Die hinhaltende Kriegführung des Diktators hatte auch ihre Nachteile; sie erschöpfte die Hilfsmittel des Landes und drohte die Treue der darunter leidenden Bundesgenossen ins Wanken zu bringen. Deshalb beschloß der Senat, nach Ablauf der Amtszeit des Diktators, wieder Konsuln an die Spitze des Heeres zu stellen und dieses in solcher Stärke ins Feld zu schicken, daß man hoffen konnte den Krieg mit einem Schlage zu beendigen. Statt der bisherigen vier wurden acht überstarke Legionen aufgestellt und eine gleiche Anzahl bündnerischer Truppen einberufen. Außerdem wurde eine neunte Legion ins Po-Tal geschickt, um die bei Hannibal stehenden Gallier zum Abzuge in ihre bedrohte Heimat zu bewegen. Niemals hatte Rom eine solche Kriegsmacht aufgestellt. Aber die Wahl der neuen Konsuln war nicht glücklich. Neben dem besonnenen und kriegserfahrenen L. Ämilius Paullus stand der beim Volk beliebte, aber ebenso anmaßende wie unfähige G. Terentius Varro.
Hannibal, der im ganzen über 10000 Reiter und etwas mehr als 40000 Mann Fußvolk verfügte, hatte im Frühjahr 216 eine starke Stellung in der kornreichen apulischen Ebene eingenommen, bei Cannä (zwischen den heutigen Städten Canōsa und Barletta), südlich des Flusses Aufĭdus (Ofanto). Nordwärts standen die beiden Konsuln in gesonderten Lagern zu beiden Seiten des Flusses. Hannibal wünschte nichts mehr als eine entscheidende Schlacht; denn die Ebene gestattete ihm den unbehinderten Gebrauch seiner überlegenen Reiterei, und die Nähe des feindlichen Heeres erschwerte ihm die Verpflegung des eigenen. Eben deshalb wollte Paullus, der die Lage des Gegners richtig beurteilte, den entscheidenden Kampf noch hinausschieben und auf ein den Römern günstigeres Schlachtfeld verlegen. Aber der hitzige Varro achtete nicht auf seine Vorstellungen, und da sie im Heerbefehl einen Tag um den andern wechselten, so führte er an seinem Tage das Heer, gegen 80000 Mann, zur Schlacht hinaus auf das rechte Flußufer, während ein kleiner Teil, 10000 Mann, auf dem linken im Lager zurückblieb.
Beide Schlachtlinien lehnten sich mit einem Flügel an das rechte Flußufer, so daß der römische nach Süden stand, der punische nach Norden gewandt war. Varro hatte die römischen Reiter am Flusse, die der Bundesgenossen auf dem andern Flügel, in der Mitte das Fußvolk in tiefen Massen aufgestellt; vor der ganzen Linie standen in mäßigen Zwischenräumen die Leichtbewaffneten. Auf dem rechten Flügel befehligte Ämilius Paullus, auf dem linken Varro, in der Mitte Servilius, der Konsul des vorigen Jahres. Auch Hannibal stellte seine Leichtbewaffneten vor die Front, links zunächst am Flusse die schwere gallische und spanische Reiterei, auf der andern die leichte numidische. Dazwischen bildete das schwerbewaffnete Fußvolk eine weite halbmondförmige Linie, in deren Mitte die Gallier und Spanier am meisten nach vorn, die Afrikaner nach beiden Seiten mehr zurück standen. Diese mittleren Truppen befehligte Hannibal selbst mit seinem Bruder Mago, den linken Flügel Hasdrubal, den rechten Hanno.
