Hoffen wir, daß unsre südvogtländische botanische Seltenheit, unsre liebe Schneeheide auch weiterhin gedeiht und in ihren Beständen erhalten bleibt! Es wäre ewig schade, wenn unsre materialistische Zeitströmung, die alle Naturseltenheiten in Geld umwerten möchte, ihrem Vorkommen hier ein Ende bereitete. Sie muß für alle Zeiten unter Schutz stehen und sei deshalb der Fürsorge des Sächsischen Heimatschutzes angelegentlichst empfohlen!
Seiffen und das Bunte Haus
Eine Fahrt ins Weihnachtsland
Von Stadtbaurat Rieß
Aufnahmen von A. Heinicke, Freiberg
Vor dem Hauch des milden Westwindes war der Weihnachtsschnee zwar leider fast zerronnen, aber doch lag es noch wie Weihnachtsstimmung und Nadelduft in der Luft. Der Rucksack war wohlgepackt. Auch er gab weihnachtlichen Duft nach Stollen und anderen guten Dingen. Eine Weihnachtsfahrt sollte es werden in das Land der Kinderträume und lustiger Spielzeugherrlichkeit, wo Nußknacker und Räuchermännlein, Lichterengel und Bergmänner das große Wort führen, wo die Krippen in seliger Einfalt sich aufbauen und die Weihnachtspyramiden ihr buntgeschnitztes Leben zeigen. Im Morgendämmern lag der Garten mit seinen wenigen leuchtenden Schneeflecken. Die schöne grüne Tür mit dem kunstreichen Schloß fiel hinter mir und meinem wanderfrohen Weibe zu, da kam zur verabredeten Minute der Freund, der Maler mit seiner blonden Frau und grüßte mit frohem Glückauf. Am Bahnhof stieß zu uns der Ingenieur mit seiner Braut, der an der Bagdadbahn einst baute und nun nach Krieg und Wunden mit uns das Weihnachtsmärchen suchen wollte. – Nun ging es hinaus in die nebelverhangene Welt mit fauchendem Züglein. Nur an den Nordabhängen der Böschungen lag dort noch der Schnee und die dunklen Halden des alten Bergbaues waren noch weißbetupft. Die Fläche des Berthelsdorfer Hüttenteiches war mit Eis bedeckt und blinkte wie matter Stahl in den ersten schrägen Strahlen der mit dem Gewölk ringenden Sonne. Die Hänge des Muldentales mit ihren dunklen Wäldern und braunen Feldern und den schöngeschwungenen Höhenlinien glitten an uns vorüber. Von Mulda führte uns dann das Nebenbähnchen mit Schnauben und Pusten und gelegentlichem wichtig tuendem Bimbim Bimbim durch das enge malerische Chemnitzbachtal empor nach Sayda. Ein reizvolles Wiesental ist es, in dessen leuchtendem Grün im Sommer das Auge sich satt trinken und Kräfte gewinnen mag, um freudig ins Grau des Alltags zu schauen. Heute war die Fläche zart rehbraun getönt und mit dem schimmernden Silbergrau des Reifes angehaucht. Der Maulwurf war munter gewesen und hatte kräftige schwarze Tupfen durch die zahlreichen frisch aufgeworfenen Haufen in die zarte Farbenstimmung gesetzt. Der Chemnitzbach schlängelt sich mit hurtigem Laufe in vielen Windungen durch das Tal. Auf den Hängen liegen einzelne Höfe. Festgeschlossen wie Burgen schauen sie wie Herren ins Tal, nicht gar trotzig, aber breit und behäbig voll Selbstbewußtsein und einer gewissen Unnahbarkeit. Dort das Rittergut von Dorfchemnitz mit seinen festen Mauern liegt auf der Höhe hinter dem Filigran der entlaubten Wipfel, mit der Kirche zusammen eine Baugruppe von besonderem malerischen Reiz.
