Tiberius führte die Regierung mit Kraft und Umsicht, und die ersten neun Jahre derselben verdienen volle Anerkennung; nur seiner Familie und dem Senate gegenüber zeigte er ein argwöhnisches und zurückhaltendes Wesen. Darin mochte ihn, außer früheren verbitternden Erfahrungen — er hatte sich auf Augustus’ Verlangen von seiner geliebten Vipsania, Agrippas Tochter, scheiden und die lasterhafte Julia, des Kaisers Tochter und Agrippas Witwe heiraten müssen — die heimliche Anfeindung bestärken, die er von den Anhängern des Germanicus und dessen stolzen und ehrgeizigen Gemahlin Agrippina erfuhr. Diese war als Tochter der Julia eine Enkelin, Germanicus, durch seine Mutter Antonia und Großmutter Octavia ein Großneffe des Augustus. Beide sahen den Tiberius als Eindringling in die ihnen gebührenden Thronrechte an. Zwar hatte dieser seinen Neffen Germanicus auf Wunsch des alten Kaisers als Sohn adoptiert und ihm dadurch die Nachfolge gesichert. Auch behandelte er ihn mit großer Nachsicht und Schonung. So hatte er ihn zwar aus Germanien abberufen, weil seine eigenmächtigen Feldzüge gegen die Deutschen ohne alle bleibenden Folgen waren, hatte ihm aber doch einen glänzenden Triumph bewahrt, bei welchem des Arminius Gattin Thusnelda mit ihrem dreijährigen Söhnlein mit aufgeführt ward. Da sich aber die Vorliebe des Volkes für den Germanicus zu deutlich kundgab, so suchte ihn der argwöhnische Tiberius aus den Augen des Volkes zu entfernen. Zu diesem Zweck übergab er ihm den Oberbefehl in Asien, um dort die gestörte Ruhe wieder herzustellen. Daneben beauftragte er den Calpurnius Piso mit der Statthalterschaft von Syrien, der dort, angeblich den geheimen Weisungen des Kaisers gemäß, den Befehlen des Germanicus stets zuwiderhandelte. Dieser reiste daher nach Syrien und bestrafte den ungehorsamen Piso mit Verweis und Entfernung. Als er gleich darauf in schweres Siechtum fiel, entstand der Verdacht, daß er durch Pisos und vielleicht sogar auf des Kaisers Anstiften ein zehrendes Gift getrunken habe. Seine Gattin Agrippina teilte und verbreitete diesen Verdacht. In ihren Armen starb Germanicus, fern von Rom, im Jahre 19 v. Chr. Ganz Italien wurde bei dieser Nachricht mit Trauer erfüllt, und die mit der Asche ihres Gatten zurückkehrende Agrippina zu Rom vom Volke mit der größten Teilnahme empfangen. Piso wurde zur Verantwortung gezogen, aber noch vor der Entscheidung seiner Sache ward er eines Morgens, von einem Schwert durchbohrt, auf dem Boden seines Gemachs gefunden. So blieb das Dunkel, das auf dem Tode des Germanicus ruhte, unaufgeklärt. Agrippina aber und die Freunde ihres Gatten ließen nicht ab in geheimen Umtrieben die Schuld seines Todes auf den Kaiser zu wenden.
Diese gehässige Feindschaft und Verleumdung trug dazu bei, des Kaisers angeborene Neigung zu Argwohn und Menschenverachtung zu steigern. Die Anklagen wegen Majestätsbeleidigung, die schon unter Augustus nicht selten gewesen waren, wurden seit dieser Zeit immer häufiger. Jede unvorsichtige Äußerung des Unwillens oder Tadels gegen die Person des Kaisers, jeder zweideutige Ausdruck wurde von dem immer gefügigeren Senat mit Verbannung oder Tod bestraft, und da die Angeber belohnt wurden, so warfen sich viele verworfene Menschen mit Eifer auf dies abscheuliche Gewerbe.
