Während der Ermordung Caligulas hatte sich sein Oheim Tiberius Claudius hinter einem Türvorhang versteckt. Ihn zogen jetzt die Soldaten der Leibgarde hervor und huldigten ihm als Kaiser, wofür er ihnen eine große Summe Geldes versprechen mußte. Der Senat ward genötigt ihn anzuerkennen. Wenn auch Claudius in Geschichte und Sprachen wohl unterrichtet war, so fehlten ihm doch alle Eigenschaften zur Regierung des Reichs. Er überließ sie Günstlingen und Frauen. Unter diesen hatten besonders die durch ihren sittenlosen Wandel berüchtigte Messalina, und nach ihrer Hinrichtung die, zwar nicht sittenlose, aber weit herrschsüchtigere Agrippina, eine Tochter des Germanicus und Schwester des Caligula, großen Einfluß. Da Agrippina den Sohn des Kaisers von der Messalina, den Britannicus, vom Throne zu verdrängen suchte, um ihrem eigenen Sohn aus erster Ehe, dem Domitius Nero, Platz zu machen, so bewog sie den alten willensschwachen Kaiser diesen als Sohn anzunehmen. Sobald ihr dies gelungen war, ließ sie den alten Kaiser durch vergiftete Pilze töten, welche die berüchtigte Giftmischerin Lacusta bereitet hatte. Daran ward Nero, als der ältere der beiden Söhne, auf den Thron gehoben.

XXXII.
Nero (54–68).

Nero gelangte im Alter von siebzehn Jahren zur Regierung. Solange er sich der weisen Leitung des Burrus, des Obersten der Garde, und seines Erziehers, des beredten und geistvollen Séneca hingab, regierte er ohne Tadel und zeichnete sich durch Bescheidenheit und Milde, durch Wohltätigkeit und Enthaltsamkeit so sehr aus, daß man die ersten fünf Jahre (quinquennium) seiner Herrschaft das glückliche Quinquennium des Nero genannt hat. Doch alle diese Tugenden waren nur die Wirkung des Zwanges und der Verstellung. Länger vermochte der junge Monarch die Maske der Tugend nicht zu tragen, er warf sie ab und offenbarte alsbald einen solchen Hang zu Grausamkeit, Eitelkeit und Heuchelei, daß er ein wahres Ungeheuer von einem Tyrannen wurde.

Da ihm seine Mutter Agrippina Vorwürfe über seine Ausschweifungen machte und ihm drohte den jüngeren Stiefbruder Britannicus, an dem sich treffliche Eigenschaften entwickelten, auf den Thron zu erheben, so beschloß Nero sofort dessen Tod. Eines Tages ward bei einem Festmahle ein warmes Getränk umhergereicht, dieses aber dem Britannicus so heiß gegeben, daß er es nicht trinken konnte. Eiligst wurde kaltes Wasser zugegossen, das die oben erwähnte Locusta vergiftet hatte. Kaum hatte Britannicus davon getrunken, als er vor Neros und aller Gäste Augen leblos niederfiel. „Es ist nichts als die Fallsucht, die er schon öfters gehabt!“ rief der heuchlerische Nero und ließ die Leiche wegschaffen, aber gleich in der Nacht auf einem Scheiterhaufen verbrennen, Agrippina mußte den kaiserlichen Palast räumen und verlor allen Einfluß. Bald ließ sich Nero durch die schöne, aber lasterhafte Poppäa Sabina bewegen seine tugendhafte Gemahlin Octavia, die Schwester des Britannicus, zu verstoßen und seine eigene Mutter zu ermorden. Burrus und Seneca bebten vor diesem Entschluß zurück, hatten aber nicht den Mut sich zu widersetzen. Auf den Vorschlag eines Günstlings wurde in der Nähe von Bajä eine Lustfahrt auf dem Meere veranstaltet. Bei dieser Gelegenheit sollte Agrippina mit dem Schiffe versenkt werden. Doch der Anschlag mißlang, Agrippina rettete sich ans Land, ward aber gleich darauf von gedungenen Mördern in ihrer Wohnung umgebracht.

Seitdem von Gewissensangst verfolgt, suchte sich Nero durch den Taumel wilder Vergnügungen zu zerstreuen. Er scheute sich nicht, um seiner krankhaften Eitelkeit zu frönen, öffentlich als Wagenrenner, Zitherspieler, Sänger und Schauspieler aufzutreten, ohne auf die Mahnungen des Burrus und Seneca Rücksicht zu nehmen. Als Burrus starb und Seneca sich ganz vom Hofe zurückzog, konnte sich nun Nero ganz den Einflüsterungen elender Günstlinge hingeben. Seine Verschwendung war schrankenlos; oft warf er am Schlusse der Feste, die er dem Volke gab, kleine Kugeln unter dasselbe, auf denen Anweisungen auf Geld, Edelsteine, Gemälde, Pferde, Äcker und Landgüter standen, die dann dem glücklichen Erhascher ausgehändigt wurden. Darum mochte ihn sowohl das Volk, das er durch Spiele und Kornspenden befriedigte, als auch das Heer, das er reich besoldete, wohl leiden.

