Am folgenden Morgen ging der Zug weiter. Kaum hatten die Legionen den Teutoburger Wald erreicht, so wurden sie von neuem auf allen Seiten angefallen, und mit Mühe gelangten sie am Abend wieder an einen Platz, wo einige Ruhe die Ermüdeten erquickte. Aber auch am dritten Morgen wiederholte sich der Regensturm und der Angriff der Feinde. Die vom Regen erschlafften Bogensehnen versagten, und die schwere Bewaffnung empfand man als verdoppelte Last, während die leichtbewaffneten, mit ihrem Boden und Klima vertrauten Deutschen weniger gehemmt waren. Zwischen den Quellen der Lippe und Ems war die germanische Hauptmacht versammelt; hier kam es zum letzten Kampfe. Vor dem ungestümen allgemeinen Angriff weichen die erschöpften Legionen; ihre Reiter werfen sich in Flucht; ihre Adler werden genommen. Varus selbst, als er alles verloren sah, stürzte sich in sein Schwert, um die Schande nicht zu überleben; die noch übrigen Römer erlagen dem Schwerte der Germanen, und nur wenige entkamen.

Die Rache der erbitterten Sieger schonte auch der Gefangenen nicht: die vornehmsten Kriegshauptleute wurden an den Altären der Götter geopfert. Vorzüglich aber kehrte sich die Wut der Germanen gegen die römischen Richter und Sachwalter, die unter grausamen Martern getötet wurden. Der Leichnam des Varus wurde zerfleischt, sein Kopf von Arminius an Marbod, dem Könige der Markomannen in Böhmen gesendet, der sich eigensüchtig von dem Freiheitskampf ferngehalten hatte. Von den Gefangenen, die zu Leibeigenen gemacht wurden, hat mancher ehemalige Ritter oder Senator als Hausknecht oder Viehhüter eines deutschen Bauern seine übrige Lebenszeit zubringen müssen.

Diese Hermannsschlacht, im Jahre 9 n. Chr., vernichtete eines der tapfersten und geübtesten römischen Heere, das mit den Hilfstruppen auf 40000 Mann geschätzt wird. Als die Schreckensnachricht von der Niederlage nach Rom gelangte, geriet alles in größte Bestürzung. Schon glaubte man das linke Rheinufer samt Belgien und Gallien verloren und Italien bedroht; selbst Augustus verlor anfangs die Fassung so sehr, daß er, im Schmerz sein Gewand zerreißend, ausrief: „Varus, Varus, gib mir meine Legionen wieder!“ Mit ängstlicher Hast, als ob der Feind schon gegen Rom heranzöge, wurden alle Germanen und Gallier aus der Stadt entfernt und die deutsche Leibwache auf Inseln abgeführt. Allein die Sieger dachten nicht an Eroberung; sie zerstörten alle Denkmale römischer Knechtschaft, und kehrten dann wieder an ihren Herd zurück.

Tiberius eilte an den Rhein, um dem erwarteten Einbruch der Germanen zu wehren, beschränkte sich aber klüglich auf die Befestigung der römischen Herrschaft an diesem Strom. Jedoch unmittelbar nach Augustus Tod begann des Drusus Sohn, Germánicus, der Nachfolger des Tiberius im Oberbefehl am Rhein, den Eroberungsversuch zu wiederholen. Viermal in drei Jahren drang er in Germanien ein (14–16 n. Chr.) Im zweiten dieser Feldzüge hatte er das Land der Chatten (Hessen) verwüstet und war schon auf dem Rückzuge begriffen, als ihn der alte Römerfreund Segestes zur Hilfe gegen Arminius rief.

Segestes nämlich hatte seine Tochter Thusnelda, des Arminius Gemahlin, in dessen Abwesenheit wieder in seine Gewalt gebracht, und ward deshalb von seinem Eidam hart bedrängt. Sogleich kehrte Germanicus um und zwang durch einen Überfall den Arminius zur Aufhebung der Belagerung, worauf sich Segestes samt seiner Tochter in den Schutz der Römer gab. Bei dieser Übergabe schritt Thusnelda, ihrem Gatten, nicht ihrem Vater ähnlich, ohne Tränen, ohne Worte, die Hände unter der Brust gefaltet, mit gesenktem Blicke einher. In der Gefangenschaft gebar sie den Thumélicus, der späterhin zu Ravenna erzogen ward und dessen weiteres Schicksal unbekannt blieb. Arminius und Thusnelda sahen sich nie wieder.

Auf die Nachricht von des Segestes Übertritt und Thusneldas Gefangenschaft durchflog Arminius mit der Wut der Verzweiflung die cheruskischen Gaue und rief alle seine Bundesgenossen zur Rache auf gegen die Römer, die, sagte er, sich nicht schämten den Krieg durch Verrat und gegen schwache Weiber zu führen. So gelang es ihm wieder einen großen Bund der nordgermanischen Stämme gegen die Römer zustande zu bringen.

Um einem Angriffskriege der Germanen zuvorzukommen, eröffnete Germanicus den dritten Feldzug, in dem er bis zum Teutoburger Walde vordrang. Mit seinem ganzen Heere langte er bei der Walstatt der Varusschlacht an, wo seit sechs Jahren die römischen Krieger noch unbegraben lagen. Mit Grauen sahen die Römer die bleichenden Gebeine der Gefallenen, dazwischen zerbrochene Waffen, Pferdegerippe, an den Baumstämmen angenagelte Schädel, auf Altären die Reste der Geopferten. Einige, die damals der Schlacht entkommen und jetzt zugegen waren, zeigten die Stellen, wo die Legaten gefallen, wo die Adler genommen, wo Varus verwundet, wo die Gefangenen geschlachtet worden waren. Germanicus ließ alle Gebeine in ein gemeinsames Grab sammeln und legte selbst den ersten Rasen zu dem Erdhügel, der es decken sollte.

Während er auf einen sicheren Sieg seiner von Rachedurst entflammten Legionen hoffte, zogen sich die Germanen in die Wälder zurück, aus denen sie dann hervorbrachen und den Rückzug der Feinde beunruhigten.

Auf seinem vierten Feldzuge rückte Germanicus bis an die Weser, auf deren rechtem Ufer die Cherusker standen. Hier forderte Arminius seinen Bruder Flavius, der im römischen Heere diente, zu einer Unterredung auf, die von beiden Ufern aus gehalten wurde. Zunächst suchte Flavius, der im Dienste der Römer reichen Lohn und Ehre erhalten, aber ein Auge verloren hatte, den Bruder durch Aufzählung aller Vorteile auf die Seite der Römer zu ziehen. Aber Arminius erinnerte den Entarteten an die uralte Freiheit, an die heimischen Götter, an den Schmerz der Mutter, an die Pflicht gegen sein Vaterland, und beschwor ihn nicht der Verräter, sondern der Führer seines Volkes sein zu wollen. So leidenschaftlich und vorwurfsvoll ward schließlich die hin- und herschallende Rede, daß Flavius nach Roß und Waffen rief und es zwischen den Brüdern, ungeachtet sie der Fluß trennte, zum Zweikampf gekommen wäre, wenn nicht ein römischer Befehlshaber ihn diesseits des Stromes zurückgehalten hätte.