- vom 7. 4. 1912 Nummer 14,
- vom 23. 3. 1913 Nummer 12,
- vom 26. 10. 1913 Nummer 43.[1]
[1] Siehe auch Dr. Kuhfahl: »Die Steinkreuze in Sachsen«. Preis M. 6,50. Heimatschutz, Dresden.
Auf einer Wanderung im Frühjahr vergangenen Jahres nach Dohna und Maxen suchte ich an der Hand dieser Verzeichnisse die beiden Kreuze in Gorknitz mit auf. Bei der Besichtigung des hundertzwanzig Meter vor dem östlichen Dorfausgange, am Fahrweg nach Rittergut Gamig zu gelegenen Steinkreuzes (Verzeichnis vom 3. April 1912, Nummer 14) war mir aufgefallen, daß dieses bis zu den Seitenarmen in der Erde stak, obwohl im Verzeichnis steht: »Neuerdings ausgegraben«. Sofort reifte in mir der Plan, mit Hilfe meiner Klubgenossen dieses Kreuz zu heben. Ich ging persönlich zu Herrn Dr. Kuhfahl, um ihn von meinem Vorhaben in Kenntnis zu setzen. Wie er mir erklärte, hatte sich seiner Zeit trotz eifrigen Bemühens niemand dazu bereit gefunden, dieses Kreuz zu heben, und später infolge des Krieges ist wohl alles in Vergessenheit geraten. – Auch meine Klubgenossen, die ja fast alle Heimatschützler sind, brachten dieser Sache reges Interesse entgegen und so wurde für Sonntag, den 4. Juli 1920, eine Wanderung dorthin festgesetzt. Die Genehmigung des Gemeindevorstandes, auf dem betreffenden Grundstücke graben zu dürfen, hatte ich mir vorher schriftlich eingeholt. Um unnötige Belastung auf dem Marsche zu vermeiden, bat ich gleichzeitig um Bereitstellung des benötigten Gerätes. In entgegenkommendster Weise erhielten wir alles Gewünschte.
Am genannten Sonntagmorgen hatten sich sechs Teilnehmer zu dieser Wanderung beziehungsweise zur Hebung des Steinkreuzes am Treffpunkt eingefunden. Darunter auch ein Maurer, der sich noch das nötige eigene Handwerkzeug mitgebracht hatte. Ein kleiner Sack Zement – von einem der Teilnehmer zu diesem Zweck gestiftet – mußte auch hinausgebracht werden. Er verschwand im Rucksack eines jungen Mannes, der ihn schweißtriefend an Ort und Stelle brachte. Bei herrlichem, sehr warmem Wetter ging die Wanderung von Reick über Lockwitz, Luga, Wölkau, Bosewitz nach Gorknitz. Strahlend blau wölbte sich der Himmel über den im Sonnenglanze reifenden Fluren. Wogende Getreide- und blühende Kartoffelfelder, die den bunten Kleeflächen an Schönheit nicht nachstanden, wechselten in buntem Mosaik. In den Wipfeln der Obstbäume da klingelten und piepsten die Meisen, da schlug der Fink und lockte die Goldammer und hoch über uns schmetterte die Lerche ihr Loblied. – So kamen wir, immer auf bunten Feld- und Wiesenwegen wandernd, unserm Ziele näher. Aber im Süden türmte sichs dunkelblau auf. Immer näher rollte der Donner, und noch ehe wir im Dorfe anlangten, öffneten sich die Schleusen des Himmels. Zum Glück war das erste Haus der Gasthof, wo wir hinein flüchteten.