Die größte Greueltat in seiner Regierung war der Brand von Rom. Um sich eine schönere Hauptstadt bauen zu können, ließ er Rom an verschiedenen Stellen anzünden; seine Mordbrenner durchzogen die Stadt, drangen mit Fackeln und Brandstoffen in die Häuser und hinderten die Leute mit Gewalt am Löschen. Während der Feuersbrunst stand er auf einem Turme und sah mit grausamer Lust dem furchtbaren Schauspiel zu, indem er dabei ein Gedicht von Trojas Untergang deklamierte. Durch diesen Brand ward ein großer Teil der Stadt in Asche gelegt und unsägliches Elend über die Bevölkerung gebracht, die damals bereits gegen eine Million betrug. Es war also natürlich, daß sich eine wütende Entrüstung gegen die Anstifter zu verbreiten begann. Darum suchte er mit teuflischer Arglist die Schuld auf die Christen zu schieben, die, weil sie sich von allen öffentlichen, mit heidnischen Gebräuchen verbundenen Festlichkeiten zurückhielten, dem Volke schon lange verdächtig und verhaßt waren. Viele derselben wurden als Mordbrenner angeklagt und verurteilt, ein Teil enthauptet oder gekreuzigt, ein anderer in Felle wilder Tiere genäht und den Hunden zum Zerfleischen vorgeworfen, andere mit Pech übergossen und angezündet, um wie Fackeln in langen Reihen bei nächtlichen Rennspielen zu leuchten. So ward Nero der Urheber der ersten Christenverfolgung.

Darauf ließ Nero die Stadt neu aufbauen, wobei er ein ganzes Quartier für sich nahm und daselbst mit verschwenderischer Pracht einen Palast, das sogenannte goldene Haus, bauen ließ, das mit Gärten, Bädern, Lusthäusern, sogar mit Seen und Wildbahnen umgeben ward. Um die ungeheuren Kosten zu decken und das Innere auszuschmücken, mußten alle Provinzen, besonders die Tempel Griechenlands und Asiens, einen Teil ihrer Geld- und Kunstschätze dazu steuern, und selbst die Heere ihren Sold entbehren. Dadurch machte er sich allgemein verhaßt, und es bildete sich eine Verschwörung von Senatoren und Rittern, um ihn zu stürzen und den edeln Gajus Piso auf den Thron zu setzen. Aber die Verschwörung wurde entdeckt, Piso gab sich selbst den Tod, und viele andere wurden hingerichtet Auch Neros Lehrer Seneca wurde, obschon unschuldig, zum Tode verurteilt. Da man ihm die Gunst gewährte sich selbst töten zu dürfen, so öffnete er sich die Adern; da aber bei dem Greise das Blut zu langsam floß, ließ er sich durch die Dämpfe eines Bades ersticken. Seine treue Gattin teilte freiwillig sein Schicksal.

Um die Angst seines Gewissens zu betäuben, stürzte sich Nero in immer neue Zerstreuungen. Er reiste nach Griechenland, wo er in den Spielen als Sänger und Wagenlenker auftrat. Als die Griechen seine Kunst bewunderten und ihm den Preis zuerkannten, verkündete er selber als Herold Griechenlands Freiheit, was ihn jedoch nicht hinderte die griechischen Tempel zu plündern. Mit 1800 Siegeskränzen geehrt, kehrte er nach Rom zurück und feierte wegen seiner Kunstsiege einen Triumph.

Vierzehn Jahre lang hatte Nero auf diese Weise regiert, als sich einige Statthalter gegen ihn empörten. Noch hätte der Aufstand unterdrückt werden können, wenn er sich zu entschlossenem Widerstande hätte aufraffen können. Als es zu spät war, als in Rom selbst der Aufstand siegte, machte er sich, von allen verlassen, auf die Flucht, um sich auf einem Landgut bei Rom zu verstecken. Dahin ritt er mit vier Begleitern in einer sturmvollen Nacht; der Beherrscher der Erde hatte sich in einen schlechten Mantel vermummt und hielt sich ein Tuch vor das Gesicht. Zuckende Blitze erleuchteten den Weg. Neros Pferd ward scheu. Reisende, die ihnen begegneten, fragten: „Was neues von Nero?“ Einen andern hörten sie sagen: „Die setzen gewiß auch dem Nero nach.“ So geängstigt erreichte er halbtot das Landgut. Er wagte es nicht durch den gewöhnlichen Eingang in das Haus zu kommen, und bis man ihm eine Öffnung durch die Mauer gebrochen hatte, versteckte er sich im Schilf und schöpfte sich, von Durst gequält, mit der Hand Wasser aus einer Pfütze. Am folgenden Tage erhielt er die Nachricht, der Senat habe ihn als einen Feind des Vaterlandes geächtet, der, wenn man ihn fände, nach der Sitte der Vorfahren hingerichtet werden sollte. Seine Begleiter forderten ihn dringend auf dieser Schande zuvorzukommen; er versuchte auch, unter unsäglichem Wehklagen, sich selbst zu töten, aber er fand nicht den Mut dazu. „Welch ein Künstler geht in mir unter!“ rief er einmal über das andere aus. Da sprengten Reiter heran. Nun ergriff er den Dolch und ein Freigelassener half beim Stoß in die Kehle. Die Reiter, die ihn gern lebendig fangen wollten, traten ein, als er sich fast verblutet hatte. Er stand im 32. Jahre, als er starb (68). Mit ihm war Cäsars Geschlecht gänzlich erloschen.