Gajus Sempronius Gracchus, neun Jahre jünger als sein Bruder Tiberius — er war im Jahre 153 geboren — lebte nach dessen Untergang in stiller Zurückgezogenheit. Er glich dem älteren Bruder an strenger Sitte und hochstrebender vornehmer Gesinnung, übertraf ihn aber an Geist und Beredsamkeit, und war viel feuriger und leidenschaftlicher, dabei trotz seiner Jugend bereits im Felde bewährt und in allen Staatsgeschäften sicher und gewandt, unermüdlich, unbeugsam in seinem ererbten Kampfe gegen die volksfeindliche Optimatenpartei. Einst, da er einen Freund vor Gericht verteidigte, erregte er durch seine hinreißende stürmische Rede eine solche Bewunderung, daß der Adel in Sorge geriet, es möchte in ihm ein Rächer seines Bruders erstehen, und deshalb einen Vorwand suchte, um ihn von Rom zu entfernen. Er wurde als Quästor nach Sardinien geschickt und dort über die gesetzliche Frist festgehalten. Aber Gajus merkte die Absicht des Senats. Plötzlich verließ er seine Stelle, eilte nach Rom zurück und bewarb sich um das Tribunat (124). Man sagte, er sei dazu durch einen Traum aufgefordert worden. Sein ermordeter Bruder sei ihm nämlich im Traum erschienen und hätte gesagt: „Umsonst sträubst du dich, Gajus, dir bleibt doch ein Tod wie der meinige beschieden.“
Als seine Mutter Cornelia von seiner Bewerbung um das Tribunat hörte, suchte sie ihn davon abzubringen. Zwar hatte sie selbst vordem ihre Söhne angetrieben nach Ehren und Ruhm zu streben, aber das traurige Ende ihres älteren Sohnes hatte ihren stolzen Sinn gebeugt. Sie kannte die Feuerseele des hochbegabten und früh zum Manne gereiften Sohnes, seinen unauslöschlichen Haß gegen die herrschende Aristokratie, die ihm den geliebten Bruder gemordet und seinen unbändigen Drang die Schäden der öffentlichen Zustände zu heilen. In ihren Briefen bat sie ihn mit den rührendsten Ausdrücken von einem Unternehmen abzulassen, das für ihn höchst gefährlich werden könnte. Aber Gajus beharrte auf seinem Vorhaben und erreichte seine Wahl für das folgende Jahr.
Zwei Jahre hintereinander, 123 und 122, bekleidete er das Tribunat. Er erneuerte nicht nur das Ackergesetz seines Bruders, sondern schwächte, um sich die Gunst der großen Volksmenge zu verschaffen, durch eine ganze Reihe von Vorschlägen und Gesetzen die Macht des Senates. Sein Getreidegesetz, wonach regelmäßig Getreide unter die ärmeren Bürger zu sehr billigen Preisen abgegeben werden sollte, legte der Staatskasse bedeutende Kosten auf, und konnte nur dazu dienen die ohnehin schon bestehende Trägheit und Genußsucht des großstädtischen Pöbels zu nähren. Besonders einschneidend war das Gesetz, durch welches er den Senatoren die Gerichtsbarkeit entzog, indem es bestimmte, daß die Gerichte fortan nicht mehr mit Männern aus dem Senatoren-, sondern aus dem Ritterstande besetzt werden sollten, der zwischen dem Senats- und dem Bürgerstande die Mitte bildete. Die Absicht war dem Unfug zu steuern, daß die dem ersten Stande angehörigen Angeklagten von ihren Standesgenossen, aller Schuld ungeachtet, häufig freigesprochen wurden. Nun gehörten aber dem Ritterstande die zahlreichen Steuerpächter (publicani) an, welche in großen Gesellschaften vereinigt, in den Provinzen die Steuern erhoben, wobei sie durch Erpressungen aller Art die Provinzialen auszubeuten gewohnt waren. Wenn sich nun die ausgesogenen Provinzen gezwungen sahen die Steuerpächter in Rom vor Gericht zu ziehen, so fanden sie bei den neuen Richtern, die eben aus Rittern, den Standesgenossen der Angeklagten, bestanden, noch weniger Schutz als früher, als die Richterstellen mit Senatoren besetzt wurden. Außerdem gewann Gajus das Volk durch den Bau von Landstraßen, durch Herabsetzung der Kriegsdienstzeit, durch Ausrüstung der Soldaten auf Staatskosten, und stellte den Antrag eine römische Kolonie auf der Stätte des zerstörten Karthago zu gründen.
Aber seine Gegner fanden ein Mittel, um dem unermüdlichen Tribunen die Volksgunst zu entziehen. Sie gewannen einen seiner Kollegen, Livius Drusus, der durch Vorschläge, welche den Wünschen des Volkes entsprachen, namentlich durch Beantragung von Kolonien in Italien selbst statt der überseeischen in Afrika, jenen noch bei weitem überbieten, und für diese Vorschläge schon im voraus die Genehmigung des Senats versprechen sollte. Durch dieses Verfahren suchte der Senat im Volke die Meinung zu erwecken, daß er nur aus Abneigung und Mißtrauen gegen den persönlichen Ehrgeiz des Gracchus den Wünschen des Volkes widerstrebe, und daß er diese befriedigen werde, sobald jener vom Tribunate entfernt sei. So verlor Gracchus allmählich die schwankende Gunst des Volkes; er erlangte das Tribunat nicht zum dritten Mal, während sein erbittertster Gegner Opimius Konsul ward.
