Die Römer hatten bis zu dieser Zeit noch keine geschriebenen Gesetze. Die patrizischen Richter sprachen Recht nach altem Herkommen oder nach Gutdünken, wobei sie sich oft Begünstigung ihrer Standesgenossen zum Nachteile der Plebejer zuschulden kommen ließen. Um sich gegen solche ungerechte Urteilssprüche zu sichern, setzten es die Plebejer unter ihrem Tribunen Terentilius Harsa durch, daß zu ihrem Schutze gegen die Willkür der Patrizier geschriebene Gesetze aufgestellt werden sollten (453 v. Chr.). Nun wurden Gesandte in die griechischen Städte Unteritaliens und nach Athen geschickt, um dort die weisesten Gesetze zu sammeln. Nach ihrer Rückkehr wurde ein Ausschuß von zehn Männern (decemvirn) ernannt, der aus diesen Gesetzen diejenigen auswählen sollte, welche dem römischen Staate angemessen wären und zu gleicher Zeit auf ein Jahr mit der unumschränkten Regierungsgewalt betraut, sodaß alle anderen Obrigkeiten inzwischen aufhörten. Unter diesen Zehnmännern oder Decemvirn war Appius Claudius der angesehenste und einflußreichste.
Die Decemvirn regierten anfangs zu völliger Zufriedenheit des Volkes. Am Ende ihres Amtsjahres stellten sie auf zehn Tafeln eine Reihe von Gesetzen auf, bezeigten aber keine Lust, nun auch ihr Amt niederzulegen. Besonders wünschte der stolze Appius Claudius seine Herrschaft noch fortzusetzen. Durch erheuchelte Milde und Leutseligkeit hatte er das Volk für sich gewonnen und bewirkte ohne Mühe, daß die Decemvirn auch für das folgende Jahr im Amte blieben. Am Schluß des zweiten Jahres stellten sie noch zwei Gesetztafeln auf. Aber auch jetzt legten die Decemvirn ihr Amt nicht nieder, sondern mißbrauchten es zu Gewalttätigkeiten gegen das Volk, besonders gegen diejenigen Plebejer, die ihrer Herrschaft gefährlich schienen. Nun geschah es, daß die benachbarten Äquer und Sabiner in die römische Landschaft einbrachen und die Decemvirn gegen sie zwei Heere ins Feld führen mußten. Beide Heere wurden durch die Schuld der Krieger, welche absichtlich ihre Pflicht versäumten aus Unwillen gegen die Decemvirn, geschlagen. Als der erste Schreck vorüber war und von Rom Verstärkung anlangte, rückte das eine Heer in das Gebiet der Sabiner vor. In diesem Heere befand sich ein alter Hauptmann, Siccius Dentatus, der in vielen Schlachten gefochten, acht Feinde im Zweikampfe erlegt und vierzehn Bürgern im Kampf das Leben gerettet hatte, dessen Brust zahlreiche Narben schmückten und dem eine Menge von Bürgerkränzen, goldenen Ketten, Armbändern und anderen Ehrenzeichen als Lohn seiner Heldentaten zuteil geworden waren. Dieser Mann, über die Gewaltherrschaft der Decemvirn empört, forderte seine im Felde stehenden Mitbürger zu einer zweiten Auswanderung nach dem heiligen Berg auf, um die verlorenen Rechte wiederzugewinnen. Als die Decemvirn davon Kunde erhielten, beschlossen sie seinen Tod. Sie sandten ihn, begleitet von einer Schar gedungener Meuchelmörder, in die Umgegend, um den Platz für ein neues Lager zu suchen. Diese überfielen in einem einsamen Hohlwege den ahnungslosen Helden. Aber es ward ihnen schwer den gewaltigen Mann zu fällen, und um seine Leiche lagen viele der Verräter, die er in seiner Notwehr hingestreckt hatte. Die übrigen berichteten im Lager Siccius sei mit einigen seiner Leute in einen Hinterhalt der Feinde geraten und tapfer kämpfend gefallen. Man eilte hin, seine Leiche zu holen: da wurde der Verrat offenbar, denn es lagen keine Feinde, sondern nur Römer um ihn her. Das Heer drohte Aufstand und wollte die Leiche nach Rom tragen, ließ sich aber für diesmal noch dadurch beschwichtigen, daß die Decemvirn dem Gefallenen ein prächtiges Leichenbegängnis mit allen kriegerischen Ehren anordneten.
So nachteilig auch diese Tat für den Ruf der Decemvirn war, so gelang es diesen doch sich in der Gewalt zu behaupten, bis endlich der Frevelmut des Appius Claudius eine allgemeine Empörung gegen sie veranlaßte. Appius hatte die schöne Virginia, die Tochter eines Plebejers, des Virginius, und Braut des Icilius gesehen und strebte nach ihrem Besitze. Anfangs suchte er sie durch lockende Versprechungen zu gewinnen. Da ihm dies nicht gelang, so bewog er einen seiner Klienten die Virginia für die Tochter seiner Sklavin auszugeben und als sein Eigentum zurückzufordern.
