Der Sieger machte Ägypten zu einer römischen Provinz und feierte nach seiner Rückkehr in Rom einen dreifachen Triumph (29). Er bezahlte seine Schulden, belohnte seine Krieger mit Land und Geld, und suchte auch das Volk durch reiche Gaben für seine neue Herrschaft zu gewinnen.

XXIX.
Cäsar Octavianus als Augustus.

1. Augustus’ Regierung (30 v. Chr. bis 14 n. Chr.).

Wenngleich nun Octavianus durch die Siege über alle seine Gegner und an der Spitze eines erprobten und unbedingt ergebenen Heeres der wirkliche Beherrscher des römischen Reiches war, so war er klug genug die bisherigen Rechte des Senates und des Volkes wenigstens der Form nach bestehen zu lassen, und mit dem Senat eine Verfassung zu vereinbaren, die ihm selbst zwar nicht den Namen, aber die Gewalt eines wirklichen Monarchen verlieh. Anfangs zwar hatte er im Senate erklärt die Obergewalt niederlegen zu wollen, aber nur zum Schein. Der Senat, den er von allen unwürdigen oder feindlich gesinnten Mitgliedern gereinigt und auf die Zahl von 600 Senatoren beschränkt hatte, war auf dieses Gaukelspiel vorbereitet; er drang mit Bitten in ihn die Regierung doch länger zu behalten und Oberhaupt des Reiches zu bleiben. Lange sträubte sich Octavianus, endlich versprach er, auf inständiges Bitten der Senatoren, die Regierung über den Staat auf zehn Jahre weiter zu übernehmen. Dieses Spiel, wobei er sich seine Macht alle zehn oder fünf Jahre erneuern ließ und sie mit scheinbarem Widerstreben annahm, wiederholte Augustus in der Folge noch mehrmals. So schien es, als habe er die Alleinherrschaft nicht in gewaltsamer Weise an sich gerissen, sondern auf gesetzmäßigem Wege erlangt. Die Würden und Ämter der Republik ließ er zwar bestehen, wußte aber alle mit ihnen verbundene Gewalt auf sich zu übertragen. Als Imperator führte er allein den Oberbefehl über die bewaffnete Macht; als dauernder Inhaber der tribunicischen Amtsbefugnis (tribunicia potestas) hatte er allein das Recht das Volk zu versammeln und ihm Gesetze vorzuschlagen und wurde persönlich unverletzlich; als erstes und vornehmstes Mitglied des Senates (princeps senatus) hatte er die erste und maßgebende Stimme bei allen Beschlüssen dieses höchsten Staatsrates. Als diese neue Ordnung nach längeren Verhandlungen am 1. Januar 27 in Kraft trat, erhielt er vom Senat und Volk den Beinamen Augustus (der Erhabene) und wurde damit als erhaben über alle Bürger und göttlicher Verehrung würdig feierlich anerkannt. Er besaß überdies die Würde des Oberpriesters (póntifex maximus) und übernahm wiederholt das Amt des Konsuls. Der Monat Sextīlis erhielt ihm zu Ehren den Namen Augustus. So kam er in den Besitz einer unumschränkten Macht, seine Person war heilig und unverletzlich und den jährlichen Konsuln blieb wenig mehr als die damit verbundene äußere Würde und Ehre. Auch das Volk behielt noch seine Versammlungen, lernte aber unter Festen, Spielen und Getreidespenden seine Freiheit vergessen.

Unter Augustus war das römische Reich zu einer ungeheuren Ausdehnung gelangt, die fast alle Länder des damals bekannten Erdkreises umfaßte. Außer Italien gehörten dazu Gallien, Spanien, Griechenland, Makedonien, Thrakien, Kleinasien, Syrien, Ägypten und die ganze Nordküste Afrikas bis zur Grenze Mauretaniens. Alle diese Völker erkannten Roms Oberherrschaft an, nur die Parther im Osten und die Stämme der Germanen hatten sich noch nicht unter das römische Joch gebeugt. Die Statthalter dieser Provinzen, Prokonsuln oder Proprätoren, wurden teils von Augustus, teils vom Senat ernannt. An Stelle der alten Bürgerheere waren allmählich Söldnertruppen getreten, die von nun an zu stehenden Heeren wurden und an den von Feinden gefährdeten Grenzen, besonders am Rhein, an der Donau und am Euphrat ihre dauernden Lager hatten. Im ganzen unterhielt das Reich etwa 25 Legionen von je 6–7000 Mann. Außerdem standen in und bei Rom 9000 Mann als Leibgarde des Herrschers, die sog. prätorischen Kohorten, die zum Teil aus Germanen bestanden. Zwei mächtige Flotten sicherten das Meer, von denen die eine bei Ravenna im adriatischen, die andere bei Misēnum, nahe bei Neapel, ihren Standort hatte.

