Unser Weg und unsere Wißbegierde führt uns in die Fachschule, die unter Professor Seiferts Leitung ein Jungbrunnen für die Seiffener Industrie zu werden bestimmt ist. Eine reiche Sammlung von Seiffener Spielzeug von ältester Zeit her zeigt, wie die Entwicklung von einstiger Höhe zur Tiefe abwärts und in der neueren Zeit wieder zur Höhe aufwärts ging. Neben den alten guten Sachen fesseln uns vor allen die Dinge der Gegenwart und Zukunft, die Dinge der Hoffnung, neuzeitliche Arbeiten, die in echt erzgebirgischer Art die fröhliche Farbenbuntheit mit immer wieder neuen Formgedanken in materialgerechter Bildung und Herstellung verbinden. Über vielen Arbeiten liegt ein frischer Humor, der uns unwillkürlich lächeln läßt, wie bei jener Familie bunter Vögel, die mit ihren drehbaren Köpfchen sich um ihren gravitätischen Vogelkönig mit dem großen Schnabel und goldenem Krönchen scharen und mit aufgehobenen Schwänzchen bald keck, bald dummdreist, bald fröhlich in die Welt gucken. Kindeseinfalt, Märchensinn und Schelmerei sind mit scharfer künstlerischer Naturbeobachtung verbunden, um in einfachster Form und Technik echte Vogelcharaktere zu geben und echtes kinderseliges Spielzeug zu schaffen. Und doch ist es so schwer, wie man uns sagt, diesen köstlichen Dingen Eingang ins Volk zu schaffen! Zur Anfertigung z. B. dieser Vögel hatte sich nur eine Fabrik seinerzeit bereit gefunden, welche inzwischen den Betrieb eingestellt hat. Diese Dinge werden aus dem Handel völlig verschwinden, wenn nicht ein anderer Betrieb sie wieder aufnimmt und für den Vertrieb sorgt. Wir sehen in der Ausstellung z. B. auch das köstliche Gespann eines Ochsen und Pferdes vor einem Wagen mit Holzstämmen von einer verblüffenden Naturwahrheit und Echtheit in der Bewegung bei aller packenden Einfachheit der Form und Technik, daß man seine helle Freude daran hat. Auch dieses prächtige Werk echt deutschen Kindersinnes wird in deutschen Spielzeughandlungen wenig gekannt, geführt und gekauft. England und Amerika sind die Abnehmer. Und doch sind gerade diese Dinge, welche die künstlerische Leitung der Fachschule schafft und mustergültig durcharbeitet, die Hoffnungen für einen neuen Aufschwung im künstlerischen und wirtschaftlichen Sinne für die Seiffener Industrie. Sie sind die gesunden Keime einer kräftigen zukunftssicheren Entwicklung und einer reichen kommenden Ernte.
Wenn die erstarrten und veralteten zum Teil unnatürlichen und unschönen oder gekünstelten Formen, welche noch vielfach den Spielzeugmarkt und die Musterläger beherrschen, diesen schönen Dingen weichen würden und den reichen Anregungen der Fachschule mehr nachgegangen würde, so wäre eine neue Blüte erzgebirgischer Kunstindustrie zu erhoffen. Das Schöne muß Massenartikel werden.
Da hängen z. B. in der Ausstellung eine Fülle von reizvollen bunten Leuchtern aus Holz in einfacheren und reicheren Formen und Ausgestaltungen nach Motiven der alten erzgebirgischen sogenannten Bergspinnen gefertigt und belebt mit allerlei lustigen Figuren. Wer kennt diese köstlichen Dinge? Sprudelndes Leben, volkstümliche Kraft und bunte Farbenfreude spricht aus jedem Stück. Wie geschaffen sind sie, um im Kinderzimmer, im Herrenzimmer, auf der Diele, oder in traulichen Gaststuben einen frohen Klang erzgebirgischer Heimatkunst, Heimatlust und Freude zu tragen. Sie haben sprühende, lebendige Ursprünglichkeit und farbenreiche Musik in allen Gliedern, wie ein Volkslied, das durch alle Stimmungen reißt, innig empfunden und frisch aus dem Herzen gesungen.