So mißtrauisch Tiberius war, so wußte ihn doch sein Günstling Älius Sejanus, der Befehlshaber der Prätorianer, mit listiger Schmeichelei und dem Schein unbedingter Treue zu umstricken. Auf seinen Vorschlag wurden sämtliche Abteilungen dieser Garden in einem festen Standlager, dicht unter den Mauern Roms, vereinigt. Von dieser Zeit an konnte sich der Kaiser dieser Truppen zur Durchführung jeder gewaltsamen Maßregel bedienen, und der Befehlshaber dieser Prätorianer ward nach dem Kaiser die wichtigste und mächtigste Person des Staates.
Acht Jahre lang (23–31) stand der sonst gegen jedermann argwöhnische Kaiser unter dem Einfluß dieses Günstlings, dem er auch die Leitung der Regierung vertrauensvoll überließ. Er selber, in stolzer Menschenverachtung, müde der niedrigen und eigensüchtigen Unterwürfigkeit des Senates und des Volkes, hatte sich auf der einsamen Felseninsel Capreä (Capri), am Eingang des herrlichen Busens von Neapel, prächtige Schlösser gebaut, und lebte dort, fern vom Gewühl der Hauptstadt, seinen Neigungen. Aber auch dorthin verfolgte ihn die hämische Verleumdung und erzählte von unerhörten Ausschweifungen, denen sich der alternde Kaiser auf seiner Insel ergäbe.
Inzwischen schaltete Sejanus in Rom mit unumschränkter Gewalt. Seine Bildsäulen standen allenthalben neben denen der kaiserlichen Familienglieder. Bereits hatte er des Kaisers Sohn und Nachfolger Drusus durch Gift aus der Welt geschafft, und gegen die Familie des verstorbenen Germanicus wütete er mit Verbannung und Einkerkerung. Agrippina ward mit einem ihrer drei Söhne auf eine öde Insel verbannt, ein anderer wurde in einem Kerker eingeschlossen. Als er aber endlich seine Hand auch nach dem Throne ausstreckte, da wurden dem Tiberius die Augen über seinen Günstling geöffnet. Er ernannte in der Stille einen neuen Befehlshaber der Garden, und dieser legte eines Tages dem Senat den kaiserlichen Befehl zur Verhaftung des ahnungslosen Sejanus vor. Nicht nur der gefallene Günstling ward hingerichtet, sondern Tiberius ließ auch seine Kinder, Verwandten und Anhänger in großer Zahl umbringen.
Denn nach dieser neuen bitteren Erfahrung verdüsterte sich der Sinn des Kaisers immer mehr. Jetzt erst ward er wirklich grausam und blutdürstig. Fast täglich fielen vornehme Männer und Frauen als Opfer schändlicher Angeberei; mancher nahm, um einer martervollen Hinrichtung zu entgehen, sich lieber selbst das Leben. Agrippina und zwei ihrer Söhne mußten im Kerker den Hungertod sterben. Von der Familie des Germanicus blieben, außer den Frauen, nur Claudius, sein Bruder, und sein jüngster Sohn, Gajus Caligŭla, übrig. Endlich erkrankte der 78jährige Tyrann auf seiner Insel und fiel in eine todähnliche Ohnmacht, worauf sogleich die ganze Umgebung den jungen Gajus den Tiberius an Sohnes Statt angenommen hatte, als neuen Kaiser begrüßte. Aber Tiberius kam wieder zu sich, und nun schien Gajus verloren. Da faßte Macro, wie erzählt wurde, der Befehlshaber der Prätorianer, einen raschen Entschluß; er ließ Polster und Decken auf den Kranken werfen und ihn darunter ersticken.
XXXI.
Die Kaiser Gajus Caligula (37–41) und Tiberius Claudius (41–54).
