2. Kriege gegen die Deutschen. Arminius, Deutschlands Befreier.
Das Land der Germanen war zu den Zeiten des Kaisers Augustus im Norden von der Nord- und Ostsee, im Osten von der Weichsel und den Karpathen, im Süden von der Donau und im Westen vom Rhein begrenzt. Das Land war rauh und von undurchdringlichen Waldungen durchzogen. Der magere Boden trug nur Gerste, Hafer und Hanf. In den Urwäldern hauste zahlreiches Wild, Auerochsen, Renn- und Elentiere, Bären und Wölfe; auf den Felsen horsteten Adler und Falken. Die Bewohner dieses Landes, die Germanen oder Deutschen, waren durch blaue Augen und langes blondes Haar vor anderen Völkern kenntlich und überragten an Leibesgröße und Gliederbau die Bewohner der südlichen Völker. Schon von früher Jugend an übten sie sich Schwert, Lanze und Schild zu führen, und der Krieg war ihre liebste Beschäftigung, an deren Stelle im Frieden die Jagd trat. Ackerbau und Hauswesen überließen sie den Frauen und Knechten. Obschon dem Trunk und Spiel leidenschaftlich ergeben, zeichneten sie sich doch durch die Tugenden der Tapferkeit, Freiheitsliebe, Keuschheit, Gastlichkeit und vor allem durch Treue aus. Ihre Götter verehrten sie nicht in Tempeln, sondern im stillen Dunkel heiliger Eichenhaine; dorthin wallfahrtete das Volk; dort opferte der Oberpriester im Namen des gesamten Volks, und großes Gewicht legte man auf die Weissagungen kluger Frauen.
Da die Germanen beständige Einfälle in das den Römern unterworfene, an Wohlstand und Gütern aller Art viel höher entwickelte Gallien machten, so ließ Augustus endlich seinen jüngeren Stiefsohn Drusus sie in ihrem eigenen Lande angreifen. Vier Jahre nach einander, 12–9 v. Chr., machte Drusus Heerzüge in das Land der Germanen, legte jenseits des Rheines eine Reihe von Kastellen an, und drang von dort bis zur Elbe vor. Als er schon im Begriff stand diesen Fluß zu überschreiten, soll ihm eine germanische Wole oder weise Frau von übermenschlicher Gestalt auf dem jenseitigen Ufer zugerufen haben: „Wohin, Unersättlicher? Nicht alles zu sehen ist dir vom Schicksal beschieden. Kehre um, denn schon bist du am Ziele deiner Taten und Tage.“
Nach Errichtung eines Siegeszeichens an diesem Strom beschleunigte Drusus seinen Rückweg. Auf diesem aber stürzte er mit dem Pferde, brach den Schenkel und starb dreißig Tage darauf in den Armen seines Bruders Tiberius, der auf die Nachricht von seinem Unfall herbeigeeilt war.
Nach seinem Tode übernahm Tiberius den Oberbefehl. Mehr durch Klugheit, indem er die Zwietracht unter den deutschen Stämmen nährte, als durch offene Schlachten suchte er die Deutschen allmählich zur Unterwerfung zu bringen. Und er tat dies mit solchem Erfolg, daß die Römer das Land zwischen dem Rhein und der Weser schon als eroberte Provinz betrachteten und alsbald auch römische Gesetze, Sprache und Sitten einzuführen begannen.
Von seinen Nachfolgern ließ es sich besonders der Statthalter Quinctilius Varus angelegen sein das römische Gerichtswesen in Anwendung zu bringen. Und weil er anfangs überall Willfährigkeit zu bemerken glaubte, so wähnte er die neuen Einrichtungen in aller Ruhe durchführen zu können. Aber mit tiefer Entrüstung sahen die Germanen, wie ihnen ihre altheimischen Volksgerichte und ihre freie Gauverfassung entzogen, wie sie nach fremdem Rechte in fremder Sprache und von fremden Richtern verurteilt, wie sie mit Rutenstreichen mißhandelt, ja mit der Todesstrafe belegt wurden.
Am meisten empört über die Herrschaft fremden Rechts und fremder Sitte waren die Cherusker und unter ihnen vorzüglich Arminius (Hermann?), der Sohn Segimers, eines Cheruskerfürsten. Er hatte in römischen Kriegsdiensten gestanden, wie viele seiner Volksgenossen, und dort als Anführer einer cheruskischen Söldnerschar das römische Bürgerrecht und die römische Ritterwürde erlangt, aber auch die unersättliche Eroberungssucht und die Unterjochungskünste der Römer kennen gelernt. Jetzt, da Roms Absicht, die freien Germanen dem Reiche einzuverleiben, nahezu erfüllt schien, fühlte sich Arminius zum Retter seines Volkes berufen, und entwarf mit andern cheruskischen Edlen den Plan der Befreiung.
Sorglos waltete Varus in Germanien; die scheinbare Willfährigkeit der deutschen Häuptlinge hatte ihn sicher gemacht, und am allerwenigsten besorgte er von seiten des Arminius eine Gefahr, dem er solches Vertrauen schenkte, daß nicht einmal die Warnungen des Segestes, eines andern Cheruskerfürsten und Oheims des Arminius, bei ihm Eingang fanden. Während er an dem linken Ufer der Weser ein vergnügliches Lagerleben führte, erhielt er plötzlich Kunde von dem Aufstande eines benachbarten Stammes. Sofort traf er Anstalten zum Aufbruch und ließ sich bei einem Gastmahl von den cheruskischen Häuptlingen das Versprechen des Zuzugs wiederholen. Zwar machte ihn Segestes noch am Tage vor dem Aufbruch mit der ganzen Gefahr bekannt; aber Varus, der wohl wußte, daß zwischen Segestes und Arminius bittere Feindschaft bestand, weil dieser jenem seine Tochter Thusnelda entführt und wider seinen Willen zu seiner Ehefrau gemacht hatte, schenkte ihm keinen vollen Glauben. Eine höhere, den Germanen günstige Macht schien seinen Sinn geblendet zu haben, daß er jählings in das bereitete Verderben fiel.
Unter dem Vorwande, dem Prokonsul ihre Scharen zuführen zu wollen, trennten sich die germanischen Fürsten von ihm; daheim aber riefen sie die Ihrigen zur Freiheit. Von Gau zu Gau erscholl der Ruf und riß alle mit sich fort. Selbst Segestes, der Römerfreund, mußte sich anschließen, während sein Sohn Segimund, ein Priester, die heilige Binde zerriß und zu dem Freiheitskampfe eilte.
Nichts schlimmes ahnend, zog das Römerheer unter Varus, ohne strenge Ordnung, mit großem Troß und Gepäck, in langem Zuge durch Wald und sumpfiges Gelände, wo erst Wege durch das Dickicht gebahnt und Gewässer überbrückt werden mußten. Bald lockerten anhaltende Regengüsse den Boden so sehr, daß Roß und Mann einsank und allgemeine Erschöpfung eintrat. Plötzlich brachen die Germanen, anfangs einzeln, dann in Haufen von allen Seiten aus dem Dickicht hervor und griffen die vom Wege und Wetter erschöpften Römer an. Unter schweren Kämpfen erreichte das Heer endlich eine lichte Stelle, wo der Angriff nachließ und ein Lager zur Nachtrast geschlagen werden konnte.