Eines Tages, als seine Unverletzlichkeit bereits aufgehört hatte, erschien er mit einem Haufen der Seinigen auf dem Kapitol, als eben Opimius die gewöhnlichen Opfer verrichtete. Gerade trug der Liktor Antyllius die Eingeweide des Opfertieres heraus, ein stolzer und trotziger Mensch. Als dieser zu den Anhängern des Gracchus kam, rief er ihnen zu: „Hinweg, ihr schlechten Bürger, macht braven Leuten Platz!“ Diese Worte brachten einen Begleiter des Gracchus in so heftigen Zorn, daß er den Beleidiger auf der Stelle niederstieß. Das war ein schweres Vergehen gegen die Heiligkeit des Ortes und der Opferhandlung, das man in dem entstehenden Auflauf dem Gracchus selber zu Lasten legte und vom Konsul benutzt wurde, um gegen ihn und seinen Anhang mit Gewalt einzuschreiten. Als Gracchus heimkehrte, führte ihn sein Weg über das Forum an der Bildsäule seines Vaters vorbei. Er blieb stehen, betrachtete sie eine Zeitlang in düsterem Schweigen, dann brach ein Strom von Tränen aus seinen Augen. Seine Freunde, tief gerührt, schwuren ihn niemals zu verlassen, und wachten die ganze Nacht vor seiner Wohnung.
Inzwischen hatte der Senat, der früher den Mord des Tiberius ungeahndet gelassen hatte, nicht nur die strengste Ahndung des an dem Liktor begangenen Frevels beschlossen, sondern wie bei einem hochverräterischen Aufstande den Konsuln den Auftrag erteilt, „vorzusorgen, daß das Gemeinwesen keinen Schaden nähme“ (videant consules ne quid respublica detrimenti capiat): was die Befugnis bedeutete, nach eigenem Ermessen und ohne auf Gesetz und Herkommen zu achten, gegen die Feinde des Staates zu verfahren.
Darauf bewaffnete der Konsul Opimius die Senatoren und Ritter und ließ sie das Kapitol besetzen, während die Anhänger des Gracchus, unter Führung seines Freundes Fulvius Flaccus, sich auf dem Aventin versammelten. Als er selbst am nächsten Morgen, nur mit einem kleinen Dolch versehen, eben im Begriff war, mit einigen Freunden das Haus zu verlassen, trat ihm seine Gattin Licinia entgegen. Mit der einen Hand führte sie ihren kleinen Sohn, mit der andern ergriff sie die Toga ihres Gatten und rief: „Wohin eilst du, mein Gajus? Willst du dich unbewaffnet deinen Feinden preisgeben? Erinnerst du dich nicht an das Schicksal deines Bruders? Ach, ich Unglückliche, wer weiß, ob ich nicht bald das Meer oder die Tiber bitten muß, mir deinen Leichnam wiederzugeben, um ihn bestatten zu können.“ Gajus, tief erschüttert, zögerte, aber er sollte seinem Verhängnis nicht entgehen. Seine Freunde winkten, und er riß sich aus den Umarmungen seiner Gattin und entfernte sich, ohne ihr zu antworten. Licinia folgte ihrem Mann und suchte ihn zu halten; aber vergebens. Ohnmächtig sank sie auf der Straße nieder; ein Diener trug sie ins Haus zurück.
Gajus kam indessen zum Fulvius auf den aventinischen Berg. Von hier aus suchten beide mit dem Konsul zu unterhandeln. Fulvius schickte einen seiner Söhne mit dem Friedensstab in der Hand an ihn ab; der schöne Knabe trat mit bescheidenem Anstand vor den Konsul und meldete tränenden Auges seines Vaters Anerbieten. Opimius aber gab ihm harten Bescheid: nicht durch Boten sollten sie den Senat angehen, sondern sich selber als schuldbeladene Bürger zum Gericht stellen und den Zorn der Senatoren zu besänftigen suchen. Dem Boten aber befahl er auf diese Bedingung oder gar nicht wieder zu kommen. Gleichwohl schickte Fulvius seinen Sohn zum zweiten Mal; Opimius aber, der den Kampf zu beginnen eilte, ließ diesen ergreifen und ins Gefängnis werfen. Darauf zog er gegen den Aventin mit Schwerbewaffneten und mit Bogenschützen, durch deren Pfeile viele verwundet wurden und die Menge in Verwirrung geriet. Bei der allgemeinen Flucht verbarg sich anfangs Fulvius, ward aber entdeckt und niedergehauen. Gajus floh über die Tiber in einen der Furina geheiligten Hain. Als er keinen Ausweg mehr sah, ließ er sich von einem treuen Sklaven töten. Sein Leichnam fiel in die Hand eines vornehmen Mannes, des Septumulejus; dieser schnitt ihm den Kopf ab, füllte ihn mit Blei und brachte ihn zum Konsul; denn Opimius hatte versprochen, demjenigen, der den Kopf des Gracchus brächte, so viel Gold zu geben, als der Kopf wiegen würde (121).
Nach dem Tode des Gracchus wurden fast alle seine Gesetze aufgehoben und die Herrschaft der Senatspartei mit blutiger Strenge wieder hergestellt. Aber auf die von den Gracchen versuchte Revolution folgten bald neue Unruhen und zerrüttende Bürgerkriege, die Rom an den Rand des Untergangs brachten, und mit dem Verlust der republikanischen Freiheit enden sollten.