Eineinhalb Stunden hat uns das Gewitter hier festgehalten, endlich gegen einhalb elf Uhr hört der Regen auf. Nun aber ans Werk! Zunächst zum Gemeindevorstand, um die erbetenen Geräte zu holen. Sehr freundlich wurden wir empfangen, alles Gewünschte stand schon bereit. Bei dieser Gelegenheit legte ich ihm eine Urkunde, die gleichfalls ein Heimatschützler geschickt und originell angefertigt hatte und welche nach der Hebung mit niedergelegt werden sollte, zur Unterschrift vor. Dieselbe soll bei einer eventuellen Veränderung an dieser Stelle beziehungsweise bei einer späteren Auffindung Aufschluß geben, wann, von wem und warum dieses Kreuz gehoben worden ist. In entgegenkommendster Weise versah der Gemeindevorstand das Dokument mit Siegel und Unterschrift, wie er überhaupt unserer Sache lebhaftes Interesse entgegenbrachte. Nachdem auch wir unsere Unterschriften geleistet hatten, zogen wir, jeder mit Rucksack und einem Gerät bewaffnet – einem Trupp Auswanderer gleich – hinaus zur Stelle, wo das alte Steinkreuz steht. Kopfschüttelnd sahen uns verschiedene Dorfbewohner, die nicht wußten, um was es sich hier handelte, nach: »Was mögen die wohl vorhaben?«
Abb. 1 Steinkreuz in Gorknitz (früherer Zustand)
(Phot. Dr. Kuhfahl, Dresden)
Dort angekommen, wurde das alte Steinkreuz, da es einige von uns noch nicht kannten, auf seine Form, Gesteinsart, Größe, Schwere und Inschriften oder Bildzeichen hin genau untersucht. In seiner unregelmäßigen Anordnung ähnelt es einem Balkenkreuz am meisten, doch läßt sich durch verschiedene abgestoßene Kanten, die verhältnismäßig kleinen und ungleichen Seitenarme im Vergleich zu dem viel stärkeren Oberteil, viele Vertiefungen, Risse und Furchen, schwer erkennen, ob es in seiner ursprünglichen Form erhalten geblieben ist, oder ob der Zahn der Zeit daran genagt hat. Obwohl von eisenhartem Sandstein, wird dieses Kreuz, besonders die Seitenarme, infolge seiner Lage am Feldwege durch passierende Fuhrwerke Beschädigungen erlitten haben. Seine übrigen Form- und Größenverhältnisse sind ja genau zu ersehen aus dem Werke von Dr. Kuhfahl, in welchem auch ein sehr schönes Bild wiedergegeben ist. Wir hielten es daher für zwecklos, eine Aufnahme des Kreuzes in seinem Urzustande zu machen. Sein Gewicht schätzten wir, so wie es vor uns stand, auf zirka sechs bis acht Zentner, hatten uns aber, wie wir uns später nach der völligen Ausgrabung überzeugen konnten, arg getäuscht. Inschriften oder sonstige Schriftzeichen waren nicht festzustellen. Auch läßt sich ein richtiges Bild einer eingemeißelten Zeichnung trotz vorhandener Striche und Einkerbungen sehr schwer herausfinden.
Nun ging es ans Ausgraben. In ziegelgroßen Stücken wurde erst die Rasendecke ausgestochen, die nach der Hebung wieder aufgelegt werden sollte. Als wir aber weiter schaufeln wollten, erlebten wir eine große Enttäuschung; die dünne Rasendecke war die ganze Erdschicht, dann stießen wir nur auf Plänergestein. Nur mit der Hacke konnte gearbeitet werden, und es war ein sehr schwieriges Stück Arbeit, die mitunter recht großen und festgelagerten Plänerplatten loszubekommen. Wie uns der Gemeindevorstand von Gorknitz, der inzwischen auch hierhergekommen war, erklärte, soll das zwischen den beiden Wegen gelegene Grundstück in früheren Zeiten von einer starken Plänermauer umgeben gewesen sein. Die beiden Wege aber waren seiner Zeit Hohlwege. Nun hat man wahrscheinlich diese beiden Hohlwege zuschütten beziehungsweise höher legen wollen, weshalb man die alte Plänermauer einfach in den Hohlweg hinabgedrückt hat. Das alte Kreuz aber, das vermutlich einer Zeit schon auf beziehungsweise zum Teil in der Mauer eingemauert hier gestanden hat, ist stehen geblieben. Wie wäre es sonst möglich, daß dasselbe fast bis zu den Seitenarmen fest eingesenkt nur zwischen größeren und kleineren Plänerplatten sitzt?
Platte um Platte wurde losgewuchtet und langsam, aber sicher kamen wir tiefer. Wenn wir anfangs glaubten, das Kreuz säße so zirka dreißig bis vierzig Zentimeter in der Erde, so hatten wir uns auch hier gehörig getäuscht. Als wir einen halben Meter tief gehackt hatten, ließ sich dieser Koloß auch noch nicht einen Zentimeter bewegen, trotz aller Kraftanstrengung, die wir dabei aufwendeten. Es wurde weiter gehackt – bei dreiviertel Meter dasselbe Resultat. Das Kreuz saß in seinem Plänerfundament wie angewachsen. Jeder mußte mal mit der Hacke antreten; wir waren alle wie in Schweiß gebadet. Jetzt versuchten wir es auf eine andere Art. Unter den beiden Seitenarmen wurde je ein starker Hebebaum untergeschoben. Alle Beteiligten – selbst meine Frau und der Gemeindevorstand nebst Sohn stellten ihre Kräfte zur Verfügung – verteilten sich nach Größe und Stärke auf die beiden Seiten und hingen sich an das in die Höhe ragende Ende. Unter Kommando wurden die Hebebäume gleichmäßig niedergezogen und das Kreuz Zentimeter um Zentimeter in die Höhe gewuchtet. Auf diese Weise holten wir das Kreuz noch zirka fünfundzwanzig Zentimeter aus der Erde und sparten uns dadurch das letzte und schwerste Stück Hackarbeit. Jetzt erst bekamen wir einen rechten Begriff, wie tief das Kreuz in der Erde stak (einen Meter) und wie schwer dieser Koloß war.