Nachdem sich Augustus in seiner Macht befestigt hatte, war sein Streben darauf gerichtet, durch die Wohltaten eines ungestörten Friedens die Greuel der Bürgerkriege und seine eigenen Grausamkeiten in Vergessenheit zu bringen. Die Bevölkerung des weiten Reiches begann sich, dank einer umsichtigen und gerechten Verwaltung, von den Leiden der langen verwüstenden Kriege zu erholen; Ackerbau, Gewerbe, Handel blühten auf, und mit dem steigenden Wohlstand gediehen auch wieder die Künste und Wissenschaften. Die Stadt Rom verschönerte er durch Aufführung der prachtvollsten Bauten so sehr, daß er sich mit Recht rühmen konnte, er habe das aus Backsteinen gebaute Rom in ein marmornes verwandelt. In den Werken der Baukunst wetteiferte mit ihm der edle Agrippa, sein Feldherr, Berater und Schwiegersohn; er erbaute unter andern prachtvolle Bäder und inmitten derselben einen riesigen Kuppeltempel, das Pantheon, so genannt, weil er dem Dienste aller Götter zusammen geweiht wurde. Außer Agrippa war es besonders der kunstliebende Mäcēnas, der Berater und Freund des Kaisers, der Gelehrte, Geschichtsschreiber und Dichter unterstützte und ihre Werke belohnte. Dieser Kreis von hochgebildeten Männern, der den Hof des Kaisers umgab, hat besonders dazu beigetragen, dem augustinischen Zeitalter den Charakter einer Hochblüte der römischen Literatur und Kunst zu verleihen.

Obschon sich Italien unter Augustus des tiefsten Friedens erfreute, der nach den zerrüttenden Bürgerkriegen dem erschöpften Lande die größte Wohltat gewährte, so gemahnten doch einige Verschwörungen, die gegen des Augustus Leben gerichtet waren, diesen an das Schicksal seines Großoheims Cäsar. Um so mehr war er darauf bedacht allen Schein des Machthabers von sich zu entfernen und in allen seinen Handlungen Mäßigung und Leutseligkeit zu beweisen. Den Senat behandelte er mit der größten Achtung; in der Stadt sah man ihn nur in der Tracht eines Senators, ohne daß irgend eine Auszeichnung an den weltgebietenden Imperator erinnerte. Bei der Rückkehr von einer Reise vermied er alles Aufsehen und hielt seinen Einzug gewöhnlich zur Nachtzeit. Er bewohnte ein einfaches Haus auf dem palatinischen Hügel; erst als dieses abgebrannt war, erbaute er das sogenannte Palatium, wovon das Wort Palast zur Bezeichnung fürstlicher Wohnungen abstammt. Es bleibt freilich zweifelhaft, ob die Tugenden, die Augustus als Kaiser entfaltete, in seinem Charakter begründet, oder eine Folge kluger Berechnung und des heilsamen Rates seiner Freunde waren. Soviel aber ist gewiß, daß ihn das Volk als seinen Wohltäter liebte, weshalb seine Zeitgenossen von ihm sagten: „Augustus hätte entweder nie sterben oder nie geboren werden sollen!“

Der viel gepriesene Beherrscher des Reiches mußte, wie um die Unbeständigkeit alles Menschenglückes zu bestätigen, in seiner Familie schweren Kummer und Herzeleid erfahren. Seine einzige Tochter Julia aus seiner dritten Ehe führte ein lasterhaftes Leben, und seine vierte Gemahlin Livia, die ihm zwei Stiefsöhne, den Tiberius und Drusus, zubrachte, ward für ihn die Ursache mancher häuslichen Sorgen. Die Nachfolge in der Regierung hatte er dem Marcellus, einem hoffnungsvollen Jüngling, dem Sohne seiner Schwester Octavia aus ihrer ersten Ehe und Gemahl der Julia, zugedacht, aber der Tod raffte diesen in der Blüte seiner Jahre dahin. Auch zwei Enkel aus der zweiten Ehe der Julia mit Agrippa sah der Kaiser vor sich ins Grab sinken, während ein dritter, Agrippa Pósthumus, ihn zwar überlebte, aber blödsinnig und zur Nachfolge unfähig war. So schwand ihm die Hoffnung die Herrschaft in seinem eigenen Geschlechte zu erhalten. Er nahm deshalb seinen Stiefsohn Tiberius, den älteren Sohn der Livia aus ihrer früheren Ehe mit Tiberius Claudius Nero, an Sohnes statt an, und erfüllte damit einen von Livia lange gehegten und eifrig betriebenen Plan. Tiberius war ein im Krieg und Staatsgeschäften rühmlich bewährter Mann, und da er zugleich auf Wunsch des Augustus die Julia, nach dem Tode ihres zweiten Gatten Agrippa, geheiratet hatte, so stand jetzt niemand der Thronfolge näher.

Inzwischen hatten Alter und häusliches Unglück die Kräfte des Kaisers aufgerieben. Um seine zerrüttete Gesundheit wieder zu stärken, unternahm er eine Reise nach Campanien. Anfangs war er ungemein munter, bald aber nahm die Schwäche seines Körpers zu, und er beschloß nach Rom zurückzukehren. Doch schon zu Nola in Campanien ereilte ihn der Tod. Als er sein Ende herannahen fühlte, forderte er einen Spiegel, ließ seine Haare in Ordnung bringen und seine gerunzelten Wangen glätten. Dann fragte er seine umstehenden Freunde: „Was dünkt euch, habe ich die Rolle meines Lebens gut gespielt?“ Als sie dies bejahten, fuhr er fort: „Nun, so klatscht Beifall, denn sie ist ausgespielt!“ Darauf verschied er, am 18. August, im 76. Jahre seines Lebens und im 41. seiner Regierung (14 n. Chr.). Sein Leiche ward nach Rom gebracht und daselbst feierlichst bestattet.