XXVIII.
Der dritte Bürgerkrieg. Marcus Antonius und Cäsar Octavianus.
Nachdem die Verschworenen die blutige Tat vollbracht hatten, waren sie durchaus ratlos, was sie nun weiter tun sollten. Sie hatten geglaubt, das Volk würde ihrem Werke der Befreiung zujubeln, begegneten aber fast überall einer feindlichen oder gleichgültigen Stimmung. Denn Cäsar hatte die Menge durch den Glanz seiner Taten und seine freigebige Großmut für sich gewonnen, und die „Freiheit“, welche Brutus und seine vornehmen Genossen gegen Cäsar zu verteidigen schienen, war in Wahrheit nur das bisherige Regiment der Großen und Reichen. Bald sollten die Mörder erfahren, daß sie einen milden Herrscher mit einem furchtbaren Tyrannen vertauscht hatten.
Der Konsul Antonius, ein entschiedener Anhänger Cäsars, der sich in der ersten Bestürzung versteckt hatte, trat nun hervor und beschloß die Rolle des Herrschers, die Cäsar gespielt hatte, selber weiter fortzuführen Er bemächtigte sich heimlich des öffentlichen Schatzes und erhielt von Calpurnia, der Gemahlin des Gemordeten, dessen schriftlichen Nachlaß. In einer Senatssitzung, der auch Antonius beiwohnte, wurde zwar den Mördern Verzeihung bewilligt, aber auch beschlossen, daß Cäsars Anordnungen fortbestehen sollten. In einer zweiten Sitzung wurden sogar den Häuptern der Verschwörung nach einer Anordnung, die Cäsar selbst schon getroffen hatte, die ihnen bestimmten Provinzen zugewiesen: Marcus Brutus erhielt Makedonien, Decimus Brutus das cisalpinische Gallien, und Cassius Syrien.
Bisda hatte Antonius seine herrschsüchtigen Absichten mit großer Schlauheit verborgen; nun aber trat er offener auf, und bei der Leichenfeier Cäsars offenbarte er, was die Mörder von ihm zu erwarten hatten. Um das Volk gegen diese aufzubringen, machte er zuerst das Testament Cäsars bekannt, in dem er dem Volke seine großen parkartigen Gärten jenseits der Tiber zu allgemeinem Gebrauch und jedem einzelnen Bürger 45 Mark vermachte. Dann folgte die Leichenfeier, die den Abscheu des Volkes gegen die Mörder, die ihm seinen Wohltäter entrissen hatten, auf den höchsten Grad steigern sollte.
Auf einem Gerüste, neben der Rednerbühne auf dem Forum, stand eine vergoldete Kapelle, eine Nachbildung des von Cäsar erbauten Venustempels; innerhalb der Kapelle, deren Dach auf Säulen ohne Wände ruhte, war ein mit Elfenbein ausgelegtes, mit Purpurteppichen bedecktes Ruhebett sichtbar. Auf dieses wurde nach vollendetem Trauerzuge der Sarg mit der Leiche, unter dem Wehklagen des Volkes und der Soldaten Cäsars, niedergesetzt. Sodann hielt Antonius eine Rede, worin er Cäsars unsterbliche Taten und Verdienste um Reich und Volk mit überschwenglichen Worten pries, und dann den an ihm verübten greulichen Mord in grellen Farben schilderte, und zugleich, die Augen voll Tränen, das blutige, von Dolchstichen zerstoßene Gewand des Ermordeten emporhob. Dabei stieg ein aus Wachs verfertigtes Bild Cäsars mit den 23 Wunden, unter denen die entstellende Wunde des Gesichts und die tödliche Brustwunde besonders auffielen, aus dem Sarg in die Höhe.
