[4] Gelegentlich meiner Urlaubsreise im September-Oktober 1920 in dem bayrischen Allgäu beobachtete ich Erica carnea dort. Im Allgäu und in den Alpen bevorzugt sie Kalkboden. Der südliche Typus der Schneeheide ist anders als der in Böhmen, Sachsen und Nordost-Bayern; die südliche Form ist strauchiger, knorriger, die mitteldeutsche und böhmische weicher, anschmiegender. Die langen Ranken, die sie hier an feuchten Stellen treibt, sieht man in den Alpen, besonders in hohen Lagen, nicht.
Jedes Frühjahr erscheint in unsern südvogtländischen Zeitungen ein Hinweis auf die Schneeheide, diese »einzige Seltenheit« im südlichen Vogtlande. Es wird darin geklagt, daß die Pflanze dem Aussterben nahe sei und darum gebeten, die Ausrottung dadurch verhindern zu helfen, daß man keine Schneeheidesträuße kauft. Die Bitte ist recht gut gemeint und wird den Herzen der Naturschützler wohl tun. Aber zum Glück liegt die Gefahr des völligen Verschwindens nicht so nahe, wie befürchtet werden könnte. Einmal hält die Pflanze an ihren Standorten so zäh fest, wie ihre fast unausrottbare Base Calluna an den ihren; sie erscheint immer wieder, man merkt keine Abnahme, freilich auch kein weiteres Ausbreiten. Sodann ist der Handel mit Schneeheidesträußen nur gering; es mögen sich kaum ein halbes Dutzend alte Frauen gelegentlich damit beschäftigen. Das sind die sogenannten »Sandfrauen«, die aus Brambach, Fleißen, Schnecken den feinen Scheuersand bringen, den sie in Bad Elster, Adorf, Ölsnitz, Plauen verkaufen. Sie haben an ihren schweren Sandsäcken gerade genug zu schleppen und können deshalb nur ab und zu ein paar Sträuße mitbringen, für die sie meistens feste Abnehmer haben. Der weitaus größte Teil der Sträuße stammt aus Böhmen.
Vor etwa 7–8 Jahren freilich wurde auch mir bange um die Schneeheidebestände, als im März und April täglich Leute aus Plauen mit großen Körben nach Brambach fuhren und in den dortigen und böhmischen Waldungen die Heide ausrissen, um sie an Blumenbindereien zu verkaufen! Aber der Unfug hatte glücklicherweise sehr bald ein Ende: die Amtshauptmannschaft Ölsnitz und die Forstrevierverwaltung erließen strenge Verbote des Sammelns der Schneeheide und das Forstpersonal hielt scharf Wacht. Insbesondere nahm sich Oberförster Engelhardt in Rohrbach bei Brambach energisch der bedrohten Pflanze an und so ist wohl mit Sicherheit zu hoffen, daß die Gefahr einer Ausrottung beseitigt ist. Nicht unerwähnt möchte ich aber lassen, daß bei der jetzt forstwirtschaftlich bevorzugten Anpflanzung der Fichte insofern eine Gefahr für das Zurückgehen der Schneeheide besteht, als sie Kiefernwälder lieber bewohnt und reine Fichtenbestände meidet.
Abb. 5 Schneeheide – Erica carnea
Wird die blühende Schneeheide vorsichtig, am besten mit einer Schere, abgeschnitten, was deswegen geschehen muß, weil die Wurzeln nicht fest in dem losen Granitboden haften, so blüht sie im nächsten Jahre sehr schön und reichlich, schöner fast, als wenn man sie ausblühen läßt. Ausgeblühte Stöcke zeigen im nächsten Jahre oft ein struppiges, dürftiges Bild. Das von Kindern beliebte Abreißen der blühenden Heide ist zu verwerfen, da hierbei mancher Stock mit herausgerissen wird.
Abb. 6 Polygala Chamaebuxus, buxbaumartige Kreuzblume
im Volksmunde »Ramsel« genannt
Garcke gibt bei ihrem Vorkommen noch an: »Nicht selten als Zierstrauch.« Ich habe sie nirgends als solchen gesehen, möchte mich auch der hier allgemeinen Ansicht anschließen, daß die Schneeheide ein Verpflanzen nicht verträgt. Bei ihrer ausgesprochenen Bodenständigkeit auf Granitboden würde es mich auch wundern, wenn sie anderen Boden willig annähme. Ich habe selbst Anpflanzungsversuche vorgenommen, die stets erfolglos waren; die gleichen Erfahrungen haben Bekannte von mir gemacht. Auch die wiederholten Versuche seitens der Gärtnerei der Badedirektion, sie in den schönen Anlagen des Kurortes einzubürgern, sind immer wieder fehlgeschlagen. Wie mir Handelsgärtner versicherten, wird unter dem Namen Erica carnea eine Zierheide aus Holland angeboten, die sich anpflanzen läßt, jedenfalls aber mit der wilden Erica carnea nicht identisch ist. Nach früheren Versuchen, die ich vor vielen Jahren angestellt habe, läßt sich übrigens auch Calluna vulgaris L. als echtes Kind der Heide weder im Topfe noch im Garten kultivieren, so wenig wie die anscheinend noch mehr bodenständige E. carnea.
Besucht wird die blühende Schneeheide im Vorfrühling hauptsächlich von Hummeln. Andere Insekten sind kaum zu bemerken, allenfalls noch an warmen Tagen Bienen. Es sieht drollig genug aus, wenn die dicken Hummeln, auf dem Rücken liegend, die Glöckchen der Reihe nach aussaugen; sie ziehen durch ihr Körpergewicht sehr oft die dünnen Zweige bis auf den Boden nieder und bleiben dann mit der umklammerten Blütenähre gemütlich liegen, bis es nichts mehr zu saugen gibt.