[3] Mitteilungen Heft 4/6, Bd. X, Seite 131

[4] Es beruht dies ganz auf Gegenseitigkeit (Anm. von B. Hffm.)


Kursächsische Streifzüge

Ein Ereignis hat sich für den Heimatfreund in diesen Tagen in aller Stille vollzogen: Der seit langem vergriffen gewesene dritte Band der Kursächsischen Streifzüge von Oberstudienrat Dr. Otto Eduard Schmidt: »Aus der alten Mark Meißen« liegt in erweiterter zweiter Auflage vor. Die durch sechs Kapitel über die Oberlausitz vermehrte Neuauflage des zweiten Bandes (»Wanderungen in der Ober- und Nieder-Lausitz«) ist unter der Presse und wird voraussichtlich noch vor dem Weihnachtsfeste erscheinen. Der fünfte und letzte Band »Aus dem Erzgebirge« ist im Manuskript fertiggestellt und wird im Laufe des Jahres 1922 herauskommen. Was uns dieses Werk ist, muß es noch ausgesprochen werden? Ziehen mit diesen Büchern in der Tasche nicht schon seit Jahren unsere Jünglinge in den Heimatgauen umher, freuen sich nicht an dem herrlichen Werke die Alten und atmen nicht unsere Männer auf des Lebens Höhe, wenn sie es gelesen haben, auf, wie befreit von einem Druck, der heimlich auf ihnen gelegen? Ich darf es wohl aussprechen, gerade das Geschlecht unserer Männer von vierzig und fünfzig Jahren hat den größten Gewinn aus dem Werke gezogen. Denn wie standen wir Gymnasiasten der achtziger und neunziger Jahre der Geschichte unseres obersächsischen Stammes gegenüber? In der Zeit des höchsten völkischen Aufschwungs der deutschen Nation, glückselig die Früchte des siebziger Krieges schauend, glühend stolz auf unser Heer und unsere stark heranwachsende Flotte, bewundernd aufschauend zu dem großen preußischen Führerstaat, mieden wir beinahe verlegen ein näheres Eingehen auf die Geschichte unserer Heimat. Wohl waren wir stolz darauf, daß die Heimat es war, die in nächster Beziehung zur Reformation und ihren Vorkämpfern gestanden, wohl freuten wir uns der Taten des Wettiners Moritz, des Erstürmers der Ehrenberger Klause und Meisterers hispanischer Verschlagenheit, aber was dann kam, daran dachten wir nicht gern. Die zage Unentschlossenheit der sächsischen Politik im Dreißigjährigen Kriege, die Zeit Augusts des Starken, des Grafen Brühl und, o Schmach, die Tage der napoleonischen Aera, sie drückten auf unser Gemüt. Immer und überall Sachsen im Unrecht, auf Irrwegen zumindest. Und auf unserer Seele brannten die Worte aus dem Briefe, den der alte Blücher nach der Lütticher Revolte in loderndem Zorn an den König Friedrich August geschrieben: »Ew. Königl. Majestät haben einen geachteten deutschen Völkerstamm in das tiefste Unglück gestürzt. Es kann dahin kommen, daß er allgemein mit Schande bedeckt wird.« Hatte doch einer der Edelsten des obersächsischen Stammes, Heinrich von Treitschke, in Grimm und Zorn aus verzweifelnder Liebe zur Heimat heraus ein geradezu verdammendes Urteil gefunden über die Politik der sächsischen Fürsten und ihrer Ratgeber. An das »audiatur et altera pars« dachten wir gar nicht.

Da, Jahrzehnte später auf einmal eine Stimme, die Stimme auch eines sächsischen Gelehrten: »Es muß einmal offen ausgesprochen werden, daß Heinrich von Treitschke, einer der begabtesten und edelsten Söhne des sächsischen Stammes, diesem durch die pessimistische Auffassung seiner Geschichte in den Augen der übrigen Deutschen, besonders aber der preußischen Nachbarn, furchtbar geschadet hat.« Ein freundlicher Zufall hatte mich gerade dies Kapitel der Kursächsischen Streifzüge, denn in ihnen erscholl das mutige Wort, zuerst aufschlagen lassen, und nun ließ mich das Buch nicht mehr los. Ich las und las, und immer war mir’s, als müßte ich im Geiste die Hand des Mannes drücken, der unser Geschlecht so tapfer darauf hinwies, daß es sich nicht zu schämen brauche auf seinem Posten im Kranze der deutschen Stämme. Frei und froh ward mir zumute; ich hab’ fortan die falsche Scham abgelegt, die mich faßte, dachte ich an die Tage von 1813, da der alternde König zur Verzweiflung der Mehrzahl der gebildeten Sachsen ins Joch Bonapartes zurückgezwungen ward. Ich weiß heute mit ruhigem Stolz, daß auch mein Heimatland zur großen allgemeinen Sache der Befreiung das Seine beitrug – mehr vielleicht, als andere deutsche Stämme und ohne den Siegerlorbeer um die Stirne. Ich weiß, daß Sachsen im Jahre 1813 für ganz Deutschland, ja für Europa Schlachtfeld, Lazarett und Kirchhof war, und daß unter den sächsischen Edelleuten und gebildeten Bürgern zum überwiegenden Teil ein ebenso kerndeutsches Wesen beheimatet war als im ruhmgekrönten Lande der Erhebung. – So ist Otto Eduard Schmidt ein Wohltäter geworden nun auch für unsere Jugend, die heute wohl überall im Lande einen anderen Geschichtsvortrag hören wird, als er zu unserer Zeit üblich war. Heimatschutz – wir wissen es alle, welche Fülle von Aufgaben in diesem Wort sich zusammendrängt. Die edelste Art des Heimatschutzes hat der Verfasser dieser fünf bedeutenden Bände geübt: den Schutz der Heimat vor Verkennung und Verleumdung.

