Nachdem Germanicus den Übergang über die Weser bewerkstelligt hatte, traf er auf die vereinigte Macht der Germanen und brachte ihnen in einer Ebene, Idistavisus (Feenwiese?) genannt, oberhalb der heutigen Stadt Minden, unter eigenem schweren Verlust, eine Niederlage bei. Allein der Mut und die Kraft der Germanen war dadurch nicht gebrochen. Empört über den Anblick der römischen Siegeszeichen, stand alles Volk ringsum auf; hoch und niedrig, jung und alt griff zu den Waffen, und so kam es zu einer zweiten Schlacht am Steinhudermeer. Furchtbar wütete hier das Schwert der Römer; aber auch die Germanen fochten mit dem Mut der Verzweiflung; Arminius selber ward verwundet. Daß sie gewichen wären, wird nicht berichtet, obschon die Römer sich den Sieg zuschrieben.
Schon gedachte Germanicus im folgenden Jahre doch noch die stolzen Cherusker zu demütigen, als ihn Tiberius, nicht etwa aus Neid auf seinen Kriegsruhm, wie die Gegner des Kaisers raunten, sondern aus der Überzeugung von der Erfolglosigkeit dieser Unternehmungen, vom Oberbefehl abrief, mit der Bemerkung, es sei genug getan und gelitten, mit Klugheit richte man gegen diese Feinde mehr aus als mit Gewalt, man werde sie fortan besser ihrer eigenen Zwietracht überlassen.
Und in der Tat brach die Uneinigkeit derselben bald in einen offenen Krieg zwischen Arminius und Marbod aus.
Der Markomannenkönig Marbod hatte sein Volk in das heutige Böhmen geführt und von hier aus einen Bund mit den anwohnenden Stämmen gebildet, den er noch immer weiter auszudehnen suchte. Zwischen ihm, der sich stets von der gemeinsamen Sache der germanischen Freiheit ferngehalten hatte, und Arminius, der an der Spitze der nordwestlichen Völker stand, entstand Feindschaft. Es kam zu einer Schlacht, die unentschieden blieb; aber dennoch bat Marbod den römischen Kaiser Tiberius um Hilfe, der dann einen Frieden zwischen Cheruskern und Markomannen zustande bringen ließ. Aber nicht lange, so wußte der schlaue Tiberius einen gotischen Fürsten zu einem Einfall in das Land der Markomannen aufzumuntern, der für Marbod so unglücklich endete, daß er, von allen verlassen, über die Donau fliehen und den Kaiser um eine Zuflucht bitten mußte. Die Stadt Ravenna wurde ihm als Aufenthalt angewiesen; dort lebte er noch achtzehn Jahre vom römischen Gnadenbrot und beschloß sein Leben als ein vergessener Mann.
Nicht lange nachher wurde auch Arminius ein Opfer der inneren Zwietracht. Er fiel durch den Verrat seiner Verwandten, die, eifersüchtig auf seinen Ruhm, ihm Streben nach Alleinherrschaft vorwarfen.
Von ihm urteilt der römische Geschichtsschreiber Tacitus: „Ohne Zweifel ist er der Befreier Germaniens gewesen. Er hat nicht, wie andere Könige und Feldherren, das römische Volk in seinen Anfängen, sondern in seiner ganzen Machtherrlichkeit bekämpft, und ist zwar in Schlachten nicht immer sieghaft, im Kriege aber unbesiegt gewesen. Er starb im 37. Jahre seines Lebens, im zwölften seiner Feldherrnmacht. Noch heute wird er bei seinem Volke in Liedern gefeiert.“ Ein kolossales ehernes Standbild, auf der Höhe der „Grotenburg“, südlich der Stadt Detmold, im Jahre 1875 in Gegenwart Kaiser Wilhelms I. eingeweiht, ist ein Zeichen, daß sein Andenken und sein Verdienst um die Erhaltung deutscher Freiheit und deutscher Stammesart noch heute vom deutschen Volke dankbar verehrt wird.
XXX.
Kaiser Tiberius.
(14–37 n. Chr.)
Augustus hatte dem Tiberius die Nachfolge gesichert. Als sich der Senat beeilte ihm die Herrschaft zu übertragen, weigerte er sich anfangs sie zu übernehmen, und lehnte mit anscheinender Bescheidenheit und Höflichkeit die dargebotenen Würden ab. Aber die Senatoren, welche die heuchlerische und versteckte Art seines Wesens und Redens kannten, ließen mit Bitten und Schmeicheleien nicht ab, bis er die Herrschaft übernahm. Nachdem die Vergötterung des Augustus, kraft welcher dieser den Beinamen „der Göttliche“ (Divus) erhielt, den oberen Göttern zugezählt und in eigenen Tempeln und durch eigene Priester verehrt ward, stattgefunden hatte, ward die Fülle aller Würden und Ehren, die jener besessen, auf den Tiberius übertragen. Unter ihm fielen die Volksversammlungen, die unter Augustus nur selten und bloß zum Schein berufen worden waren, völlig weg; ihre Befugnisse wurden dem Senate zugewiesen.