Camillus sammelte eine bedeutende Streitmacht und rückte, nach einem glücklichen Treffen gegen die Falisker, welche auf Seite der Vejenter standen, vor Veji, schloß die Stadt ein und erbaute rings umher eine Reihe fester Schanzen. Auch ließ er einen unterirdischen Gang graben, welcher in das Innere der Burg von Veji hineinführen sollte. Tag und Nacht wurde ohne Unterlaß an diesen Werken gearbeitet; man hoffte zuversichtlich, daß Vejis Untergang nahe sei. Unter vielen anderen Wunderzeichen hatte es sich im Jahre vorher ereignet, daß der Albanersee, südlich von Rom, im trockenen Hochsommer ungewöhnlich anschwoll und die umliegende Landschaft überschwemmte. Man schickte nach Delphi, um über die Bedeutung der seltsamen Erscheinung den Gott zu befragen. Um Veji war um diese Zeit Waffenruhe, und die Vorposten auf beiden Seiten führten Gespräche mit einander. So hörten die Belagerten von dem Wunder des Sees, und ein etruskischer Seher verkündigte, Veji sei nicht einzunehmen, so lange das Wasser nicht abgeleitet sei. Bald nachher lud ein römischer Hauptmann den Wahrsager zu sich, unter dem Vorwande, er wolle sich einige Zeichen, die ihn allein beträfen, von ihm deuten lassen. Er kam, aber der starke Hauptmann ergriff den schwachen Alten und schleppte ihn mit Gewalt zu dem Feldherrn, der ihn nach Rom abführen ließ. Hier vor dem Senat bekannte der Seher: „Die Schicksalsbücher von Veji verkünden, solange der See überströme, könne Veji nicht eingenommen werden, und wenn sein Wasser das Meer erreiche, werde Rom untergehen.“ Damit stimmte die Antwort des delphischen Orakels überein.
Nun wurde ein Kanal gegraben und das Wasser des Sees auf die Felder geleitet. Vejis Untergang hielt man jetzt für so gewiß, daß Camillus, ehe er die Stadt bestürmen ließ, den Senat befragte, wie er mit der Beute verfahren solle. Der Senat beschloß, daß jeder, der daran teilhaben wollte, ins Lager ziehen möge, und jung und alt strömte hin. Als nun der unterirdische Gang in die Burg bis unter dem Boden des Junotempels vollendet war, gelobte Camillus den Zehnten der Beute den Göttern zu weihen, zur Göttin Juno aber betete er, sie möge den Siegern nach Rom in ein prächtigeres Wohnhaus folgen. Zur bestimmten Stunde wurde der Gang mit Kriegern gefüllt, die Camillus selbst anführte, während das übrige Heer ringsum den Sturm auf die Mauern begann, wo allein die Belagerten ihren Angriff erwarteten. Im Junotempel opferte inzwischen der König der Vejenter, und der Seher erklärte, der werde siegen, welcher der Göttin das Opferfleisch zerlege. Kaum hörten dies die Römer in dem Gange, so brachen sie aus demselben hervor, raubten das Opferfleisch und trugen es zu dem Diktator. Zugleich verbreiteten sich von der Burg aus die aus dem Gange Eingedrungenen in die Stadt, um den Stürmenden die Tore zu öffnen. In allen Straßen wurde gekämpft und unter den Einwohnern ein furchtbares Gemetzel angerichtet, bis der Diktator verkünden ließ die Wehrlosen zu verschonen. Die dem Blutbade entronnen waren, wurden als Sklaven verkauft, und so überschwänglich war die übrige Beute, daß der Diktator, als er sie überschaute, mit gen Himmel gehobenen Händen zu den Göttern gebetet haben soll, daß, wenn ihnen dies Glück übergroß erschiene, das römische Volk nur mit einem kleinen Unfall büßen möge. Bei der Rückkehr nach Rom feierte der Sieger einen prächtigen Triumph, wobei er auf einem mit vier weißen Rossen bespannten Wagen das Kapitol hinauffuhr.
Auch die Stadt Falerii, die es mit den Vejentern gehalten hatte, unterwarf Camillus der Botmäßigkeit der Römer. Zwar trotzten anfangs die Einwohner, die Falisker, auf die Festigkeit ihrer auf steilen Felsen gelegenen Stadt vertrauend, und die Belagerung zog sich in die Länge; bis der hochherzige Sinn, den Camillus hier zu zeigen Gelegenheit hatte, die Falisker zur Unterwerfung geneigt machte. Eines Tages nämlich führte ein Schulmeister eine Schar Kinder aus den vornehmsten Familien der Stadt, wie zur Friedenszeit, zu einem Spaziergange aus der Stadt und zog mit ihnen weit vor die Mauern, bis er zu den Vorposten der Feinde und an das Zelt des Camillus kam. „Diese Knaben sind die Söhne der vornehmsten Bewohner der Stadt. Behalte sie als Geiseln, so bringst du ihre Stadt ohne weitern Kampf in deine Gewalt.“ So sprach der Arglistige, in Hoffnung auf einen großen Lohn. Aber der hochgesinnte Römer ließ dem verräterischen Lehrer die Hände auf den Rücken binden und übergab ihn den Kindern, die ihn unter Rutenschlägen in die Stadt zurücktrieben. Diese Ehrlichkeit des Feindes verwandelte den Haß der Falisker in Bewunderung; sie suchten und fanden in Rom einen billigen Frieden.