Nicht allen Menschen ist der Sinn für die Weltgeschichte verliehen, aber Anregung edelster Art findet jeder seelisch Erwärmte in den Streifzügen noch auf vielen anderen Gebieten. Da zieht sich wie ein goldner Faden durch das Werk die Geschichte der Baukunst unserer Heimat! Vor unserem Auge tauchen sie auf, die großen alten Baumeister der Renaissance, dieses gewaltigen Höhepunkts vaterländischer Kultur, die Hieronymus Lotter, Hans Irmischer, Konrad Krebs. Mit der Sicherheit des erfahrenen Kunstgelehrten führt uns O. E. Schmidt durch den Burgpallas aus dem Mittelalter, durch die Ratsstuben der Zeit Vater Augusts, durch die behäbigen Bürgerbauten des achtzehnten Jahrhunderts. Aber auch das bescheidene Bauernhaus im Spreewald, der vordem ja altes kursächsisches Gebiet war, ist unserem Führer noch beachtlich, und so lehrt er dich umherblicken im Lande, lehrt er dich werten, was dir geblieben und danach trachten, es zu erhalten und zu schützen an deinem Teil. Mit Fug und Recht kann das Werk von sich sagen, daß es die Heimatbewegung erwecken half.

Ja, zur Landschaftsbetrachtung regt der Verfasser an, wie nicht gleich ein zweiter. Unlöslich ist sie ja bei ihm mit der Versenkung in die Vergangenheit verbunden, doch auch den naiven Wandersmann macht er auf so vieles aufmerksam, was diesem sonst wohl entgehen würde. Ein großes Verdienst O. E. Schmidts ist es meines Erachtens, daß er gleich im ersten Kapitel es unternommen hat, einmal auf die stillen Reize des unteren sächsischen Elblaufs hinzuweisen; auf den hohen Genuß, den eine Dampferfahrt durch die Gefilde unterhalb Riesas bereitet, wo der Storch noch zieht über den Heimatboden und wo die Windmühlenflügel sich versonnen regen über der fast holländisch anmutenden Niederung. Den Höhepunkt landschaftlichen Erlebens aber genießen wir mit ihm, folgen wir ihm in die spätwinterliche Muldenaue unterhalb Wurzen, in den Tagen der Schneeschmelze, da der Fluß breit und schwer wie der Mississippi sich dahinwälzt. Aller Erdennot vergessend blicken wir mit ihm in die zauberhafte Stimmung der Sonnenrüste über der ungeheuren Landschaft. Da wird unser Führer zum Dichter, der hingerissen uns hinweist auf die Herrlichkeit, die uns die Heimatflur bietet, und wir folgen dankbar und willig diesem hohen Geist, diesem Lehrer im reichsten begnadetsten Sinne!

Aber zur Landschaft gehört untrennbar der Mensch! Der Mensch, der ihr die Spuren seines Daseins einprägt, der sich von ihr nährt, der sie schützt, und der sie im Überschwang der Liebe verherrlicht durch seine Kunst. Da kommen sie herangezogen über den heimischen Boden, die blonden Ostlandfahrer aus Vlamland mit dem Wanderlied auf den Lippen: »Naer Oostland willen wy ryden.« Da rasseln sie vorüber in wilder Flucht vor dem germanischen Heerbann, die polnischen Reiterscharen, die den Gau Glomaci kahl gefressen wie ein Heuschreckenschwarm – vorüber ziehen Mönch und Klostermann. Und dann, hell auf einmal vor dem dunklen Hintergrund die Persönlichkeit! Wiprecht von Groitzsch, Heinrich der Erlauchte, Friedrich der Streitbare, Moritz und Kurfürst August. Vorbei zieht an uns die Erbarmannschaft des Landes, die ritterlichen Schleinitz, das ehrenfeste Geschlecht der Löser auf Pretzsch und in neuerer Zeit die herrlichen Männer um Dietrich von Miltitz. Es nahen die Männer des Geistes, die Dichter voran. Von Walther von der Vogelweide, der im Jahre 1212 ja auch einmal im meißnischen Herrendienst gestanden, über den schalkhaften Ritter Friedrich von Schönberg, den Autor des Schildbürgerbuchs, zum frommen Sänger Paulus Gerhardt, in dessen Heimatstädtlein Gräfenhainichen uns eine herrliche Kleinstadtschilderung führt. Vom jungen Goethe in Leipzig, von den Romantikern auf Schloß Siebeneichen über den strohtrockenen und doch heimatgeschichtlich beachtenswerten Ferdinand Stolle aus Grimma zum hochgemuten ritterlichen Sänger aus unseren Tagen, dem Freiherrn von Münchhausen auf Wendischleuba.