Auf die erste unbestimmte Nachricht von der unglücklichen Schlacht und der Vernichtung der zwei Legionen geriet das Volk in unbeschreibliche Aufregung. Keiner wußte Genaues, selbst die obersten Beamten nicht; Männer und Weiber bestürmten sie mit Fragen. Erst gegen Abend erhielt der Senat sichere Kunde, und der Prätor teilte sie auf dem Markte mit: „Wir haben eine große Schlacht verloren, das Heer ist vernichtet, der Konsul tot, die Stadt in Gefahr.“
Man war darauf gefaßt den Sieger alsbald vor den Toren der Stadt erscheinen zu sehen, und traf in höchster Eile alle Vorkehrungen zur Abwehr. Vor allem galt es die Verteidigung des Vaterlandes, da der eine Konsul tot, der andere fern war, in eines Mannes Hand mit unbeschränkter Machtbefugnis zu legen, das heißt einen Diktator zu ernennen. Die Wahl fiel auf Fabius Maximus, der sich den Minucius Rufus als Reiterobersten zugesellte.
5. Hannibal gegen Fabius Cunctator.
Aber Hannibal zog nicht gegen Rom, sondern wandte sich von Etrurien ostwärts nach Umbrien und drang bis zur Stadt Spoletium, die er vergebens bestürmte, da sie von einer tapferen Besatzung verteidigt ward. Von da ging er in die fruchtbare picenische Landschaft hinüber, ließ die Truppen einige Tage ausruhen und drang dann, unter schrecklichen Verwüstungen, südwärts die Küste entlang bis nach Apulien. Aber seine Hoffnung, daß sich die Bundesgenossen Roms, der römischen Herrschaft überdrüssig, auf seine Seite schlagen würden, blieb unerfüllt. Alle Städte schlossen ihre Tore und behandelten ihn als Feind.
Inzwischen hatte der alte bedächtige Diktator Fabius zwei neue Legionen gebildet und die beiden des Konsuls Servilius sowie den versprengten Rest des geschlagenen Heeres an sich gezogen. Er folgte dem Feinde auf seinem Marsche, nicht um im offenen Felde eine neue und vielleicht letzte Schlacht zu schlagen, sondern um seine neuen Truppen zu üben und zu ermutigen, die Bündner in Treue zu halten und dem Gegner keine Rast zu lassen. Bei Arpi in Apulien bekam er ihn zuerst zu Gesicht. Hannibal bot ihm gleich die Schlacht an; aber Fabius wich vorsichtig aus und hielt sein Heer im festen Lager, das er immer auf den Höhen der Berge und in ziemlicher Entfernung vom Feinde aufschlug. Da Hannibal den vorsichtigen Gegner zu keiner Schlacht bewegen konnte, so brach er endlich auf und zog unter steten Verwüstungen durch Samnium, um wieder auf die Westseite des Gebirges nach Campanien zu gelangen.
Auf dem Wege dorthin kam er in eine von Bergen und Flüssen eingeschlossene Talebene. Fabius war ihm auf dem Fuße gefolgt, hielt die Höhen ringsum besetzt und hatte auch den Rückweg nach Samnium verlegt. Schon schienen die Karthager verloren zu sein, als Hannibal sich der Umschließung durch folgende List zu entziehen wußte. Er befahl gegen zweitausend Ochsen aus den erbeuteten Herden zusammenzutreiben, ließ ihnen dürre Reisbündel an die Hörner binden und, nachdem diese angezündet waren, den ganzen Haufen mit Anbruch der Nacht gegen die Anhöhen jagen, die der Feind besetzt hielt. Die römischen Truppen, die unten am Ausgange des Tales standen, sahen mit Staunen die eilenden Feuerlinien über sich auf den Bergen, und da sie glaubten, die Karthager hätten sie umgangen und zögen bei Fackelschein ab, so wichen sie seitwärts auf die Anhöhen, während die, welche oben standen, vor dem Ansturm der wütenden Tiere flohen. Selbst Fabius wagte es nicht seine Stellung auf der andern Seite des Tales zu verlassen. Indessen zog Hannibal durch die geöffneten und unbewachten Pässe und entkam so der Falle, die ihm Fabius gelegt hatte.
In Rom aber war man über die Weise, wie Fabius den Krieg führte, unwillig, und auch im Lager erhob sich lautes Murren über den Feldherrn, den sie wegen der Art seiner Kriegsführung spöttisch den Zauderer (cunctator) nannten. Am meisten suchte sein Reiteroberst Minucius den Diktator in ein ungünstiges Licht zu stellen, und als er nun gar eines Tages, während der Diktator in Rom beschäftigt war, ein glückliches Gefecht geliefert hatte, brachte er es wirklich dahin, daß die Diktatur und der Heerbefehl zwischen ihm und Fabius geteilt ward. Sie bezogen, jeder mit zwei Legionen, getrennte Lager. Eines Tages reizte Hannibal, der die Zwietracht seiner Gegner kannte, das Heer des Minucius in einem engen Tale zum Gefecht. Eine plötzlich aus einem Hinterhalte hervorbrechende Schar von 5000 Puniern faßte es in Seite und Rücken; schon schien seine Vernichtung unvermeidlich, als Fabius, der den ganzen Hergang von seinem nahe gelegenen Lager aus beobachtet hatte, mit seinen Legionen ausrückte und die bereits siegreichen Feinde so bedrängte, daß nicht nur das Heer des Minucius entsetzt wurde, sondern auch Hannibal den Rückzug antrat und sich für besiegt erklärte. „So habe ich doch einmal,“ sagte er zu den Seinen, „diese Wetterwolke, die immer um den höchsten Berggipfel schwebt, in die Tiefe herab und zur Entladung gebracht.“ Den Fabius aber begrüßte der beschämte Minucius als Vater, und seine Legionen die des Diktators als ihre Patrone (Beschützer). Die beiden Lager wurden wieder vereinigt, und Minucius verzichtete gern auf den ihm eingeräumten Mitbefehl.
Von da an wurde das Verfahren des Fabius, der den Krieg in die Länge zu ziehen und den Feind zu ermüden suchte, als weise anerkannt, der Spottname Cunctator ward ihm jetzt zu einem Ehrennamen und der größte Dichter jener Zeit, Quintus Ennius, pries ihn mit dem Verse:
Ein Mann brachte dem Staat durch klügliches Zaudern Errettung.