Gegen den Vorschlag des Tiberius erhob sich, wie zu erwarten gewesen, der heftigste Widerstand, und die Erbitterung der Gemüter stieg auf beiden Seiten, bis endlich der Tag herannahte, an welchem in der Volksversammlung über das Gesetz abgestimmt werden sollte. Als Tiberius an diesem Tage seinen Vorschlag noch einmal dem Volke vortrug, trat plötzlich ein anderer Tribun, Octavius, auf und hinderte durch seine Einsprache die Verlesung des Vorschlags und die Abstimmung darüber. Diesen Tribunen hatten die Optimaten für sich gewonnen, da sie sonst kein Mittel hatten, das Gesetz, das ihrer schrankenlosen Habsucht Grenzen setzte, zu hintertreiben. Denn nach dem geltenden Rechte konnte kein Vorschlag Gesetzkraft erhalten, wenn auch nur einer der zehn Tribunen dagegen Einspruch tat.
Vergebens suchte Tiberius den Gegner umzustimmen. In der Meinung, jener befürchte selbst bei der Verteilung des Landes Verlust an seinem Eigentum, bot er ihm Ersatz aus seinem eigenen Vermögen an. Als auch dies nichts fruchtete, verließ ihn seine bisherige Geduld. Die milden Bestimmungen seines Vorschlages zugunsten der Söhne nahm er weg; von jetzt an sollte jeder Reiche nur 500 Morgen und ohne alle Entschädigung für das, was er verlor, behalten. Die Reichen legten Trauerkleider an und suchten Mitleid bei der Bürgerschaft zu erregen; aber heimlich sollen sie Meuchelmörder gedungen haben, um den tödlich gehaßten Mann aus dem Wege zu räumen. Dieser trug fortan einen Dolch, sprach vor dem Volke von seiner Gefahr, und ging nicht mehr ohne Geleit seiner Anhänger aus dem Hause. Oft war eine Schar von 3–4000 Menschen um ihn.
In der nächsten Volksversammlung befahl Tiberius von neuem die Verlesung seines Vorschlags, und Octavius wiederholte seine Einsprache. Die Volksmenge geriet in Aufruhr. Als Tiberius dennoch zur Abstimmung schreiten wollte, bemerkte man, daß die Urnen, worein die Stimmtäfelchen geworfen wurden, weggenommen waren. Wie nun die Volksmenge immer heftiger tobte und Octavius nicht nachgeben wollte, rief Tiberius: „Ich weiß kein anderes Mittel als dies, daß einer von uns sein Amt niederlege. Laß du das Volk über mich zuerst abstimmen; wenn es mich meiner Würde entsetzt, so gehe ich als Privatmann nach Hause.“ Da Octavius auch dies versagte, so beschied Tiberius das Volk auf den anderen Tag wieder, um über die Absetzung zu entscheiden.
Am anderen Tage wiederholte Octavius abermals seinen Widerspruch. Da ließ Tiberius über seine Absetzung stimmen. Als nahezu der größere Teil des Volkes sich gegen Octavius ausgesprochen hatte und seine Absetzung schon fast gewiß war, trat Tiberius vor aller Augen auf Octavius zu, umarmte ihn und bat ihn flehentlich, er möge nachgeben. Octavius, zu Tränen gerührt, war einige Augenblicke unschlüssig. Als er aber seine Augen auf die nahe Schar der Optimaten warf, da befiel ihn Scham, und er hieß den Gracchus tun was er wolle. So ward Octavius seines Amtes entsetzt, und kaum entging er den Händen des erbitterten Volkes. Das Gesetz des Tiberius ward nun genehmigt, und drei Männer zu seiner Ausführung gewählt: er selbst, sein Bruder Gajus und sein Schwiegervater Appius Claudius. Aber Tiberius hatte durch die Amtsentsetzung des Octavius, dessen Person als Tribun heilig und unverletzlich war, eine gesetzwidrige Handlung begangen, durch welche die Verfassung verletzt ward, und damit zuerst den Weg betreten, der endlich zum Untergang der Republik führen mußte.
Es war bereits um die Mitte des Sommers, und es nahte die Zeit, wo die neuen Volkstribunen gewählt wurden. Die Reichen gedachten sich an Tiberius zu rächen, sobald er seine Würde niedergelegt hätte, und machten vorher alle seine Schritte gehässig. Und in der Tat, die gesetzwidrige Absetzung des Octavius war beispiellos und befremdete sogar manchen aus dem Volke. Um sich nun in der Gunst des Volkes zu erhalten, machte er den Vorschlag, daß die Schätze des letzten Königs von Pérgamon, des Attălus, der das römische Volk zum Erben seines Reiches eingesetzt hatte, unter das Volk verteilt werden, und daß dieses über jenes Reich verfügen sollte. Durch diesen Vorschlag verletzte er den Senat, der bisher allein über solche Angelegenheiten zu beschließen gewohnt war auf das tiefste, und seine Feinde verbreiteten mit Arglist das Gerücht, daß er selber nach der königlichen Würde strebe und ein Mann aus Pergamon ihm bereits Diadem und Purpurmantel überbracht habe.
