XXIII.
Gajus Marius. — Jugurtha. — Cimbernkrieg.
Marius war der Sohn eines Landmanns aus Arpinum im Lande der Volsker. Aus niederem Stande entsprossen, wuchs er ohne allen Unterricht auf und war von rohen, derben Sitten. Frühzeitig entwickelte er eine ungewöhnliche Begabung für das Kriegswesen, sodaß er in der Folge einer der tüchtigsten Feldherren wurde. War er auch ohne gelehrte Bildung, so besaß er doch viel Verstand, rasche Fassung, große Rednergabe und eine glühende Begierde nach Ruhm. Seine ersten Kriegsdienste tat er vor Numantia unter dem Oberbefehl des Scipio, und schon damals erregte er durch seine militärische Begabung dessen Aufmerksamkeit. Als einst einige Freunde des Scipio fragten: „Wer wird dich uns ersetzen, wenn das Schicksal dich uns entreißen sollte?“ antwortete er, indem er Marius auf die Schulter klopfte: „Dieser hier!“ Nach Rom zurückgekehrt, erhielt Marius das Amt eines Volkstribunen und verteidigte als solcher die Rechte seiner Standesgenossen gegen die Partei der Optimaten, die er tödlich haßte, und die schon damals in ihm einen furchtbaren Gegner erkannten. Die erste Gelegenheit, selbständig als Feldherr aufzutreten und sich um sein Vaterland hochverdient zu machen, gab ihm der Krieg, den die Römer gegen Jugurtha, König von Numidien, führten. Zugleich zeigte dieser Krieg die Entartung der damaligen Römer, besonders die Habsucht und Bestechlichkeit der Optimaten.
Des Königs Massinissa Sohn Micipsa hatte vor seinem Tode das numidische Reich, das sich westlich von der römischen Provinz Afrika, die Küste entlang und südwärts bis zur Wüste erstreckte, unter seine beiden Söhne Adherbal und Hiémpsal und seinen Bruderssohn Jugurtha geteilt. Aber der herrschsüchtige Jugurtha, der nach dem Besitz des Ganzen trachtete, tötete bald darauf den Hiempsal und nötigte den Adherbal zur Flucht nach Rom. Hier aber hatte Jugurtha durch sein Gold schon viele Senatoren bestochen, sodaß an seine Bestrafung nicht gedacht, vielmehr das Reich in zwei Hälften geteilt ward, von denen Jugurtha die bessere erhielt. Auch damit noch nicht zufrieden, bekriegte er ohne alle Veranlassung den Adherbal und ließ ihn, nach Übergabe seiner Hauptstadt, ermorden. Da erst, nachdem bei dem Blutbad auch eine Anzahl römischer Bürger umgekommen waren, entschloß sich der Senat, durch die wachsende Erbitterung des Volkes geängstigt, den frechen Missetäter zu bestrafen (111).
Aber der Konsul Calpurnius Piso Bestia, der mit einem Heere nach Afrika übersetzte, und sein Legat, der vornehmste aller Senatoren, Ämilius Scaurus, ließen sich durch Jugurthas Gold gewinnen und bewilligten ihm einen Frieden, der den Besiegten nur zur Auslieferung seiner Elefanten und zur Zahlung einer Geldbuße verpflichtete. Solchem Beispiel des Konsuls folgten die unteren Führer der Truppen: einige lieferten dem Jugurtha die abgenommenen Elefanten wieder aus, andere verkauften ihm die Überläufer, und noch andere plünderten die Bewohner der Provinz Afrika. Als die Nachricht von diesem Vertrage nach Rom kam, erkannte man ohne Mühe den schmählichen Betrug, und ein Sturm des Unwillens erhob sich. Mit flammender Rede erwirkte der Tribun Gajus Memmius bei dem Volke den Beschluß, daß die Sache untersucht, die Schuldigen bestraft und Jugurtha selber in Rom erscheinen sollte, um sich vor dem Volke zu rechtfertigen. Unter der Zusage persönlicher Sicherheit kam Jugurtha nach Rom, ohne königlichen Schmuck, im Trauergewand, wie ein demütiger Angeklagter. Aber im geheimen begann er sofort seine Bestechungen von neuem. Da er wußte, daß jedes Unternehmen eines Tribunen vereitelt werden konnte, wenn sich ein anderer Tribun widersetzte, so brachte er den Tribunen Bäbius durch große Geldsummen auf seine Seite. In der Volksversammlung hielt ihm Memmius alle seine Verbrechen vor. Als er ihn aber aufforderte, seine Mitschuldigen zu nennen, fuhr Bäbius dazwischen und verbot dem König auf diese Frage zu antworten. So wurde das Volksgericht vereitelt.