In den folgenden Jahren verlor indes der um Rom so hochverdiente Mann die Gunst des Volkes. Ja, ein Volkstribun klagte ihn an einen Teil der vejentischen Beute unterschlagen zu haben. Verlassen von Freunden und Klienten, ging er in die Verbannung, mit dem Gebete an die Götter, daß, wenn man ihm Unrecht tue, bald eine Zeit kommen möge, wo das Vaterland seiner bedürfe. Sein Wunsch ging bald in Erfüllung, wie die folgende Geschichte lehrt.
Aus den Ländern jenseits der Alpen hatten sich nicht lange vor dieser Zeit zahlreiche Schwärme des großen keltischen oder gallischen Volkes in Bewegung gesetzt, um in den fruchtbaren Gefilden der apenninischen Halbinsel neue Wohnsitze zu erobern. Sie besetzten die vom Padus (Po) durchströmte reiche Landschaft zwischen den Alpen und dem Apennin, welche dann nach ihnen Gallia cisalpina (Gallien diesseits der Alpen) genannt und damals noch nicht als zu Italien gehörig betrachtet wurde. Aber mit dieser Eroberung nicht zufrieden, drangen sie bald in neuen Scharen unter König Brennus über das Gebirge südwärts in das Land der Etrurier ein, und belagerten dort die Stadt Clusium, wo einst Porsenna geherrscht hatte. Die Clusinier baten in ihrer Bedrängnis die Römer um Hilfe, und diese ordneten drei Gesandte ab, welche den Galliern mit Krieg drohten, wofern sie nicht das von ihnen ohne alles Recht besetzte Gebiet räumten. Aber die Gallier antworteten: „Zum ersten Male hören wir den Namen der Römer und halten sie für tapfere Männer; unser Recht jedoch beruht auf unsern Waffen, alles gehört den Tapfern!“ Die Gesandten nahmen darauf sogar an dem Kampfe gegen die Gallier teil und töteten dabei einen ihrer Heerführer. Für diese Verletzung des Völkerrechts forderten die Gallier Genugtuung und drangen, da sie ihnen verweigert ward, gegen Rom vor. Am Flüßchen Allia stießen sie auf das römische Heer, das sie in ihrer großen Überzahl und ihrer ungewohnten stürmischen Angriffsweise in jähe Flucht warfen und mit solchem Schreck erfüllten, daß ein großer Teil der Flüchtlinge nicht nach Rom, sondern nach dem näheren Veji und anderen Orten sich rettete. In Rom selbst geriet alles in die größte Bestürzung und Verwirrung. Man fand es unmöglich die Stadt gegen den vorrückenden Feind zu verteidigen und beschloß sie zu verlassen. Nur das Kapitol blieb besetzt; der Senat und etwa tausend Krieger waren entschlossen diese heilige Tempelburg gegen die Barbaren zu verteidigen. Das übrige Volk, darunter auch die Vestalinnen und Priester mit den Heiligtümern, die sie mit sich nehmen konnten, flohen nach dem seit seiner Eroberung verlassenen und leeren Veji und in andre benachbarte Städte. In der Angst und Verwirrung schloß man nicht einmal die Tore. Nur die ältesten Senatoren blieben unten in der Stadt zurück; geschmückt mit den Zeichen ihrer Würde, saßen sie auf ihren Amtssesseln auf dem Markte, des Todes durch Feindeshand gewärtig.
Nicht lange, so erschienen die ersten Gallier vor den Mauern. Da sie die Tore der Stadt offen und unverteidigt fanden, fürchteten sie anfangs einen Hinterhalt. Endlich aber wagten sie sich mit aller Vorsicht hinein. Da fanden sie niemanden als jene alten ehrwürdigen Senatoren, die still und unbeweglich auf ihren Stühlen saßen. Ihr Anblick flößte zugleich Furcht und Verwunderung ein, sodaß sie anfänglich von den Galliern für die Bildsäulen der Schutzgötter Roms gehalten wurden. Erst nach einiger Zeit trat ein kühner Gallier an einen der ältesten, Marcus Papirius, heran und zupfte ihn am Barte, um zu sehen, ob er lebte. Erzürnt hob Papirius sein elfenbeinernes Szepter und schlug damit den Gallier aufs Haupt. Da fielen die Gallier über die Greise her und töteten sie alle. Hiernach verbreiteten sie sich über die ganze Stadt, schleppten alle Beute heraus und steckten die Häuser in Brand. Das ganze Rom, mit Ausnahme des Kapitols, ging in Flammen auf (389 v. Chr.).