Bei diesem Anblick verwandelte sich das Wehklagen des Volkes in helle Wut gegen die Mörder, und man hätte sie zerrissen, wenn sie sich nicht rechtzeitig entfernt hätten. Als dann das Leichengerüst angezündet wurde, warf jedermann, was ihm an Geräten, Waffen und Schmuck zur Hand war, in das Feuer, das dadurch so gewaltig um sich griff, daß ein Haus in der Nähe in Brand geriet, und eine Feuersbrunst mit Mühe verhütet ward. Kaum konnte Antonius das wütende Volk zurückhalten, das mit Fackeln durch die Straßen der Stadt tobte und die Häuser der Mörder anzünden wollte.
Als Antonius das Volk für sich gewonnen hatte, brachte er es bald dahin, daß ihm der Senat eine Schutzwache bewilligte, die er selbst auf 6000 Mann vermehrte. Im Vertrauen auf diesen Schutz gab er, angeblich aus dem Nachlaß Cäsars, eine Verordnung nach der andern heraus, um sich Anhänger und besonders Geld zu verschaffen. Er verkaufte Ämter und Würden, verhandelte Königreiche und wußte sich dadurch Geld in solcher Menge zu verschaffen, daß er und Fulvia, seine schändliche Gemahlin, zuletzt das Geld nicht mehr zählten, sondern in Masse abwogen. Den Mördern Cäsars nahm er ihre Provinzen, indem er Makedonien, das Marcus Brutus hatte, für sich nahm und Syrien, das dem Cassius bestimmt war, dem Dolabella gab.
Doch auch gegen Antonius erhob sich bald ein Nebenbuhler, der schließlich den Sieg über ihn davontragen sollte.
Dies war der junge Octavius, der damals zu Apollonia in Illyrien sich aufhielt, wo ein Teil der Truppen stand, die Cäsar für den parthischen Krieg bestimmt hatte, und mit denen er an dem Feldzuge teilnehmen sollte. Als Enkel von Cäsars jüngerer Schwester Julia war er im Testamente Cäsars, seines Großoheims, der keinen eigenen Sohn hinterlassen, an Sohnes Statt angenommen und zum Haupterben eingesetzt. Er nannte sich deshalb fortan Gajus Julius Cäsar Octavianus.
Nach dem Tode Cäsars eilte er nach Italien, um sein Erbe anzutreten. Vor den Toren Roms strömten ihm die Freunde und Anhänger Cäsars entgegen. Ein farbiger Ring, der in dieser Stunde die Sonne umgab, ward als ein Zeichen seiner aufgehenden Größe gedeutet. Aber seine Lage war schwierig. Auf der einen Seite drohte ihm die Feindschaft der Mörder, die in ihm den Rächer ihrer Freveltat fürchteten, auf der anderen sperrte ihm die gewalttätige Herrschaft des Antonius den Weg zur höchsten Gewalt. Aber der achtzehnjährige Jüngling verfolgte gleich von Anfang an mit ungewöhnlicher Klugheit und Selbstbeherrschung das Ziel, das er sich steckte, Rache an den Mördern und Besitznahme der ersten Stelle im Staate. Er suchte deshalb zunächst eine enge Verbindung mit Antonius. Er verlangte von ihm die Herausgabe des Geldes, das Cäsar hinterlassen, um es nach den Bestimmungen des Testamentes unter die Bürger zu verteilen. Dies verweigerte Antonius unter allerlei Vorwänden, und behandelte überhaupt den „jungen Menschen“ mit hochfahrendem Stolze und Geringschätzung. Octavianus, obgleich tief erbittert, vermied es mit dem Gewaltigen zu brechen. Er ließ seine väterlichen Güter versteigern und zahlte aus dem Ertrag die Vermächtnisse aus, mit denen Cäsar das Volk bedacht hatte. Die Folge davon war, daß, während sich Antonius beim Volke verhaßt machte, Octavianus in dessen Gunst stieg, zumal da er nun auch der Menge kostbare Spiele gab. Während dieser Spiele zeigte sich sieben Tage lang am Himmel ein Komet, den Cäsars Partei als seinen Geist deutete, der unter die Götter versetzt sei.