Es war ein heißer Junitag; glühend blies der Südwestwind den Römern ins Gesicht und wirbelte ihnen große Staubwolken entgegen. Die Leichtbewaffneten begannen die Schlacht, jedoch auf beiden Seiten ohne Entscheidung. Dann aber erfolgte ein blutiger Kampf zwischen den am Flusse stehenden Reitern, die in dem engen Raum zum Teil absprangen und zu Fuß Mann gegen Mann stritten. Die Römer, völlig geworfen, wurden teils niedergemacht, teils in den Fluß getrieben und zersprengt. Paullus, schwer verwundet, rettete sich zu dem Fußvolk. Dieses hatte inzwischen den Angriff auf die feindliche Mitte siegreich begonnen. Die Gallier und Spanier, überwältigt von dem ersten Stoße der Legionen, wichen zurück und öffneten die Linie, während die Afrikaner etwas weiter seitwärts unbewegt feststanden. Die römische Schlachtlinie, die Weichenden verfolgend, drang immer tiefer in den offen gelassenen Raum hinein und sah sich auf einmal von den Afrikanern in ihren Flanken angegriffen. Indes währte das Gefecht auf dem andern Flügel unentschieden fort, bis Hasdrubal von der linken Seite den Puniern zu Hilfe kam und auch hier die römische Reiterei zum Weichen brachte. Das Verfolgen der Geschlagenen überließ er den Numidern; er selbst schwenkte mit seinen Reitern nach der Mitte hin und griff das römische Fußvolk im Rücken an. Dieses, nunmehr von allen Seiten eingeschlossen, wurde fast bis auf den letzten Mann niedergemacht. Von den 76000 Mann, die in der Schlachtlinie gestanden hatten, lagen 70000 auf der Walstatt, darunter ein Konsul des vorigen Jahres, über dreißig, die andere hohe Staatsämter bekleidet hatten, achtzig Senatoren und auch der Konsul Ämilius Paullus selbst. Auch die Besatzung des Lagers, 10000 Mann, mußte sich großenteils ergeben. Viel geringer war der Verlust auf punischer Seite, kaum 6000 Mann.
Als Paullus sich ins Lager zu retten suchte, hatte er sich, von seiner Wunde ermattet, auf einen Stein gesetzt und hier den Tod erwartet. So traf ihn Lentulus, ein Kriegsoberster, der selbst verwundet aus der Schlacht floh, und bot ihm sein eigenes Pferd zur Flucht. Aber Paullus schlug es aus und sagte: „Rette dich, edler Freund, sage den Vätern, sie sollten Rom verrammeln und stark besetzen, und dem Fabius, ich hätte seine Lehren im Leben befolgt und im Tode noch gebilligt. Mich laß unter diesen Leichenhaufen meiner Krieger den Tod finden, damit ich nicht als Ankläger meines Amtsgenossen aufzutreten brauche.“ Kaum hatte er dies gesagt, so naheten die Feinde. Lentulus entkam durch die Schnelle seines Rosses, der Konsul wurde niedergemacht. Und gleichsam als wollte das Schicksal Roms sich in diesem Unglücksjahre ganz vollenden, geriet auch jene neunte Legion in einen Hinterhalt der Gallier und wurde völlig vernichtet.
Varro entkam mit wenigen Reitern nach Venusia, wohin sich auch eine Anzahl der Versprengten und ein kleiner Teil der im Lager Gebliebenen rettete. Als er von dort, tief gedemütigt, auf Einladung des Senats nach Rom kam, zog ihm dieser vor das Tor entgegen und dankte ihm, daß er am Vaterlande nicht verzweifelte.
Die Folge dieser furchtbaren Schlacht war, daß nunmehr viele Städte und Landschaften Unteritaliens, sowie alle cisalpinischen Gallier von Rom abfielen. Rom war am Rande des Untergangs; stündlich erwartete man den Sieger vor den Toren. Aber die Römer zeigten wiederum, daß sie niemals größer waren, als im Unglück, und bewiesen eine Stärke der Seele, welche die höchste Bewunderung verdient. Niemand sprach von Frieden, und die Abgeordneten Hannibals, welche Friedensanträge brachten, ließ man nicht einmal in die Stadt, ja sogar den Loskauf der Gefangenen lehnte man ab. Hannibal aber marschierte nicht sofort gegen Rom, wie ihm Maharbal riet, und mußte deshalb von diesem den Vorwurf hören: „Zu siegen verstehst du, aber den Sieg auszunutzen verstehst du nicht.“
7. Hannibal und Marcellus.
Mit dem Siege bei Cannä hatte Hannibal den Gipfel seines Glückes erstiegen; von nun an sehen wir ihn, obgleich den Römern noch immer furchtbar, keine so glänzenden Taten mehr verrichten. Sein Heer legte er zum Winterquartier in die große und reiche Stadt Capua, deren Bewohner ihn als einen Befreier vom römischen Joche zu sich eingeladen hatten. Unter dem milden Himmel Campaniens und durch die üppigen Genüsse, die dieses ihm bot, soll das Heer verweichlicht worden sein und die alte Kriegszucht und Manneskraft eingebüßt haben. Dazu kam, daß Hannibal von Karthago aus ohne Unterstützung blieb, weil ihm eine feindliche Partei entgegenarbeitete, obschon zwei Scheffel goldener Ringe, die in der Schlacht bei Cannä von den Händen römischer Ritter gezogen und nach Karthago geschickt worden waren, eine große Begeisterung für den Sieger erweckt hatten.