Größere Bedeutung gewannen die Baumpflanzungen an den Landstraßen, als man die Felder unter Hochkultur nahm, als jede Hecke und jedes Gehölz fallen mußte, als man die Fluren völlig in einförmige Kultursteppen verwandelte. Die Alleen waren die einzigen Unterbrechungen in dem kahl gewordenen Lande, der einzige Ruhepunkt des Auges, das müde geworden war vom Umherschweifen in der jeder Abwechslung entblößten Landschaft. Oft genug waren sie die einzige Naturschönheit des flachen Landes, das einzige was haften blieb in der Erinnerung, und das einzige, was die Landschaft wert machte, ein Ziel der Heimatliebe zu sein. –

Wer hat wohl daran gedacht, daß es je anders werden würde im deutschen Lande! Wer hätte geglaubt, daß die Bäume von unseren Straßen, die grünen Baumgürtel unserer Städte und Dörfer schnöder Geldgier und Gewinnsucht zum Opfer fallen würden. Und doch ist es so! In völliger Verkennung der geschichtlichen Entwickelung und der geschichtlich gewordenen Bedeutung des Straßenbaumes werden heute die Straßenalleen vielerorts zur Gewinnung von Nutzholz niedergeschlagen. Unsere Ahnen haben die Bäume als Schmuck der Heimat gepflanzt, und wir selbst haben sie bis in die jüngste Zeit noch geschont, gehegt und gepflegt bis sie als morsche Ruinen in sich zusammenfielen.

Gar plötzlich ist die Wandlung eingetreten. Deutsches Wesen ist zuschanden geworden, das zeigt sich auch hier. Der »furchtbare Baumtod« wandelt durchs Land und stürzt sich mit Grimm und Wut auf unsere herrlichen Baumalleen, die kostbaren Vermächtnisse aus alter Zeit. Wie einst im Mittelalter der »schwarze Tod«, Grauen verbreitend durch das aufgeschreckte Land zog, daß »die Menschen reihweis’« fielen, so ist jetzt der »große Baumwürger« in unsere Gaue gekommen und hat ein »Sterben der Bäume« gebracht, hat in kurzen Stunden zersplittert an den Wegrand geworfen, was Jahrhunderte zur Entwickelung und zum Aufbau gebraucht hat. Mit wuchtigen rohen Axthieben wird rücksichtslos das vernichtet, was das Herz unserer Väter und Großväter schon erfreute und was auch unser Stolz und unsere Freude war.

Ein Schrei der Entrüstung über diesen Frevel am heimatlichen Landschaftsbilde geht durch die deutschen Gaue und jeder Deutsche, in dessen Herzen noch ein Fünkchen Heimatliebe glimmt, noch eine Spur von Empfinden für unsere Naturschönheiten wohnt, muß mit einstimmen in das Wort, welches aus einer, ihrer Baumschönheiten beraubten niederdeutschen Stadt erklingt: »Herrgott bewahre uns vor solchen Stadtvätern, die, aus Unwissenheit oder absichtlich, die Schönheit ihrer Heimat morden und die Ideale ihrer Gemeindeglieder mit Füßen treten!«

Freilich, Ideale bringen kein Bargeld ein! Aber wir ehren uns selbst, wenn wir sie pflegen. Wir brauchen Ideale in unserer schweren Zeit, in der die Schönheit der Heimat fast das einzige ist, was uns noch nicht geraubt wurde.

Und ist der Gewinn wirklich so groß, den uns der gefällte Baum bringt? – Eine Handvoll schmieriger Papierfetzen ohne Wert und ohne Kaufkraft, Spreu im Wirbelsturm der wirtschaftlichen Bedrängnis. Sie sind schon längst verstreut in alle Winde, ehe die Wunde, welche die Trauer um die verlorene Heimatschönheit in das Herz des Heimatfreundes geschlagen hat, zu vernarben beginnt.

Zahlreiche alte herrliche Bäume sind schon vernichtet, viele prächtige Alleen sind der Gefühllosigkeit unserer Zeitgenossen zum Opfer gefallen; aber noch ist es Zeit, Einkehr zu halten in uns selbst und Umkehr auf dem betretenen Pfade der Vernichtung. Noch beginnen jetzt zur Frühlingszeit viele herrliche Baumriesen und ausgedehnte Alleen sich mit neuem Grün zu schmücken. Schont und schützt sie und tretet ein für ihre Erhaltung! Wehrt euch mit flammender Entrüstung dagegen, daß geldgierige Hände sich danach ausstrecken. Laßt euch die herrlichen, durch ehrwürdiges Alter geweihten und geheiligten Bäume nicht rauben, diese Zier- und Schmuckstücke der Heimat, die unersetzlich sind; haben sie doch viele Menschenalter gebraucht, ehe sie emporwuchsen zu der stattlichen Größe und wunderbaren Schönheit, in der sie jetzt vor uns stehen. Unsere Väter haben sie uns vererbt als ein heiliges Vermächtnis, wir sind verpflichtet, sie zu pflegen und zu schützen und weiter zu vererben auf Kinder und Kindeskinder. Wenn wir sie mit frevelnder Hand vernichten und der Gewinnsucht opfern, so gleichen wir dem gewissenlosen Manne, der ein kostbares Erbe verschleudert. Wie ihm seine Nachkommen fluchen, so werden einst unsere Enkel mit uns hadern, weil wir die Schönheit der Heimat zerstörten um Augenblickserfolge willen, weil wir ihnen das uralte Wundergut der Heimatliebe raubten.

Schlagbaum und Chausseehaus in Sachsen

Von E. M. Arnold, Leipzig-Schleußig

Wieder spinnt die Frühlingssonne ihren hellen, verjüngenden Dunst über Flur und Feld, und die Welt steht voller Träume und Geheimnisse. Zauberhände schmücken der Bäume kahles Geäst mit Blatt und Blüte. Aus der feuchtwarmen Erde quillt allmählich Halm für Halm, Blume für Blume. Der schmuckloseste Rain wird so zum buntgewürfelten Teppich, das Saatfeld zum leichtgewellten See. Und die Sonne steigt höher und höher. Ihr Silbergefunkel dringt in den engsten Hof und die versteckteste Großstadtklause lachend und lockend zugleich. Es ankert sich fest mit gespenstisch ausgreifenden Fingern im ruhelosen Fabriksaal wie am Tisch des Geistesarbeiters. Verstehst du seine Sprache, Großstadtkind? Merkst du nicht, wie es dich ruft, herauszutreten aus dem Waffengeklirr nüchternen Daseinskampfes, aus der Häuser drückenden Enge in die weite, weite Gottesnatur? Komm und folge dem einladenden Gruße!