F. S. Berg Maria. [S. 28]

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GRÖSSERES BILD]

Mit gepreßtem Herzen ritt Theodor die Straße entlang und saß eine geraume Zeit wie ein Träumender auf dem Pferde, das rüstig zuschritt, aber plötzlich erschrocken stehen blieb. Theodor erwachte aus seiner Träumerei, und sah sich in einem düstern Urwald und vernahm ein furchtbares Geheul von wilden Thieren, die sich, wie es schien, zerfleischten. Er hielt schnell besonnen das schöne Pferd fest am Zügel, schmeichelte es, und so blieb es ruhig, doch zitternd, stehen. Nach wenigen Minuten stürmte eine Rotte Wölfe aus dem dichten Gebüsch, die einen Panther verfolgten, liefen keine zwei hundert Schritte von ihm über die Straße und den Bergabhang hinab. Als das Getöse vorüber war, wurde das Pferd wieder ruhig und Theodor ritt jetzt, ohne auf weitere Gefahren zu stoßen, den ganzen Weg entlang, bis er, als es bereits zu dunkeln anfing, ein Wirthshaus erreichte, das einladend an der Straße stand, und wo er sich erinnerte mit Vater Leinbach übernachtet zu haben. Das Wirthshaus, wie man mir vor einiger Zeit versicherte, steht heute noch, aber nicht einsam an der stillen Straße, sondern beinahe in der Mitte der schönen und volkreichen Stadt Norristown.

Der Wirth nahm den Reisenden freundlich auf, denn er erkannte in ihm sogleich den jungen Mann, der vor einem halben Jahre mit seinem Freunde Leinbach bei ihm übernachtete. Sogleich nahm er seinem Pferde die Bürde ab, führte es in den reinlichen Stall und ließ ihm gutes Futter geben. Nachdem er sein Abendessen genommen und noch ein gutes Glas Cider getrunken, begab er sich zur Ruhe, denn er war sehr ermüdet und schlief bald ein, bis das Grauen des Tages begann. Schnell kleidete er sich an, sah nach seinem treuen Pferde, ließ sich eine Tasse Kaffee geben, sattelte sein Pferd und nahm Abschied von den freundlichen Wirthsleuten. Heute trieb er sein Pferd nicht stark an, denn er hatte ja weit über die Hälfte des Weges zurückgelegt und konnte leicht Nachmittags Philadelphia erreichen, wohin er sich so sehr sehnte.

Die Glocke des Philadelphia Stadthauses schlug eben die dritte Nachmittagsstunde, als Theodor schon vor dem goldenen Schwan in der Sassafraß-Straße anhielt. Mutter Kreuderin stand zufällig vor der Thüre und war ganz erstaunt den schönen Reiter auf dem stolzen Rosse bei ihrem Hause halten zu sehen. Bald aber erkannte sie ihn, und rief mit starker Stimme: Tausendmal willkommen mein lieber Sohn! eilte zu ihm und reichte dem jungen Manne die Hand, und als dieser frug, ob er einige Tage bei ihr verweilen könne, rief sie, ohne auf die Frage zu antworten, den Hausknecht herbei und befahl ihm, das Pferd in den Stall zu bringen und auf das Beste zu versorgen, aber Theodor wartete auf diesen nicht, ritt in den Hof, denn er wollte vor Allem zuerst für das ihm anvertraute so schöne und gute Thier sorgen. Mit Hülfe des Knechtes war bald das Pferd abgesattelt und an einen saubern Platz geführt, dann nahm er seine mitgebrachten Effekten und trug sie in das Aufbewahrzimmer des Hotels.

Bis jetzt hatte der junge Mann keine Gelegenheit bei Mutter Kreuderin nach seiner Maria zu fragen, da diese mit der Herrichtung des Abendessens sehr beschäftigt war. Wohl hatte er von Maria Briefe erhalten, die durch Gelegenheit mit Bauern aus Oley und der Nachbarschaft zu ihm kamen, und auf gleiche Weise wieder geantwortet, doch Mutter Kreuderin konnte ihm ja viel mehr sagen, als all die Briefe. Sobald daher das Essen eingenommen und die gute Frau sich vom Tisch erhob, folgte er ihr in die Sitzstube, wie man damals den Porlor nannte, und frug mit ängstlicher Stimme wie es dem Mädchen ergehe. Ja! ja! sagte die freundliche Schwäbin, dem Blitz Mädle goths guat, sie ist schön wie der Frühling und ehrlich und fleißig wie die heilige Martha. Die Mühlenbergs, besonders die Pfarrerin, sind ganz in das Mädle vernarrt, und ist so geliebt wie ihre eigenen Kinder, und lassen sie nicht von sich.

Als vor einiger Zeit der junge Pfarrer Peter Mühlenberg mit seiner schönen Frau Anna nach Virginien ziehen mußte, wo eine deutsche Gemeinde im Shenandoah Thal ihn zum Prediger berufen, da bat er dringend seine Mutter ihm doch Maria mitzugeben, aber diese erwiederte, daß dieses unmöglich sei, denn Maria sei ihr ein großes Bedürfniß in ihren alten Tagen, wo ihr Körper sich zu schwächen anfinge, sie sei ihr nicht allein eine treffliche Haushälterin, sondern auch eine treue Freundin und Pflegerin geworden. Er möge sich sonstwo unter den deutschen Mädchen in Philadelphia eine aussuchen, Maria ließe sie nicht eher von ihrer Seite, bis sie es selbst verlange aus ihrem Hause zu gehen, und nach Virginien! — Peter wo denkst du hin? so weit geht Maria nicht, denn wisse, unter uns gesagt, in Oley steckt ein Magnet, der zieht so stark, daß ihre Wanderung von hier nur dorthin geht. Peter mußte ohne Maria von dannen ziehen. Auch ich, fuhr die gute Alte fort, habe so etwas von einem Magnet bemerkt, denn wenn Maria mich von Zeit zu Zeit besucht, und wir auf dich zu sprechen kommen, da strömen viele Seufzer aus ihrer Brust und alle fliehen Oley zu, wo sie doch weiß, daß du dort so wohl versorgt bist. Nun, bist du mit meinem Bericht zufrieden? Gewiß, erwiederte Theodor, drückte seiner treuen alten Freundin die Hand und sagte ihr herzlichen Dank.

Jetzt packte der junge Mann die mitgebrachten Geschenke aus, und reichte der Mutter Kreuderin die mit der besten Butter gefüllte Kanne, bemerkte dabei, daß dieses ein Geschenk von der Familie Leinbach sei, und hoch erfreut trug das Weible dasselbe in die Küche. Da es schon spät war, wollte Theodor Benz die Familie Mühlenberg nicht mehr besuchen, und wandelte, bis es Bettzeit war, in dem damals noch so kleinen Philadelphia umher.