Gajus, der jüngste Sohn des Germanicus und der Agrippina, hatte, da er mit seiner Mutter als Kind im Feldlager seines Vaters am Rhein lebte, von den Soldatenstiefelchen (caligae), die er trug, von den Soldaten den Beinamen Caligula erhalten. Ihm allein war es gelungen durch den Schein kindlicher Demut und Liebe das Herz des Tiberius zu gewinnen, und als er nach dem Tode des alten Despoten als junger Kaiser in Rom erschien, jauchzte ihm alles Volk wie einem Erlöser aus harter Knechtschaft entgegen. In der Tat schien er anfangs die auf ihn gesetzte Hoffnung erfüllen zu wollen. Er stellte die Untersuchungen gegen die Verfolgten ein, wies die Angeber zurück, und machte sich durch Freigebigkeit beliebt. Aber schon nach wenigen Monaten zeigte er seine wahre Natur. Er erwies sich in Wirklichkeit als der schreckliche Tyrann und ausschweifende Lüstling, für den Tiberius so lange gegolten hatte. So sehr ging sein Tun und Denken gegen alle Vernunft, daß man ihn für wahnsinnig halten mußte. In solchem Wahnsinn verfiel er auf die grausamsten Handlungen. Den ungeheuren Schatz von 420 Millionen Mark, den sein sparsamer Vorgänger gesammelt hatte, verschwendete er gleich im ersten Jahre seiner Regierung. Über die Meeresbucht zwischen Bajä und Putéoli, unweit des heutigen Neapels, eine Stunde weit, baute er eine Schiffbrücke und legte auf derselben eine Kunststraße an mit Häusern auf beiden Seiten, bloß um einmal in einem Prachtzuge darüber fahren und sagen zu können, er habe das Meer in Land verwandelt. Seinem Leibpferde Incitatus, dem er die Würde eines Konsuls zugedacht hatte, ließ er einen Palast mit Hofhaltung einrichten, es mit vergoldetem Hafer füttern, ja sogar an seiner eigenen Tafel fressen. Als er durch solche wahnsinnige Streiche, durch Volksspeisungen und öffentliche Spiele den Schatz vergeudet hatte, zwang er, um wieder Geld aufzubringen, die Reichen die Kosten der öffentlichen Spiele zu tragen und ihm große Geschenke und Vermächtnisse zu machen. Viele ließ er hinrichten, um ihr Vermögen einzuziehen; er drückte die Reichen durch eine Menge von Steuern und errichtete endlich eine Spielbank, wobei er selbst den falschen Spieler machte. Seiner Grausamkeit wurden viele Menschen geopfert; manche ließ er lebendig zersägen, andere den wilden Tieren vorwerfen, ja bei den Tierhetzen, wenn gerade keine Verbrecher mehr da waren, Zuschauer ergreifen und den Tieren preisgeben. In seinem Blutdurste wünschte er, daß das ganze römische Volk nur einen Kopf haben möchte, um ihn mit einem Streich abschlagen zu können. Sein Wahlspruch war: „Mag man mich hassen, wenn man mich nur fürchtet!“ (Odĕrint, dum métuant!)
In seiner Eitelkeit wollte er auch als siegreicher Eroberer glänzen. Er unternahm deshalb sogenannte Feldzüge nach Germanien und Britannien. Er ließ nämlich von Gallien aus einige germanische Söldner über den Rhein setzen und sich dort verstecken; dann zog er mit einem Teil der Reiterei hinüber und brachte sie als Gefangene zurück: das war sein Sieg über die Germanen! Ebenso stellte er ein ungeheures Heer an Galliens Nordküste auf, angeblich zum Zuge gegen Britannien, fuhr dann auf einem Prachtschiff ein wenig ins Meer hinaus, und ließ nach seiner Rückkehr die Soldaten am Strande Muscheln sammeln, die er nachher als eine dem Ozean abgenommene Beute samt einer Anzahl Gefangener, die aus Galliern in germanischer Tracht bestanden, bei seinem Triumph in Rom aufführte.
Nachdem er so fast vier Jahre lang gewütet hatte, bildete sich unter seiner Umgebung, die zuletzt ihres eigenen Lebens nicht mehr sicher war, eine Verschwörung, und zwei Hauptleute seiner Leibwache ermordeten den Kaiser samt seiner Gemahlin und seiner Tochter (41).