Nachdem die jungen Leute dem ehrwürdigen Herrn herzlich gedankt, rief derselbe einen Mann herbei und befahl ihm diese beiden Leute mit ihren Sachen in das Gasthaus der Frau Kreuderin zu bringen, die in der Sassafraßstraße (jetzt Racestraße) das Hotel zum goldenen Schwan hielt, und der guten Frau zu sagen, daß er ihr diese beiden jungen Leute zusende. Zu Theodor und Maria gewandt, sagte er, zieht hin, seid fleißig und ehrbar, der Herr sei mit euch. Nach diesen Worten begab er sich unter die übrigen Einwanderer.
Dieser brave Geistliche war kein anderer, als der in jener Zeit so hochgeachtete deutsch-lutherische Pastor
Heinrich Melchior Mühlenberg,
der sich in jenen so trüben Tagen der armen Einwanderer mit großer Selbstausopferung so liebreich annahm. Nichts konnte ihn abhalten, wenn ein Einwanderer-Schiff bei Philadelphia Anker warf, auf dasselbe zu eilen, gleichviel ob auch auf demselben bösartige Krankheiten herrschten. Er brachte den Armen, Kranken und Elenden Trost und Hülfe. Er war ein treuer Befolger der Lehre des Weltheilandes, und wird sein Andenken geehrt werden bis in die spätesten Zeiten. Mit dankbarem Herzen blickten Theodor und Maria dem guten Manne nach, und verließen das Schiff, auf dem sie so viel Noth und Elend erlebt, und dankten im Stillen dem lieben Gott, daß er sie von demselben befreit.
Bald hatten sie das Hotel der Frau Kreuderin erreicht und wurden von derselben auf das Freundlichste empfangen. Frau Kreuderin war eine sehr ehrsame und fromme Wittwe, die sich, nachdem ihr Mann am gelben Fieber gestorben, welche Krankheit der Zeit oft in Philadelphia herrschte, mühsam durchbringen mußte, war stets wohlgemuth und thätig, und obgleich ihre Mittel auch beschränkt, so half sie doch in freundlicher Weise den bedürftigen Einwanderern, welche ihr zugesandt wurden, und gar Mancher wurde von ihr gespeist und beherbergt, ohne dafür entschädigt zu werden.
Als Theodor und Maria, welche mit Empfehlungen des ehrwürdigen Pastors Mühlenberg in ihrem Hause aufgenommen waren, sich sehr anständig betrugen, und Maria ihr trauriges Schicksal erzählt hatte, so fühlte sie sich zu ihnen in wunderbarer Weise hingezogen. Sie küßte Maria, und mit Thränen in den Augen sagte das gute Mütterlein: Tröste dich, liebes Kind, du sollst an mir, wenn du brav bist, eine zweite Mutter finden. Vorerst bleibst du bei mir, du kannst in der Küche und Stube helfen, bis ich einen anständigen Platz für dich gefunden habe, und für den da, sie reichte Theodor freundlich die Hand, werde ich bald einen Platz bei einem Bauern finden, denn da ist er in seinem Element, und ist er fleißig und ehrlich, wird er bald in unserm gesegneten Pennsylvanien ein selbstständiger Bauer sein.
Nicht lange sollten Theodor und Maria unter einem Dache bleiben, denn schon am dritten Tage nach ihrer Ankunft im goldenen Schwan kam ein wohlhabender deutscher Bauer aus Oley, einer fruchtbaren Landschaft in dem jetzigen Berks County gelegen, in das Gasthaus der Frau Kreuderin, wo er immer einkehrte, wenn er nach Philadelpia kam, denn bei der ehrbaren Frau war er stets gut aufgenommen. Nachdem sich die alten Freunde herzlich begrüßt, sagte er, er sei gekommen, um einen jungen deutschen Bauern zu suchen, der sich bei ihm gegen guten Lohn und Behandlung verdingen wolle. Er verspreche auch, wenn er ihm drei bis vier Jahre treulich diene, zu einem schönen Stück Land zu verhelfen, auf welchem er sich dann häuslich niederlassen könne. Freudig überrascht, reichte die gute Kreuderin, welche den Bauern als einen sehr ehrbaren Mann kannte, die Hand und sagte: Meister Friedrich Leinbach, so hieß der Bauer, ihr braucht nicht weit zu laufen, um den rechten Mann zu finden, ich habe ihn im Hause, doch ehe ich ihn euch zuführe, müßt ihr mir fest versprechen, daß ihr den jungen Mann gut behandelt und ihr könnt euch dann darauf verlassen, daß er fleißig ist und euch gute Dienste leisten wird, er ist ein Bauerssohn und scheint mir ein gar williger und gutmüthiger Mensch zu sein, der sich vor keiner Arbeit fürchtet.
Danke! danke! rief Leinbach, ich gebe euch, Frau Kreuderin, das Versprechen, daß der junge Mann bei mir und bei meiner Familie gut aufgehoben sein soll. Schnell eilte die gute Frau hinaus und kam bald mit Theodor zurück, und stellte den schön gewachsenen und kräftigen jungen Mann dem Bauern vor, welcher über die schöne Gestalt überrascht war, dem jungen Manne freundlich die Hand reichte und erklärte, daß er hierher gekommen sei, um einen Knecht für seine Bauerei zu suchen; er habe eine schöne, große Bauerei in Oley, mit leichtem, gutem Boden, wo die Arbeit nicht so schwer sei, als bei andern Farmen, und wenn er den Dienst annehmen wolle und drei Jahre bei ihm bleiben, seine Pflicht treulich erfüllen, so wolle er ihm für das erste Jahr 15 Pfund Sterling nebst Kleidung und guter Kost geben und gut behandeln. Mutter Kreuderin habe ihm ein gar gutes Zeugniß von ihm gegeben, und wenn er mit den Bedingungen zufrieden sei, so solle er ihm dies jetzt sagen, ob er die Stelle annehmen wolle. — Gewiß! rief der junge Mann, und reichte dem so gutmüthig aussehenden Bauern die Hand, ich will euch treulich dienen nach meinen besten Kräften und hoffe, daß wir es beide niemals bereuen werden, einander gefunden zu haben. Zu den ihm gestellten Bedingungen müsse er aber noch hinzufügen, daß es ihm erlaubt werde, wenn die Arbeiten auf der Farm nicht so dringend seien, jedes Jahr einmal nach Philadelphia gehen zu dürfen, doch sollte die Abwesenheit nicht über drei Tage dauern. Gern willigte Leinbach auch in diese Bedingung, zog seine Börse und gab dem jungen Manne, wie es damals der Gebrauch war, ein Handgeld, und erklärte, daß er morgen in der Frühe sein Wäglein mitnehmen werde, er solle recht früh bei der Hand sein, denn die Wege an manchen Stellen in der Wildniß, die sie durchfahren müßten, seien noch rau, und, wenn ihnen kein Unglück zustoße, könnten sie in zwei Tagen seine Heimath erreichen.
Da die Zeit zum Mittagessen herangekommen war, so lud Mutter Kreuderin Leinbach ein, ihr Gast zu sein, was dieser auch nicht ausschlug, doch sogleich in den Hof eilte, und aus seinem Wagen zwei Welschhühner, einen Sack mit Aepfeln, eine Kanne mit Butter nahm und in die ihm bekannte Küche trug, wo er die daselbst beschäftigte, einfach doch reinlich gekleidete, Maria sah, die seine ganze Aufmerksamkeit erregte.