädchen von 8 und 10 Jahren, Anna und Elisa, die bald den guten Theodor wie einen Bruder liebten. In der Familie Leinbach’s herrschte große Ordnung und die Eltern vernachlässigten die gute Erziehung ihrer Kinder nicht; sie waren streng gegen dieselben, wo sie es für nothwendig fanden, jedoch in einer Weise, daß sie die Liebe derselben nicht verscherzten. Früh lernten sie beten, und sobald sie so weit erwachsen waren, daß sie Verstand genug besaßen, wurden sie in der Religion unterrichtet, lernten die Güte des allmächtigen Schöpfers erkennen, sowie die Lehren des Weltheilandes, welche die Bahn zum ewigen Leben und Glückseligkeit bezeichnen. Damals hielten es die Eltern für eine schwere Sünde, wenn man die Erziehung der Kinder mißachtete. — Wie anders ist es heute! —

Auf Leinbach’s Farm wurden die Befehle der Eltern von ihren Kindern mit der größten Pünktlichkeit befolgt, keines wagte eine Einwendung, und so kam auch der Segen über Leinbach’s Familie und Eigenthum. Noch heute leben in Reading, Womelsdorf und andern Plätzen Urenkel von Friedrich Leinbach, Kaufleute, Prediger, Farmer, die den besten Ruf haben, und so kann man von dem Dahingeschiedenen sagen: „Der Herr hat dich gesegnet bis ins dritte und vierte Glied.“

Viertes Kapitel.

Der erste Besuch in Philadelphia.