Einnehmerhaus an der Straße Rochlitz–Mittweida
(Federzeichnung von Regierungsbaumeister Nicolaus, Dresden, nach einer Aufnahme von Frau Carola Hartmann, Rochlitz)

Sage nicht, du hättest weder Zeit noch Gelegenheit, des Frühlings Wunderwerkstatt anzuschauen. Leben wir nicht im Zeitalter des Dampfes, der Elektrizität, des Fahrrads und des Automobils? Und wie denn; genügen nicht auch Schusters Rappen, hineinzuwandern in die prangende Frühlingswelt, dem Lichte und dem Leben zu, bergauf, talab, in des Waldes Laubgezelt, zur blumigen Quelle, zum Ufer der brandenden See? Bleiben wir bei strammer Landstraßentugend; nehmen wir den Weg zwischen die Beine.

Können wir uns heute das weitverzweigte, der Erde Länder zusammenknüpfende Verkehrsnetz hinwegdenken und uns in eine Zeit zurückversetzen, da der Mensch nur schwer und mit großen Opfern der engbegrenzten Heimatscholle zu entrinnen vermochte? Wohl kaum. Was erinnert wohl noch an die alte liebe Wanderzeit mit ihren einfachen Bedürfnissen? Etwa die steifen Postwagen, die in die einsamsten Gegenden unseres Vaterlandes sich zurückgeflüchtet haben? Es wird uns nicht so leicht, zu begreifen, daß noch zur Mitte des vorigen Jahrhunderts fast der gesamte Reiseverkehr auf die Landstraßen angewiesen war. Wir sind ein gar schnellebiges Geschlecht, das rasch vorwärts schreitet, aber auch rasch vergißt, und es im übrigen nicht liebt, den Blick romantischen Sinnes in längst verschollene Zeiten zurückzuwenden. Die Blume der Erinnerung blüht nur noch abseits von des Tages Getümmel und auch nur für den, der ihrer aufmerksamen Auges achtet. Was kümmert uns Vergangenes? Es lebe die Gegenwart!

Und so kommt es, daß wir den rechten Maßstab für das jeweilig Erreichte oft nicht finden, weil wir der Wahrzeichen nicht achten, die uns zu längst Verschwundenem und Überwundenem hinüberleiten. Wer z. B. achtet gegenwärtig noch der wenigen vom Zahn der Zeit verschont gebliebenen Chausseehäuser, jener freundlichen, einstöckigen Gebäude an Sachsens Landstraßen, die heute vielfach als Bier- und Kaffeestuben willkommenere Ruhepunkte des Reiseverkehrs darstellen denn ehemals, als weißgrüne Schlagbäume die Straße sperrten und ein finsterblickender Einnehmer zum Halten einlud! An einsameren Straßen unseres Sachsenlandes, wo sie hin und wieder auch als Wohnstätten der Straßenwärter Verwendung finden, tragen sie wesentlich zur Belebung des Geländes bei. Hier wie dort führen sie unsere Gedanken zurück in die gute alte Zeit, da der Großvater die Großmutter nahm und während der Hochzeitsreise sich und seine Eheliebste von zwei zu zwei Wegstunden immer von neuem wieder aus dem Bannkreise des Schlagbaumes und seines Wärters lösen mußte.

Die alten Chausseehäuser unserer engeren Heimat verkörpern ein Stück Kulturgeschichte, nicht so sehr wegen ihrer einstigen fiskalischen Bedeutung als wegen der Art des Lebens und Treibens, das sich in ihnen abspielte. Sie waren die Pflegstätten echten altsächsischen Familienlebens in seiner breiten Gemütlichkeit und genügsamen Zufriedenheit und bildeten in einer meist ländlichen Umgebung kleine Beamteninseln mit halb städtischen, halb ländlichen Sitten und Gebräuchen. Wie idyllisch nahmen sich die Häuschen aus im Zuge der sauberen Straßen, mit ihren Bogenfenstern, den grünen Läden und dem über der Eingangstür hängenden sächsischen Wappenschilde! Meist umgab ein Garten das Gebäude. Ein einfaches Staket, hinter dem es grünte und blühte und oft wohl auch bunte Glaskugeln altmodisch sich spreizten, versperrte Neugierigen den Blick ins Innere des Hauses. Häufig tat es auch eine lebende Hecke. Hier schossen Sonnenblumen und Malven; Bienen flogen summend von Blüte zu Blüte. War doch der Herr Einnehmer meist auch ein kunstgerechter Imker. Das saftige Grün des Weinstocks umrankte die Vorderfront, während nach hinten Stall und Schuppen das kleine Anwesen abschlossen. Stand ein Birn- oder Apfelbaum dabei, so legte er sicherlich väterlich-schirmend die fruchtschweren Äste über die kleine Einsiedelei.

