IV.
König Ancus Marcius.
(641–617 v. Chr.)
Der vierte König der Römer war Ancus Marcius, ein Tochtersohn des Numa Pompilius. Wie sein Großvater im Innern, so war er darauf bedacht nach außen, in den Verhältnissen zu den meist feindlichen Nachbarvölkern, eine feste, auf Recht und Gerechtigkeit gegründete Ordnung herzustellen. Kein Krieg wurde erklärt und begonnen, ohne zuvor dem Feinde Gelegenheit und Frist zu friedlichem Austrage des Streites zu geben, kein Friede geschlossen ohne Beobachtung bestimmter heiliger Gebräuche. Für beides hatten die sogenannten Fetialen zu sorgen, angesehene Männer, welche mit dem Rechte des Krieges und Friedens wohl vertraut waren. Auch auf die innere Wohlfahrt verwandte dieser König eifrige Sorge. Er legte die Hafenstadt Ostia an der Mündung der Tiber an, baute eine Pfahlbrücke über diesen Fluß zum Janiculum hinüber, und siedelte auf dem Aventinus die Plebejer (die Plebs) an, die aus der Menge der zugewanderten oder aus den besiegten Ortschaften verpflanzten Bewohner bestanden und den altbürgerlichen Geschlechtern, den Patriziern, gegenübertraten, aber keinen Anteil an der Verwaltung des Staates besaßen. Somit waren schon fünf Hügel bebaut, der palatinische von den ersten Ansiedlern, der quirinalische von den Sabinern, der coelische von den Albanern, der aventinische von den Plebejern, während das Capitolium, zwischen dem Palatinus und Quirinalis, als Burg der Stadt und Stätte der Haupttempel, nicht bewohnt werden durfte.
Unter der Regierung des Ancus Marcius kam ein gewisser Lúcumo nach Rom. Er war der Sohn des Korinthiers Damarātus, der, aus seiner Vaterstadt vertrieben, sich nach Tarquinii, einer Stadt in Etrurien, begeben und daselbst durch seine Reichtümer Ansehen erlangt hatte. Von Jugend auf durch das Glück begünstigt, hatte Lúcumo, der einzige Erbe aller Reichtümer seines Vaters, die Tochter eines vornehmen Bürgers seiner neuen Heimat, die Tanaquil geheiratet, die, wie viele ihres Volkes, der Weissagung kundig war. Indessen konnte er doch als Ausländer in Tarquinii zu keinen hohen Ehrenstellen gelangen. Dies schmerzte die stolze Tanaquil so sehr, daß sie ihren Gemahl bat die Stadt zu verlassen und nach Rom zu ziehen. Lucumo, selbst von Ehrgeiz und Ruhmsucht gespornt, willfahrte ihr, und so machten sich beide auf die Reise nach Rom.
Als sie nicht mehr weit von dieser Stadt entfernt waren, fuhr ein Adler herab, nahm dem Lucumo den Hut vom Haupte, erhob sich in die Lüfte und setzte ihn ihm bald nachher wieder auf. Tanaquil sah in diesem Ereignis eine glückliche Vorbedeutung und erfüllte ihren Gemahl mit der Hoffnung, daß ihm in Rom die Herrschaft zufallen würde. Und diese Hoffnung täuschte sie nicht. Denn Lucumo, der in Rom den Namen Lucius Tarquinius angenommen hatte, erwarb sich bald durch Leutseligkeit und Freigebigkeit die Liebe und Achtung seiner neuen Mitbürger. Die Kunde von ihm gelangte auch an den Hof. Der König Ancus Marcius gewann den reichen Etrusker lieb und bediente sich seines Rates und Beistandes in allen Angelegenheiten; ja er bestellte ihn sogar vor seinem Tode zum Vormund seiner Kinder. Als aber Ancus starb, sandte Tarquinius dessen beide Söhne zur Zeit, als die Wahl des neuen Königs vollzogen werden sollte, auf die Jagd; er selbst bat in der Versammlung das Volk, das er an die vielen von ihm erhaltenen Wohltaten erinnerte, um die Königswürde. Das Volk willfahrte seiner Bitte, und Tarquinius ward König. Er erhielt später, zum Unterschied von seinem gleichnamigen Nachfolger, den Beinamen Priscus (der Alte).
V.
Tarquinius Priscus.
(617–578 v. Chr.)