Durch diesen Erfolg ermuntert, und im Vertrauen auf die Macht seines Goldes, trieb Jugurtha seine Frechheit noch weiter. In Rom hielt sich damals ein Enkel des Massinissa, Massiva, auf, der nach dem Sturze Jugurthas selber König von Numidien zu werden hoffte. Diesen ließ er durch einen seiner Vertrauten meuchlings beseitigen, und als der Mörder bestraft werden sollte, verhalf er ihm zur Flucht. Nun war auch die Geduld des Senates zu Ende. Der geschlossene Friede ward für ungültig erklärt, dem König aufs neue der Krieg angekündigt und befohlen sofort Rom und Italien zu verlassen. Als er die Stadt verließ, soll er sich wiederholt nach ihr umgewendet und zuletzt gesagt haben, die ganze Stadt wäre käuflich und dem Untergang verfallen, wenn sich nur ein Käufer fände, reich genug den Preis zu zahlen.
Aber der Wiederbeginn des Krieges brachte den Römern eine bittere Enttäuschung. Der neue Konsul Postumius Albinus war unfähig oder bestochen, das Heer zuchtlos und entartet. Und als während einer Abwesenheit des Konsuls sein Bruder den Oberbefehl führte, ließ er sich von dem schlauen Gegner in einen Hinterhalt locken, und wurde gezwungen mit dem Heere unter dem Joche abzuziehen und sogar die Räumung Numidiens zu versprechen (109).
Diese Schmach ertrug das römische Volk nicht. Der frühere und der damalige Führer des Heeres und viele mitschuldige Senatoren wurden wegen Landesverrat vor Gericht gestellt und in die Verbannung geschickt. Gegen Jugurtha aber sandte man den Konsul Q. Cäcilius Metellus, und G. Marius begleitete ihn als Legat (Unterfeldherr). Der unbestechliche Metellus stellte die Zucht des Heeres wieder her, führte den Krieg zwei Jahre lang mit allem Nachdruck, trieb den Jugurtha in die Enge und eroberte eine Stadt nach der andern, aber den Ruhm, den Krieg zu beendigen, wußte ihm der ehrgeizige Marius zu entziehen. Marius wollte sich um das Konsulat bewerben, und da er zu diesem Zwecke in Rom anwesend sein mußte, suchte er beim Oberfeldherrn um Urlaub nach. Der adelsstolze Metellus, über diese Absicht des Emporkömmlings erstaunt und entrüstet, riet ihm, nicht über seinen Stand hinauszustreben. Als aber jener nicht abließ um Urlaub zu bitten, sagte Metellus mit bitterem Spotte: „Du wirst noch früh genug nach Rom kommen, wenn du dich zugleich mit meinem Sohne zum Konsulate meldest.“ Der junge Metellus war aber erst zwanzig Jahre alt, und da zum Konsulat ein Alter von dreiundvierzig Jahren erforderlich war, hätte Marius nach den höhnischen Worten des Konsuls noch dreiundzwanzig Jahre warten können. Marius, durch diesen Hohn schwer gekränkt, erzwang den Urlaub und zeigte sich von jetzt an bei jeder Gelegenheit als Gegner des stolzen Aristokraten. In Rom gab er zu verstehen, daß jener den Krieg absichtlich in die Länge ziehe; und zum Konsul gewählt, erhielt er auch den Oberbefehl gegen Jugurtha (108). Bis dahin war es noch keinem Manne von niederer Herkunft gelungen diese höchste Würde zu erlangen.