Einnehmerhaus an der Muldenbrücke in Rochlitz
(Phot. Frau Carola Hartmann, Rochlitz)

Quer über die Straße aber ragte der wuchtige Schlagbaum, an den Seiten nur einen schmalen Streifen für die Fußgänger freilassend. Jedes ankommende Fuhrwerk, jeder Reiter und jeder Viehtransport konnte ihn nur passieren, nachdem die festgesetzte Abgabe entrichtet war. Dem gestrengen Herrn Einnehmer, der ununterbrochen bei Tag und Nacht seines Amtes walten mußte und sich nur während der verkehrsschwachen Stunden kurze Ruhepausen gönnen konnte, entging so leicht keiner. Die Fuhrleute waren verpflichtet, den Einnehmer auch während der Nacht durch Peitschenknall oder Zuruf zu wecken. Besser noch versorgte das Geschäft des Weckens ein munterer Spitz oder Dackel, der zum lebenden Bestande jeder Einnahme gehörte. Oft freilich erkoren Witzbolde, Studenten oder fahrende Gesellen den Einnehmer zum Gegenstande ihres Übermutes und brachten ihn durch blinden Lärm um die ohnehin beschränkte Nachtruhe. Zur Zeit der Leipziger Messen, an Hauptmarkttagen oder zu besonderen Festlichkeiten gestaltete sich der Wagenverkehr oft so rege, daß die Frau Einnehmerin dem Gatten in der Abfertigung kräftig zur Hand gehen mußte. War sie doch zur dienstlichen Vertretung und Unterstützung des Hausherrn amtlich bestimmt. Wohl trug sie weder Mütze noch Amtsrock; in einfacher Hausfrauentracht verrichtete sie am Schalterfenster ihre Dienstobliegenheiten, und obgleich sie mit Angehörigen der verschiedensten Berufsklassen verhandelte, wußte sie, der amtlichen Dienstanweisung gehorchend, allen Streitereien und Ungehörigkeiten durch immer gleichbleibende Freundlichkeit und weiblichen Anstand die Spitze abzubrechen. Die Frau Einnehmerin spielte übrigens, wenn sie die ihr günstigen Verhältnisse auszunutzen verstand, unter der bäuerlichen Bevölkerung eine gar wichtige Rolle. Man schätzte ihre hauswirtschaftlichen Erfahrungen, begehrte ihre gesundheitlichen Ratschläge und feierte selten ein Familienfest, an dem die Frau Einnehmerin nicht teilgenommen hätte.

Aber nicht immer herrschte Lust und Freude in dem bescheidenen Heime; denn wenn auch dem Einnehmer neben freier Wohnung, Heizung und Beleuchtung der zehnte Teil der erhobenen Brücken- und Wegegelder als Besoldung zugebilligt wurde, so kamen dennoch – und ach, wie oft – auch magere Zeiten, Monate und Jahre mit geringen Einnahmen. Dann wurde die Wirtschaftskunst der Hausfrau auf eine harte Probe gestellt. Wenn freilich die Vorräte im Kämmerchen zur Neige gingen und die Reihe der Einmachetöpfe aus besseren Jahren sich immer mehr lichtete, wenn infolge kärglicher Fütterung im Stalle die Ziege von Tag zu Tag weniger Milch gab und doch trotz allem die hungrigen Mäuler der Kleinen gestopft sein wollten: dann schwand der Frohsinn aus dem Einnehmerhaus und Frau Sorge schritt über die Schwelle.