Unter solchen Umständen bewarb sich Tiberius um das Tribunat für das folgende Jahr. Die Wahl fiel in die Erntezeit, wo nur der besitzlose städtische Pöbel in Rom anwesend, die Landbewohner aber auf dem Felde beschäftigt waren. An dem Wahltage aber kam es zu Streit und Einspruch und Tiberius, der die Wahl leitete, verlegte die Versammlung auf den folgenden Tag, den übrigen Teil des Tages ging er in Trauerkleidern, seinen Knaben an der Hand, auf dem Forum umher und bat die Bürger für die Sicherheit seines Lebens zu sorgen. Eine große Schar armen Volkes begleitete ihn und bewachte während der Nacht sein Haus. Am folgenden Morgen besetzten große Haufen Volks das Kapitolium; in der Nähe versammelte sich der Senat in einem Tempel. Schlimme Vorzeichen, erzählte man, schreckten den Tiberius, als er sein Haus verließ. Aber die Freunde machten ihm Mut, und als er die Stufen des Kapitols hinanstieg, begrüßte ihn das Volk mit lautem Freudengeschrei. Allein die Versammlung blieb auch diesmal ohne Ergebnis. Inzwischen brachte ihm ein Freund die Nachricht, daß die Gegner beschlossen hatten ihre Sklaven und Klienten zu bewaffnen. Als dies ruchbar wurde, erhob sich unter seinen Anhängern ein wilder Lärm. Tiberius wollte reden; da er aber bei diesem Getümmel sich nicht hörbar machen konnte, zeigte er mit der Hand nach seinem Kopfe, um dem Volke seine Lebensgefahr anzudeuten. Von dieser Bewegung des Tiberius erhielten die Senatoren sogleich Nachricht und legten sie boshafter Weise so aus, als habe Tiberius die Krone gefordert. Da sprang Scipio Nasīca, ein harter und leidenschaftlicher Aristokrat, auf und verlangte von dem Konsul, er solle Gewalt gegen den Hochverräter gebrauchen. Der Konsul Mucius Scävola aber, ein Mann von strengem Rechtsgefühl und der Reform geneigt, weigerte sich die geheiligte Person des Tribunen zu verletzen. Darauf rief Scipio: „Weil denn der Konsul die gemeine Sache verläßt, so folge mir jeder, der sie retten will!“ So stürmte er, von seinen Anhängern begleitet, aus dem Tempel und viele schlossen sich ihm auf dem Wege an. Das Volk erstaunte bei der Ankunft der Senatoren und machte ehrerbietig Platz. Diese aber ergriffen was sie von Beinen und Stücken zerbrochener Bänke und Gerätschaften vorfanden, und schlugen auf das Volk los, das nach allen Seiten hin die schleunigste Flucht ergriff. Auch Tiberius floh, stürzte aber über einige vor ihm liegende Leichen. Da erschlug ihn einer der Wütenden — der Tribun Publius Saturnejus und Lucius Rufus stritten sich später um diese Heldentat — durch einen Knüttelschlag auf die Schläfe, vor den Bildsäulen der sieben Könige beim Tempel der Fides (Treue). Seine Leiche und die der übrigen Erschlagenen, deren über dreihundert waren, wurden am Abend durch die Gassen geschleift und in die Tiber geworfen. Vergebens bat sein Bruder Gajus sie bestatten zu dürfen.
Das Ackergesetz des Tiberius und der Ausschuß von drei Männern (triumviri), die mit der Ausführung betraut waren, blieben auch nach dem Tode ihres Urhebers bestehen, obgleich die Optimaten alles aufboten, um die Verteilung des Gemeinlandes zu hintertreiben. Zu diesen gehörte selbst der Schwager des Ermordeten, Scipio Africanus, der, als er vor Numantia die Nachricht von dem Tode des Gracchus erhielt, des homerischen Verses gedachte:
„So mags jedem ergehn, der solcherlei Taten verübt hat!“
Wie dieser dann einige Jahre nachher selber als ein Opfer des Parteihasses fiel, ist bereits oben erzählt worden. Die an Tiberius und seinen Anhängern verübte Freveltat, die in der ganzen bisherigen Geschichte Roms nicht ihres gleichen hatte, ward zwar von den Gemäßigten auch unter den Optimaten verurteilt, aber der Senat suchte sie als die Strafe eines nach der Krone strebenden Verräters zu rechtfertigen, und ließ sogar gegen seine Anhänger im Volke mit blutigen Richtersprüchen vorgehen, während der Hauptschuldige, Scipio Nasica, um ihn der Rache der Menge zu entziehen, mit einem Auftrage nach Asien gesendet wurde. Seine Bluttat aber wirkte wie eine böse Saat in den folgenden Parteikämpfen.