Ihr Vater Virginius stand im Lager, als der Klient die Virginia auf offener Straße ergriff und vor den Richterstuhl des Appius Claudius führte, von dem er sie sich nun als Eigentum zusprechen ließ. Auf das Geschrei des um Hilfe stehenden Mädchens strömte eine Menge Volkes herbei. Auch Icilius war herbeigeeilt, und nur mit Mühe vermochte er den Appius zu bewegen, bis zur Ankunft des Vaters die Sache anstehen und die Jungfrau in den Händen derer zu lassen, welche sich für sie verbürgten. Alsbald schickte Appius heimlich einige Diener ins Lager an die Decemvirn, die dort den Oberbefehl hatten, mit dem Auftrage, sie sollten dem Virginius keinen Urlaub gewähren. Doch die Boten des Icilius waren früher gekommen. Virginius hatte bereits Urlaub und war auf dem Wege nach Rom.
Am folgenden Tage erschien er vor dem Richterstuhle des Decemvirn mit seiner Tochter, beide in Trauergewand, von vielen Matronen und Freunden begleitet. Der ganze Marktplatz war von Menschen angefüllt, die das traurige Schauspiel herbeigelockt hatte. Appius bestieg die Richterbühne; sein Klient wiederholte seine Klage, und abermals wurde die Jungfrau ihm als Eigentum zugesprochen. Als er sie ergreifen wollte und der Vater ihn drohend abwies, die Umstehenden aber in ihrer Entrüstung einen schützenden Kreis um Vater und Tochter schlossen, da befahl Appius seinen mit Beilen bewehrten Amtsdienern, den Liktoren, den Haufen zu sprengen und das Mädchen zu ergreifen, und bedrohte mit schwerer Strafe alle diejenigen, die sich gestern und heute gegen seine Richtergewalt gesträubt hätten. Dadurch eingeschüchtert wich die Menge auseinander. Virginius aber, der keine Rettung mehr sah, bat nur noch um die Gunst von seiner Tochter Abschied nehmen zu dürfen. Dies ward ihm gewährt. Da führte er sie zu einer nahen Fleischerbude, ergriff ein Messer und stieß es ihr in die Brust, indem er ausrief: „Hiermit allein, mein Kind, kann ich deine Ehre retten!“ Darauf wandte er sich gegen Appius und schrie: „Bei diesem Blute weihe ich dein Haupt den Göttern der Unterwelt!“, bahnte sich mit dem Messer in der Hand einen Weg durch das Gedränge und gelangte bis ans Tor, um zurück ins Lager zu eilen. Icilius aber zeigte dem Volke den blutenden Leichnam seiner Verlobten und forderte zum Sturz der Decemvirn auf; die Liktoren des Appius wurden übermannt und er selbst floh mit verhülltem Haupte in sein Haus. Auch im Lager brach der Aufruhr los. Das Volk zog zum zweiten Male auf den heiligen Berg und kehrte erst dann nach Rom zurück, als der Senat verordnete, daß die Decemvirn ihr Amt niederlegen und wieder Konsuln an ihre Stelle treten sollten.
Appius Claudius aber, der ruchloseste der Decemvirn, ward in den Kerker geworfen und nahm sich dort selbst das Leben.
XIII.
M. Furius Camillus. Einbruch der Gallier.
Nicht weit von Rom, auf etrurischem Gebiet, lag die mächtige Stadt Veji, die mit den Römern seit lange in Fehde lag und schon oft blutige Kämpfe geführt hatte. Nun geschah es, daß die Vejenter römische Gesandte ermordeten, wofür die Römer Genugtuung verlangten und mit neuem Kriege drohten. Im Vertrauen auf ihre Macht und die Festigkeit ihrer Stadt nahmen ihn die Vejenter an, und es begann ein zehnjähriger Kampf (405–396 v. Chr.), der mit der völligen Zerstörung der Stadt Veji endete. Der Ruhm dieses Sieges gebührte dem Marcus Furius Camillus.
Zehn Jahre lang ward die Stadt von den Römern belagert, aber nicht ohne Unterbrechung. Ihr Heer zog gewöhnlich nur im Sommer und lagerte einige Monate um die Stadt, die übrige Zeit begnügte es sich ihr durch Streifzüge die Zufuhr abzuschneiden. Erst im zehnten Jahre schritt man zu einer förmlichen Belagerung, wobei das römische Heer zum ersten Male den Winter über im Felde blieb und die Mannschaften für ihren Unterhalt einen Sold aus der Staatskasse erhielten.
In diesem letzten Jahre aber erlitten die Römer eine so schwere Niederlage, daß banges Zagen das Heer und auch die Bevölkerung Roms ergriff, und man schon den Feind vor den Mauern erwartete. In dieser Not ward M. Furius Camillus zum Diktator gewählt. So hieß bei den Römern der Beamte, den sie in Zeiten großer Bedrängnis ernannten, und mit unumschränkter höchster Gewalt ausstatteten, um den Staat zu retten, und mit dessen Ernennung die Amtsgewalt aller anderen Obrigkeiten aufhörte.