VI.
König Servius Tullius.
(578–534 v. Chr.)

Der neue König war von unfreier Herkunft. Unter der Regierung des Tarquinius Priscus, so wird erzählt, eroberten die Römer die sabinische Stadt Corniculum. Hierbei ward Tullus, einer der angesehensten Bürger der Stadt, getötet, und seine Frau als Gefangene nach Rom abgeführt. Im Hause des Königs gebar sie einen Knaben, der wegen der Knechtschaft, in welche seine Mutter geraten war, Servius (von servus „Knecht“), nach seinem Vater aber Tullius genannt wurde und unter dem Gesinde der Königin aufwuchs. Da geschah es, daß in einer Nacht, während das Kind schlief, plötzlich ein heller Flammenschein sein Haupt umloderte. Tanaquil, die solche Dinge zu deuten verstand, verbot den Dienern das Feuer zu löschen, und es verschwand von selbst, als der Knabe erwachte. Von dieser Zeit an glaubten der König und die Königin, der junge Servius sei zu hohen Dingen berufen, und nahmen ihn an Kindes Statt an. Er ward in allen edlen Künsten unterrichtet, und da sich seine Gaben vortrefflich entwickelten, gab ihm der König seine eigene Tochter zur Ehe. Wie er nach dem Tode des Tarquinius Priscus selbst König wurde, ist bereits erzählt worden.

Unter seiner Regierung erhielt die Stadt ihre letzte Erweiterung und einen neuen Mauerring. Er zog die zwei letzten der sieben Hügel, von denen Rom die „Siebenhügelstadt“ genannt wird, den Esquilinus und den Viminalis, die auf der Ostseite der Stadt lagen, in ihren Umkreis, und umgab das Ganze mit einer Mauer aus mächtigen Quadersteinen, wovon noch heute einzelne Reste das Staunen der Beschauer erregen.

Nach außen wußte er durch kluge und friedliche Verhandlungen mit den anderen noch selbständigen latinischen Städten für Rom die erste Stelle in ihrem Bunde zu gewinnen, und sie zu bewegen auf dem Aventin einen gemeinsamen Tempel der Göttin Diana zu erbauen. Ja, durch eine List des Priesters dieses Tempels gelang es, wie eine Sage ging, auch den Anspruch auf die Oberherrschaft über ganz Latium für Rom zu gewinnen. Ein Sabiner nämlich trieb einst ein Rind von ungewöhnlicher Größe und Schönheit nach Rom, um es daselbst im Tempel der Diana zu opfern, in der festen Überzeugung, daß er dadurch, nach dem Ausspruch der Seher, seiner Vaterstadt die Obergewalt verschaffen würde. Denn die Augurn hatten gesagt, daß dasjenige Volk die Oberherrschaft erhalten sollte, dessen Bürger jenes Rind der Diana opfern würden. Allein dieser Ausspruch war auch zu den Ohren jenes römischen Priesters gekommen, und dieser suchte sich des Opfers zu bemächtigen. Er befahl dem Sabiner sich vor dem Opfer in fließendem Wasser zu baden, aber während der Sabiner dies tat, opferte der Priester selber das Rind.

Die größte Tätigkeit wandte Servius den inneren Angelegenheiten zu. Er ordnete eine allgemeine Schatzung (Census) und Musterung des Volkes an, welche fortan alle fünf Jahre vollzogen werden sollte. An dem dazu bestimmten Tage erschienen alle wehrfähigen Bürger auf der vor dem Capitol sich nordwärts erstreckenden Ebene vor der Stadt, dem später sogenannten Marsfelde (campus Martius). Da mußte jeder seinen und seines Vaters Namen, Alter, Wohnort und Vermögen eidlich angeben. Nach der Verschiedenheit des Vermögens wurde die gesamte Bevölkerung Roms, Patrizier und Plebejer, in fünf Klassen, diese wieder in eine Anzahl Centurien eingeteilt, so daß auch die Plebejer das Recht erhielten die Waffen zu führen und in der nach Centurien geordneten und stimmenden Volksversammlung (comitia centuriata) mitzustimmen. Mit dem 17. Jahre wurde der Bürger in die Bürgerlisten eingetragen. Nach geendigter Schatzung stellte sich die ganze Bürgerschaft bewaffnet auf dem Marsfeld zur großen Heerschau; dann wurden unter Gebeten drei Tiere, ein Schwein, ein Schaf und ein Rind, um das ganze Volk dreimal herumgeführt und darauf geopfert, zur Sühne aller Sünden, die das Volk in den letzten fünf Jahren begangen hatte.