Während nun Brennus mit seinen Galliern das Kapitol belagerte, um die Besatzung auszuhungern, unternahm ein anderer Teil seines Heeres einen Streifzug, um Lebensmittel zu holen. Diese Schar kam in die Nähe von Ardea, wo Camillus in der Verbannung lebte. Eilig sammelte er die Ardeaten und überfiel mit ihnen die Gallier, von denen viele niedergemacht wurden, die übrigen sich in wilder Flucht zerstreuten. Durch diesen Erfolg ermutigt, beschloß das nach Veji geflüchtete Volk den Camillus aus der Verbannung zu rufen und zum Diktator zu ernennen. Dazu war die Zustimmung des Senats nötig, der sich auf dem Kapitol befand. Um die Genehmigung einzuholen, erbot sich ein kühner Jüngling, Pontius Cominius. Nachts schwamm er die Tiber hinab, betrat nahe am Kapitol das Ufer, erkletterte die steile Burghöhe und kam, nachdem er seinen Auftrag ausgerichtet, unbemerkt wieder durch die Posten der Feinde hindurch. Am andern Morgen entdeckten die Gallier aus den Fußspuren den Weg, wo jener hinauf- und herabgekommen war, und beschlossen, auf demselben einen Versuch auf die Burg zu machen. In einer mondhellen Nacht, als alles auf dem Kapitole schlief, kamen sie in tiefster Stille, da selbst die Hunde oben sich nicht regten, bis an den Rand der Höhe, als plötzlich das Schnattern der Gänse, die im Heiligtum der Juno gehalten wurden, den M. Manlius aus dem Schlafe weckte. Eiligst lief er der unbewachten Stelle zu und stieß den vordersten Gallier, der eben den äußersten Felsenrand erklommen hatte, in die Tiefe. Sein Sturz riß auch alle ihm Nachfolgenden hinab. So wurde die Burg gerettet. Manlius ward von allen gepriesen und belohnt, die achtlosen Wächter aber zur Strafe über die Felsen in die Tiefe gestürzt.
Schon währte die Belagerung bis in den sechsten Monat, und der Mangel an Nahrung nahm auf der Burg mit jedem Tage zu; schon zwang der Hunger selbst das Leder von den Schuhen und Schilden zu verzehren, und noch immer erschien Camillus nicht zum Ersatz. Aber auch von den Galliern wurden viele durch Seuchen weggerafft. Unter solchen Umständen wurden beide Teile zum Frieden geneigt. Brennus versprach die Stadt und ihr Gebiet zu verlassen, wenn man ihm tausend Pfund Goldes zahle. Als es hierzu gewogen werden sollte, ließ Brennus falsches Gewicht anwenden, und auf die Beschwerde der Römer warf er sein Schwert und Wehrgehäng auf die Wagschale und rief: „Wehe den Besiegten!“ In diesem Augenblicke kam die Nachricht, daß Camillus mit dem Heere von Veji heranziehe, und als er zur Stelle war, erklärte er den ohne seine, des Diktators, Genehmigung geschlossenen Vertrag für ungültig, hieß die Römer das Gold wegtragen, die Gallier aber sich zur Schlacht bereiten: mit Eisen, nicht mit Golde wolle er seine Vaterstadt befreien. In zwei Schlachten schlug er die Gallier und vernichtete sie bis auf den letzten Mann. Brennus wurde gefangen und hingerichtet, wobei man ihm die Worte: „Wehe den Besiegten!“ höhnend wiedergab. Camillus zog triumphierend in die Stadt zurück; das Volk nannte ihn Romulus und pries ihn als Roms zweiten Gründer.
Aber die wiedergewonnene Stadt war, mit Ausnahme des Kapitols, eine öde Brandstätte. Viele der Bürger wünschten nach Veji zu ziehen und sich in den leerstehenden Häusern anzusiedeln; Camillus und der Rat widerrieten. Eines Tages war der Senat versammelt, als gerade ein Hauptmann eine Rotte Krieger über das Forum führte und ihnen zurief: „Halt, hier bleiben wir am besten!“ Dies Wort nahmen die Senatoren für eine glückliche Vorbedeutung; das Volk gab seinen Beifall, und der Wiederaufbau der Stadt wurde beschlossen. Aber noch lange nachher ließen die engen und unregelmäßigen Straßen erkennen, mit welcher Eile der Neubau geschehen war.
Camillus führte noch mehrere glückliche Kriege gegen benachbarte Völker. Bei einem neuen Einfall der Gallier übernahm er in einem Alter von achtzig Jahren noch immer die Diktatur und schlug die Feinde abermals. Kurz darauf raffte ihn die Pest hinweg. Er hatte im ganzen vier Triumphzüge gefeiert und fünfmal die Diktatur bekleidet.