Als Marius im nächsten Jahre (107) als Konsul die Leitung des Krieges übernahm, änderte er die Kampfweise gegen Jugurtha, der sich inzwischen mit seinem Schwiegervater Bocchus, dem König von Mauretanien (Marokko), verbunden hatte. Statt die flüchtigen Reiterscharen des Feindes zu verfolgen, suchte er ihm alle festen Orte und Hilfsquellen zu entreißen. Er eroberte Burgen und Städte und machte große Beute. Dann griff er die im Südosten Numidiens gelegene Stadt Capsa an. Dorthin führte er sein Heer mit solcher Eile, daß seine Reiter schon die nächsten Tore der Stadt besetzten, ehe die Einwohner seine Ankunft erfuhren. Sie ergaben sich ohne Widerstand; dennoch ließ Marius alle Waffenfähigen umbringen und die Stadt anzünden. Im folgenden Jahre (106) erschien er auf der Westseite Numidiens vor der Stadt Mulucha, in der Jugurtha seine meisten Schätze verwahrte. Sie lag am gleichnamigen Flusse auf einem steilen Bergkegel, der nur einen einzigen Zugang bot, und wurde von einer zahlreichen, mit allem Nötigen versehenen Besatzung geschützt. Alle Versuche die Burg zu erstürmen mißlangen. Und schon dachte Marius sein Vorhaben aufzugeben, als eines Tages ein Soldat ihm anzeigte, wie er an der entgegengesetzten Seite des Berges beim Schneckensammeln einen Weg entdeckt habe und auf die Höhe des Felsens gekommen sei, wo die Burg unbesetzt wäre. Schon am nächsten Tage mußten vier Centurien mit fünf Trompetern unter Leitung jenes Soldaten den Fels erklettern. Sie fanden keine Gegenwehr, zumal da um dieselbe Zeit die ganze Besatzung auf der andern Seite beschäftigt war, den heftiger als je anstürmenden Feind zurückzudrängen. Plötzlich ertönten die Trompeten der Römer und das Angstgeschrei der Weiber und Kinder, die zuerst den eindringenden Feind erblickten. Bestürzt wich die Besatzung in die Stadt zurück; Marius verdoppelte seine Anstrengung und drang zugleich mit den Gegnern in die Festung ein.
Im Laufe des Jahres 106 geriet beinahe das ganze numidische Land in die Hände der Römer. Noch in zwei Treffen besiegte Marius den Jugurtha und den Bocchus. Letzterer zeigte sich endlich zum Frieden geneigt. Die Unterhandlungen mit ihm betrieb L. Cornelius Sulla, der im Heere des Marius Quästor war und bei Freund und Feind durch seine Tapferkeit und kluge Führung zu großem Ansehen gekommen war. Er bewog den König Bocchus seinen Schwiegersohn auszuliefern. Jugurtha wurde zu einer Unterhandlung eingeladen, und als er am bestimmten Orte und Tage erschien, von den Leuten des Königs ergriffen, gefesselt und dem Sulla überliefert. Aber Marius kränkte es tief, daß es nicht ihm, sondern dem Sulla gelungen war die Person des Jugurtha in seine Gewalt zu bekommen; vor allem aber erweckte es seinen unversöhnlichen Groll, daß sich Sulla einen Siegelring verfertigen ließ, auf dem die Auslieferung Jugurthas dargestellt war. Die Feindschaft, die von jetzt an zwischen beiden Männern bestand, sollte in der Folge dem römischen Staate großes Unheil bringen.