Nach der Schatzung richtete sich die Steuer, die jeder Bürger zu entrichten hatte, und der Kriegsdienst. Alle Bürger waren kriegspflichtig; vom 17. bis 46. Jahre dienten sie im Felde, vom 46. bis 60. Jahre als Besatzung der Stadt. Die Bürger der ersten Klasse waren mit einem Helme, Panzer, großem Schilde und Beinschienen von Erz gerüstet, und führten als Waffen Speer und Schwert. In der Schlacht standen sie, als die am schwersten Bewaffneten, in der ersten Linie. Die Bürger der zweiten Klasse hatten keinen Panzer und einen kleinen Schild, sonst alles wie jene; sie standen in der zweiten Linie. Die in der dritten Klasse, welche in der dritten Linie standen, waren gerüstet wie die in der zweiten, nur fehlten die Beinschienen. Die Bürger der vierten Klasse hatten außer einem kleinen Schilde gar keine Schutzwaffen, sie führten Speer und Wurfspieß und standen in der letzten Linie. Die der fünften endlich dienten als Schleuderer und standen außerhalb der Linie. Alle mußten sich Rüstung, Waffen und Unterhalt aus eigenen Mitteln beschaffen; nur den Rittern gab der Staat Geld zum Ankauf eines Streitrosses, sowie zum Unterhalt desselben und eines Reitknechts nebst dessen Pferde.

Durch alle diese Einrichtungen, die neue Ordnung und Einigung des Volkes, die Erweiterung und Befestigung der Stadt, die Stellung, welche Rom an der Spitze der latinischen Städte einnahm, erwarb sich der König die Liebe und Dankbarkeit der Römer und machte den unberechtigten Ursprung seiner Herrschaft vergessen. Gleichwohl traf ihn, nach 44jähriger glücklicher Regierung, ein schreckliches Ende.

Seine beiden Töchter hatte er mit den beiden Söhnen seines Vorgängers und Schwiegervaters, des Tarquinius Priscus, vermählt. Diese waren an Denkungsart und Sitten ebenso verschieden als des Königs Töchter. Lucius Tarquinius war wild, ungestüm und herrschsüchtig, und ebenso die jüngere Tullia. Aruns Tarquinius hingegen und die ältere Tullia waren sanft und gutherzig. Darum hielt es Servius für das Beste, wenn er die entgegengesetzten Charaktere mit einander verbände, damit die Sanftmut des einen die Heftigkeit des anderen mäßigen könnte. Er gab daher die ältere Tullia dem Lucius Tarquinius, die jüngere Tullia aber dem Aruns Tarquinius zur Ehe. Aber der Erfolg fiel ganz gegen seine Hoffnung aus.

Die Ähnlichkeit der Gemüts- und Denkungsart, die zwischen dem Lucius Tarquinius und der jüngeren Tullia stattfand, brachte zwischen beiden bald eine Vertraulichkeit zuwege, die sie zu den schändlichsten Handlungen verführte. Beide töteten, er seine Gattin, sie ihren Gatten. Dies konnte Servius nicht nur nicht verhindern, sondern mußte sogar erlauben, daß sie sich einander heirateten. Aber damit nicht zufrieden, suchten sie den Servius der Regierung zu berauben. Tarquinius warb sich eine Partei unter den Bürgern und gewann besonders die Vornehmen, die sich durch die neuen Einrichtungen des Königs in ihren alten Vorrechten gekränkt fühlten. Eines Tages erkühnte er sich, angetan mit den Abzeichen der Königswürde, in königlichem Schmuck in das Rathaus zu gehen, sich auf den Königsstuhl zu setzen und, als wäre er bereits König, den Senat zu berufen. Sie kamen in großer Anzahl, und er hielt eine Rede an sie, worin er ihnen seine Absicht, sich auf den Thron zu setzen, entdeckte. Inzwischen kam auch Servius Tullius voll Zorn herbei und wollte sogleich seinen Eidam vom Throne herabziehen. Allein dieser, an Kräften dem alten König überlegen, ergriff und stürzte ihn von der obersten Stufe des Rathauses auf den Markt hinab. Verwundet wollte Servius sich nach Hause begeben, allein die Boten des Tarquinius holten ihn unterwegs ein und töteten ihn auf der Stelle.