Der Rauch unsres Zügleins weht in langer silberweißer wallender Fahne durch das Tal. Duftiges Blau, zartes Sepia, dunkles Grün, Weiß und Silbergrau sind die Töne, welche das liebliche Landschaftsbild beherrschen und alles in unendlicher weicher Harmonie vereinen. Die Fenster im Wagen sind beschlagen. So stehe ich draußen mit dem Maler und male im Geiste die zartesten Aquarelle mit ihm, wo die Farben nur wie ein Duft auf dem leuchtenden Weiß stehen und so unendlich wohltun in ihrer keuschen Reinheit, Zurückhaltung und Vornehmheit. Jeder Ausschnitt wird uns so zum Bilde reiner Winterherrlichkeit, daß unser Herz froh wird und unsre Lungen immer tiefer die klare kalte Luft der Höhen atmen. In Sayda wandern wir dann durchs Städtchen. Dem Wintersport gilt unser erster Gang. Uns lacht das Herz, als wir dort in der Fabrik unter den herrlichen Schneeschuhen jeder Art und Form und Bindung suchen und wählen können, und jeder schließlich ein Paar der langen Hölzer sein eigen nennt. O, daß der Schnee heut so dünn die Wege deckt und nur wie Zuckerstaub über die Felder gestreut ist, wie wollten wir sonst dahingleiten in köstlicher Fahrt! So streicheln wir nur zärtlich die schlanken biegsamen Eschenbretter mit einem auf Wiedersehen zur Heimfahrt und wandern dann hinaus in die sonnige Winterwelt. Da liegt vor dem Städtchen das alte Spittel hinter alten Bäumen. Bunt leuchtet das Wappen der Herren von Schönberg mit Inschrift über der Tür, durch welches das ganze schlichte Haus eine besondere Zierde und Charakter erhält. Grüß Gott du altes Weiblein dort am Fenster in deinem warmen Stüblein, du neidest uns nicht unseren Gang in den Winter hinaus. Der warme Ofen ist dir Erfüllung deiner Wünsche. Uns sollen noch Wind und Wald und Schnee Lieder der Sehnsucht und der Wünsche Gewalt und Erfüllung empfinden lassen.
Und ihr Schläfer hinter der schlichten Mauer unter den weißen Hügeln dort drüben, eure Herzen gingen zur Ruh, aber was ihr gedacht und gelebt, es lebt und wirket in ungeahnten Kräften. Vielleicht ist es im Wind lebendig, der dort vom Walde herüberweht, den ihr vielleicht gepflanzt habt, vielleicht klingt es aus dem Jauchzen der Kinder, die dort mit Schneeballen werfen, Kinder eures Blutes, vielleicht liegt es keimend im Acker, an dessen Rand wir dahinschreiten und dessen Frucht vielleicht dem Fleiß der nimmermüden Hände vieler Geschlechter, eurer Geschlechter, die dort ruhen, zu danken ist, vielleicht sind die Gedanken und Stimmungen die uns hier überkommen, Spuren unsichtbaren Lebens, das hier daheim ist, Spuren eines Lebens, das ihr ganz an eure Heimat gewendet habt, – und das uns nun eure Heimat lebendig und beseelt macht. –
Sinnend schreiten wir in den Weihnachtswald, in dem die Schneeflecke aus dem dunklen Grün leuchten. Rechts schimmert die vereiste Fahrstraße durch die Stämme und der breite Streifen eines Kahlschlages. Was geht es sich so weich in dem harzduftigen Walde, als schritten wir in den Sonntag hinein, wo es so kirchenstill ist, als hätte eine heilige Feierstunde begonnen, in der alles fernen, fernen leisen Klängen lauscht, dem Harfen des Windes in den Wipfeln oder dem Rieseln und Sickern des schmelzenden Schnees im Waldboden.
Ein dünner blauer Rauch steigt aus der Schneise empor und füllt die Luft mit starkem Harzgeruch. Wie Weihrauch und stilles Opfer zu geheimnisvoller Weihe zerfließt er über den Wipfeln. Der Wald duftet stärker als zuvor. –