Mit Ablauf des Jahres 1885 kamen Brückenzölle und Chausseegelder in Wegfall. Sie hatten dem Staatssäckel von Jahr zu Jahr Einnahmen bis zu dreiviertel Million Mark gebracht, trotzdem der Güterverkehr mehr und mehr von den Landstraßen auf die neuerstandenen Schienenwege übergegangen war. Die Schlagbäume verschwanden, aber die Chausseehäuser haben sich, wenn auch meist ihres einstigen Gepräges entkleidet, als Erinnerungszeichen an die einstige Fuhrmannsherrlichkeit, an die Zeit des Posttrabs und der Wanderpoesie bis in unsere Tage erhalten.
Die Schneeheide
(Erica carnea L.)
Von Felix Heller, Bahnhof Bad Elster
Aufnahmen von J. Ostermaier, Blasewitz
Abb. 1
Unter den deutschen Phanerogamen, die nach Garckes Flora von Deutschland (17. Aufl. 1895) sehr selten vorkommen, befindet sich eine, mehr der süddeutschen Flora angehörige Pflanze, deren Verbreitungsgebiet in Mitteldeutschland ein so eng begrenztes ist, daß sie in Botanikerkreisen eine gewisse Berühmtheit erlangt und zu mancherlei Deutungen über die Ursachen ihres sporadischen Auftretens Veranlassung gegeben hat. Der Pflanzenkundige, der im zeitigen Frühjahre den südlichsten, nach Böhmen hereinragenden Zipfel des nunmehrigen Freistaates Sachsen besucht, wird sie freudig begrüßen und auch dem Laien wird sie auffallen. Im allgemeinen bieten unser Elstergebirge und seine Ausläufer keine große Auswahl an Pflanzenseltenheiten, wenn man nicht die buchsbaumblättrige Kreuzblume (Polygala Chamaebuxus L.)[3], hier »Ramsel«, auch »falsche Preiselbeere« genannt, dazu rechnen will, die im südlichen Vogtlande übrigens häufiger vorkommt, als bei Garcke angegeben ist. Aber die Schneeheide, das ist hier in ihrer sächsischen Heimat die volkstümliche Bezeichnung (»Schniehaad«), ist etwas ganz besonderes; sowie der Schnee zu schmelzen beginnt, meist Anfang bis Mitte März, entfalten sich ihre zierlichen, in der Farbe vom hellsten Rosarot bis zum tiefsten Carminrot schwankenden Glöckchen – der erste Frühlingsgruß der neuerwachten Natur! Deshalb liebt sie hier auch jedermann, und gern stellt man sich ein von Weißtannenzweigen oder Preiselbeerkraut umkränztes Sträußchen in das Zimmer. Die vogtländischen Nachbarn dieses bescheidenen Pflänzchens sind sich seiner Seltenheit wohlbewußt und erklären dem Befrager mit einem gewissen Stolze, daß die Schneeheide eben nur bei ihnen vorkommt und sonst in ganz Deutschland nicht. Böhmen ist ja nicht Deutschland und das Vorkommen im Fichtelgebirge und in den südlichen bayrischen Alpen ist ihnen wohl nicht bekannt. Im Spätsommer und Herbst finden die Kurgäste von Bad Elster auch zuweilen blühende »Schneeheide«, die sie mit stolzer Freude heimtragen, aber das ist die weißblühende Form der gewöhnlichen Heide (Calluna vulgaris Salisb.); die echte Schneeheide hat ihren Namen nicht von der Farbe, sondern daher, daß sie zur Zeit der Schneeschmelze blüht, oft genug sogar schon unter dem Schnee, bei kühlem Wetter bis in den Mai hinein.
[3] Abbildung Seite 108. Dieses reizende Pflänzchen ist hier ziemlich weit verbreitet. Es gibt Stellen, wo sie rasenbildend auftritt und meterlange Ausläufer treibt.