Um sich zum Kriege gegen die Sabiner zu rüsten, wollte Tarquinius den bisherigen drei Abteilungen (Centurien) der Reiter noch drei neue Centurien mit neuen Namen hinzufügen. Aber einer der Augurn, Attus Navius, erklärte, dies könne nicht eher geschehen, als bis die Augurn mit ihrer Kunst den Willen der Götter erforscht hätten, denn jede Einrichtung des Staates, welche unter Befragung der Vogelzeichen (Auspicien) getroffen sei, dürfte nicht ohne neue Befragung geändert werden. Dieser Ausspruch des Augurn verdroß den eigenmächtigen Sinn des Königs, und er beschloß seine Sehergabe auf eine Probe zu stellen. Spöttisch fragte er ihn: „Kann das geschehen, was ich in diesem Augenblicke denke?“ „Gewiß“, antwortete der Augur, nachdem er darüber die Auspicien befragt hatte. „Wohlan“, rief der König, „so zerschneide mir diesen Kiesel mit einem Schermesser.“ Und ohne Zögern — so berichtet die Sage — vollbrachte der Augur das Wunder, und der König sah sich genötigt von seinem Vorhaben abzustehen. Indessen verdoppelte er doch die Anzahl der vorhandenen Reiter, obgleich er keine neuen Centurien bildete, sondern die alten Namen beibehielt. Dieser Vorfall erhob das Ansehen der Augurn außerordentlich, und noch in späteren Zeiten sah man zu Rom die Bildsäule des Attus, unter welcher der zerschnittene Stein vergraben liegen sollte. — Auch den Senat vermehrte der König auf 300 Mitglieder.
Die reiche Beute aus seinen glücklichen Kriegen gegen die Sabiner und Latiner, sowie die Einnahmen aus dem ihnen entrissenen Landbesitz verwandte der König auf großartige Bauten. Durch mächtige unterirdische Kanäle (Kloaken), von denen der größte noch heute benutzt wird, ließ er die sumpfigen Niederungen zwischen den Hügeln trocken legen und eine derselben, zwischen Palatin und Capitol, zum Markt- und Gerichtsplatz (forum) einrichten. In einer anderen, auf der westlichen Seite des Palatin bis zum Aventin, legte er den Circus Maximus an, einen weiten, ovalen, rings von Bühnen für die Zuschauer umgebenen Platz für Wagen- und Pferderennen und Gladiatorenkämpfe. Die Stadt schloß er mit einer Mauer von Backsteinen ein und begann den Bau des Tempels des capitolinischen Jupiter.
Aber ein blutiges Ende beschloß seine Regierung. Die Söhne des früheren Königs konnten es nicht vergessen, daß er sie durch List um ihr väterliches Erbe gebracht hatte. Ja, sie mußten sogar fürchten, daß der Schwiegersohn des Königs, Servius Tullius, nach ihm zur Regierung gelangen würde. Sie machten deshalb den Anschlag, den König zu töten und sich des Thrones zu bemächtigen. Sie stifteten zwei Hirten zum Meuchelmorde an. Diese gingen mit Äxten, die sie zu tragen gewohnt waren, in den königlichen Palast, fingen daselbst Streit an und verlangten, daß der König ihn schlichten sollte. Tarquinius ließ sie vor sich kommen, um ihre Sache zu hören. Anfangs suchten beide durch ihr Geschrei den König zu verwirren, doch Tarquinius befahl, daß einer nach dem anderen reden sollte. Als sich nun der König, ohne etwas Arges zu ahnen, aufmerksam zu dem einen hinwandte, versetzte ihm der andere mit der Axt einen tödlichen Schlag, daß er entseelt zu Boden sank.
Allein die Söhne des Ancus erreichten ihre Absicht nur halb. Sobald nämlich der König getötet worden war, ließ Tanaquil, die Königin, die königliche Burg verschließen und forderte den Servius Tullius auf sich der Herrschaft zu versichern. Darauf öffnete sie das Fenster und kündete selber dem Volke, das sich auf die Nachricht von dem Mordanfall vor dem Palaste versammelt hatte, Tarquinius lebe noch und befehle dem Volke, inzwischen seinem Eidam zu gehorchen. Darauf trat dieser in königlicher Kleidung und von Amtsdienern (Lictoren) umgeben hervor, um, wie er vorgab, die Stelle des noch lebenden Königs zu vertreten. Als nach einigen Tagen der Tod des Königs bekannt wurde, fiel es dem Servius nicht schwer den Thron zu behaupten, den er zwar mit Bewilligung des Senats, aber nicht mit Beistimmung des Volkes in Besitz nahm. Die Söhne aber des Ancus waren bereits von den ergriffenen Mördern als Anstifter der Tat verraten und, mutlos geworden, aus der Stadt entflohen und fanden in der Fremde ein ruhmloses Ende.