Nur die Pflege der Eigenart kann uns stark machen, abheben, herausheben von dem Gleichgültigen, aus der Masse, aus tödlicher Schablone. Wie unsere Berge ihren Charakter tragen, der auch in den Kindern der Berge sich ausprägt, so muß die Kunst des Gebirges zu immer größerer Echtheit und Eigenart sich durchringen und emporsteigen. Der innere Gehalt und äußere Wert können und werden durch die künstlerische Eigenart und Besonderheit wachsen und durch sie eine neue Blüte der alten erzgebirgischen Volkskunst gewinnen. Hebt euch, ihr Künstlerhände, zum Werke und zur Tat, wache auf, Phantasie mit Kindesaugen und Kindesherzen und schaffe neues Kinderglück, raffe dich auf, Unternehmergeist, zu frischem Wagen und neuer Unternehmung für alte und neue Kinderkunst. Und ihr alle, die ihr der Heimat Gaststätten bietet, denkt daran, auch der Heimatkunst gastliche Stätte zu bereiten. Glückauf allen wackeren Männern, die daran arbeiten, um so der Heimat neue Freude, Licht und Glück durch die Kunst zu schaffen. Glückauf!

Neue Wohnhausbauten im Erzgebirge

Von Baumeister Richter, Flöha

Im Bezirk der Amtshauptmannschaft Flöha sind im Flöha- und Zschopautal im Laufe der beiden letzten Jahre eine Reihe Wohnhausneubauten erstanden, die auch der Heimatschutz als erfreulichen Erfolg seiner Arbeit buchen darf. Neben den Gemeinden haben sich hier sozial gesinnte Industrielle bemüht, der Wohnungsnot zu steuern und gleichzeitig Bauten zu schaffen, bei denen die alte, gute heimische Baukunst wieder zu Ehren kommen sollte. Zwei von diesen Anlagen sollen in dieser Zeitschrift zum erstenmal veröffentlicht werden.

In Flöha-Gückelsberg ist an der großen Chemnitz-Dresdener Heerstraße durch die Baumwollspinnerei G. F. Heymann ein Gruppenwohnhaus für neun Familien errichtet worden, und in Zschopau hat die Zschopauer Baumwollspinnerei auf dem Höhenrücken gegenüber dem Bahnhof ihre Siedlung »Grüne Aue« mit dreißig Wohnungen erstehen lassen. Beide Anlagen weisen gleichmäßig eine Reihe charakteristische Einzelheiten auf, aus denen sich liebevolles Eingehen auf die Eigenheiten, Lebensbedürfnisse und Lebensgewohnheiten der Bewohner verrät. Erzgebirgische Spinnereiarbeiter haben in den Wohnungen ihr Heim gefunden. Wenn sie nach Hause kommen von ihrer Arbeitsschicht – beide Werke arbeiten seit Jahren mit zwei Schichten am Tag – steht ihnen noch ein halber Tag Zeit zur Verfügung. Er wird genutzt. Der Erzgebirgler zieht in solcher Freizeit hinaus in den Wald und sammelt Holz und rodet Stöcke. Oder er zerkleinert Wurzeln auf dem Hof und schichtet sie säuberlich zu runden Meilern auf. In den warmen Monaten des Jahres gräbt und bastelt er auch gern im kleinen Gärtchen. Und im Winter, an den langen Abenden wandern das trockene Reisig und die dürren Wurzeln und Stöcke gemächlich in den massigen Herd des Wohnraumes, der Vater schürt behaglich das Feuer und schmaucht sein Pfeifchen dazu, und die Kinder hocken um den Küchentisch und beobachten die Arbeit der Mutter. Da will ein großer Wohnraum geschaffen sein mit einem mächtigen Ofen, der kocht und Wärme spendet, ein Raum in dem gleichzeitig die Familie wohnen und die Hausfrau schaffen kann. Der Spinner – und meist auch die Spinnerin – brauchen ein großes luftiges Schlafzimmer als Gegengewicht zur Arbeit im staubigen Fabriksaal. Die Sonne muß drin spielen können. Im Hof soll Platz sein für die mächtigen Holzmeiler. Und einen Schuppen im Hof braucht ein jeder für das Kleinholz, für seinen kleinen Handwagen und für seine Stallhasen. Die Hausfrau aber verlangt ihren Bleichplan mit dem Wäschetrockenplatz.

Abb. 1 Lageplan der »Grünen Aue« in Zschopau

Abb. 2 Beamten- und Arbeiterwohnhäuser »Kolonie Grüne Aue«
der Zschopauer Baumwollspinnerei A.-G.

Auf all diese Bedürfnisse ihrer Arbeiter haben die Bauherrschaften im Verein mit ihrer Bauleitung, der Flöhaer Bezirkssiedelungsgesellschaft, sorgsam Bedacht genommen. Die Grundrißtypen fangen das Sonnenlicht auf, solange es sich einfangen läßt. Bei ihnen gibt es nicht mehr Straßen- und Hoffront, sondern nur noch Licht- und Schattenseite. Stets liegen Schlafraum und Wohnküche nach Süden. Immer liegt auch nur eine Wohnung an einer Treppe in einem Geschoß. Ein geräumiger heller Flur bietet Platz für Schränke und Kleiderablage, denn die staubigen Arbeitskleider und Schuhe gehören nicht in die Schlaf- und Wohnräume. Ganz besondere Liebe ist der Wohnküche zuteil geworden. Immer hat sie zwei Fenster nach verschiedenen Himmelsrichtungen, so daß den ganzen Tag über die Sonne in ihr spielen kann. Der große Kachelherd fängt in seinem Turm die Wärme und gibt sie langsam wieder an den Raum ab. In die Fensterbrüstung ist die kleine Speisekammer als Schrank eingebaut. Mit Kellerraum ist jede Wohnung reichlich bedacht.