Nun galt es das Kreuz zu heben und in seine richtige Lage zu bringen. Infolge seines riesigen Gewichts – wir schätzten es auf zirka zehn bis zwölf Zentner – war das nur mit Hilfe der Hebebäume möglich. Wir verfuhren wie vorher. Ruckweise brachten wir es höher und immer schob der in der Grube stehende Maurer Platte um Platte unter und baute somit gleichzeitig das neue Fundament auf. Mit größter Mühe hatten wir das Kreuz neunzig Zentimeter gehoben, dann brachten wir es wieder in die alte Stellung. Die Grube wurde wieder zugeschüttet beziehungsweise zugebaut, denn die vielen Plänerplatten mußten sachgemäße Verwendung finden, um alle untergebracht zu werden. Außerdem mußten, um den Raum auszufüllen, den vorher das Kreuz eingenommen hatte, eine Menge größere und kleinere Steine aus der Umgebung zusammengetragen werden.
Abb. 2 Steinkreuz in Gorknitz (jetziger Zustand)
(Phot. Georg Perlik, Dresden)
Es gab viel zu tun. Jeder bekam seine Arbeit zugeteilt. Ich freute mich, wie uneigennützig hier jeder Beteiligte an dem großen Werke Heimatschutz mit arbeiten half. Während der Gemeindevorstand den »Polier« abgab, trugen dessen Sohn und meine Frau die nötigen Steine herbei. Ein andrer von uns mußte ins Dorf gehen und zwei Eimer Wasser holen, um den zur Verwendung kommenden Zement einrühren zu können. Dazu wurde auch noch Sand gebraucht. Solchen in dieser lehmigen Gegend aufzutreiben, war nicht so einfach. Diese Arbeit hatte ich mit noch einem Klubgenossen zu erledigen. Nach langem Suchen fanden wir endlich in der Spielgrube im Hofe des Bäckermeisters vorschriftsmäßigen Sand. Als wir den Bäckermeister darum baten, zwei »Pioniersäcke« voll mitnehmen zu dürfen, war es ihm nicht recht verständlich, was wir wohl damit anfangen wollten. Er stellte diese und jene Frage und als ich ihn über den Sachverhalt näher aufklärte, zeigte er langsam Interesse dafür. Ja, ich konnte nicht umhin, ihm einen kurzen Vortrag zu halten über die Steinkreuze in Sachsen und ihre Bedeutung. Als wir mit unserer Beute abzogen, sah er uns mit einem breiten Lächeln kopfschüttelnd nach.
Unterdessen hatten die anderen die Grube bis dorthin, wo gemauert werden sollte, wieder zugeschüttet; die größten und stärksten Platten hatte sich unser Maurer bis zuletzt aufgehoben. Mit reichlich Zement wurden diese oben aufgesetzt. Hierbei wurde ein kleiner Hohlraum an der Nordseite des Kreuzes ausgespart, der zur Aufnahme der versiegelten Glasflasche bestimmt war, welche die anfangs erwähnte Urkunde mit etwas Kriegsgeld und zirka zwanzig verschiedenen Briefmarken als Zeitbeweise enthielt. Vier große Plänerplatten, welche den Oberteil der Grube völlig ausfüllen und scharf an das Kreuz angemauert wurden, bildeten den Abschluß. Diese geben dem Kreuz einen ganz bedeutenden Halt, denn, da uns daran lag, so viel als möglich von dem unteren Teile zu gewinnen, haben wir es nur zirka fünfundzwanzig bis dreißig Zentimeter in der Erde gelassen. Dadurch aber, daß unser Maurer den in der Erde sitzenden Teil und alle darumliegenden Steine und Platten sorgfältig und reichlich mit Zement eingebaut hat, nehmen wir an, dem wuchtigen Kreuze doch genug Halt gegeben zu haben. Eine schwache Erdschicht und die ausgestochenen Rasenstücke verdecken die aufgemauerten Steine. Um es nun recht schön zu machen, ging ich dem gehobenen Kreuze – mit Wassereimer und Wurzelbürste bewaffnet – zu Leibe, um den in den Vertiefungen sitzenden roten Lehm zu entfernen. Dadurch aber hob sich der untere Teil des Kreuzes durch sein neues Aussehen vom alten verwitterten Oberteil ab, was allerdings in anderer Form auch schon vorher der Fall war. Diesem Übelstand half unser Maurer dadurch ab, daß er jetzt mit Faustpinsel und Zementwasser auftrat und dem noch rötlich schimmernden unteren Teile einen dunkleren, dem Oberteil ähnlicheren, grauen Anstrich gab. Er stellte meine Arbeit als völlig wirkungslos hin. Mit dem nötigen Humor und mit übertriebener Peinlichkeit führte er diese letzte Arbeit aus. – Wir freuten uns nun alle, als das fertige, gehobene, alte Steinkreuz in seiner vollen Größe vor uns stand. Wir haben uns viel Arbeit damit gemacht und es hat manchen Tropfen Schweiß gekostet, aber wir hatten auch viel Spaß dabei.
Unser Maurer, der – nebenbei bemerkt – auch schön photographieren kann, machte nun noch eine Aufnahme, welche ich beigefügt habe. Sie zeigt im Vergleich zu derjenigen des Herrn Dr. Kuhfahl, um wieviel wir das Kreuz herausgeholt haben.
Mit dem Bewußtsein, ein praktisches Stück Heimatschutzarbeit geleistet zu haben, und in der frohen Hoffnung, daß dies bei anderen Heimatschützlern in verwandten Vereinen recht bald und oft Nachahmung finden möge, machten wir uns auf den Heimweg. Denn nicht nur allein durch die Mitgliedschaft wird der Heimatschutz gefördert und alles Schöne, Althergebrachte und Vorgeschichtliche auch der Nachwelt erhalten und überliefert, sondern selbst mit Hand anlegen, beobachten und schützen: das ist Heimatschutz und tut überall dringend not!
Richard Köhler,
Berichterstatter des Touristen-Vereins »Torwalder«
Anmerkung der Schriftleitung: Von der hier geschilderten schönen Tat hörten wir erst durch diesen Bericht. Herrn Köhler und seinen Mitarbeitern heißen Dank. Wer in ähnlicher Weise praktisch uns mithelfen will, melde sich bitte bei uns.