Sie sind wahre Volkskunst eigener echter Prägung und Art, durch welche das Erzgebirge seinen Ruf in ungeahnte Fernen zu tragen vermag, denn nicht die Schablone, nicht die Allerweltsartikel, nicht die Billigkeit begründet den Ruf und Erfolg, sondern die Eigenkunst, die Eigenkraft, der Eigenwert, die volkstümliche Eigenart, welche lebendig aus dem tiefsten Empfinden der Volksseele herausgewachsen ist. Möge sich mit dieser volkstümlichen Eigenkunst der echte Unternehmergeist verbinden, der im Betrieb und Vertrieb auch die wirtschaftlichen Erfolge für die erzgebirgische Heimkunst herbeizuführen weiß. – Trotz vieler köstlicher Dinge, die aus der Fachschule noch zu berichten wären, z. B. Christmetten in Seiffen in wunderbarer Lebendigkeit figurenreich hingestellt, müssen wir scheiden. Wir gehen noch durch mancherlei Häuser und Fabriken, um einerseits die Heimarbeit, andererseits die Reifendreherei und die bis ins Äußerste getriebene Arbeitsteilung der Seiffener Industrie kennen zu lernen, wo mancherlei bemerkenswerte Beobachtungen, Bilder und Gespräche uns lohnten. Geht nur mit offenen Augen und Herzen in die Arbeitsstätten und ihr werdet stets reicher daraus wiederkehren! Hier will ich jedoch nur noch von einem Besuche berichten, bei Auguste Müller, einem Mütterchen von über 70 Jahren, welches als letzte noch die urtümliche Herstellung einzelner Originalstücke nach eigener Erfindung in mühevoller Handarbeit vom rohen Holze bis zum letzten Pinselstrich übt.
Mit gebeugtem Rücken, die Brille vor den Augen, sitzt sie im engen Stübchen, das Küche, Schlafzimmer, Wohnzimmer und Arbeitsraum zugleich ist, wo die Katze schnurrend umherstreicht. In malerischer Unordnung liegen auf dem Tisch Arbeitsgeräte, gekochte Kartoffeln, Nähzeug, Kaffeetopf und allerlei Dinge verschiedenster Bestimmung. Eifrig holt sie einen Kasten herbei mit einzelnen fertigen Arbeiten, und erzählt von ihren Plänen. Für einen feinen Herrn hat sie die Figuren der Söhne geschnitzt in Matrosenanzügen, und ein feines Fräulein mit Täschchen und Federhut. Im Walde lebt der »Nusser« (Häher) und diesen packt der Habicht. Da verliert er seine kleinen blauen Federn. Diese sammelt sie sich und schmückt damit den Federhut des feinen Fräuleins. Für Kleid und Tasche sucht sie in der Modenzeitung ihre Muster in Schnitt und Farbe.
Für das Dienstmädchen wählt sie ein flottes Dirndlkleid. Frisch ist der Typus der feinen Dame und des drallen Dienstmädchens getroffen. Dort hat sie eine ganze Tiroler Sängergesellschaft humorvoll zusammengestellt. Jetzt wolle sie einen Tempel bauen mit einer Krone oben, um den die Engel schweben. So geht ihre Phantasie und ihr Plaudern mit einer erstaunlichen Lebendigkeit. Was sie sich zusammensinniert mit ihrer kindlichen Phantasie, das führt sie mit großer Sicherheit durch, wofür viele eigenartige und reizvolle Stücke in der Sammlung der Fachschule und im Bunten Hause Zeugnis ablegen. Unter manche dieser Stücke klebt sie einen Zettel, auf dem irgendeine Schnurre oder scherzhafter Einfall notiert ist, der ihr vielleicht gerade Anlaß zu dieser Arbeit und ihrem Humor gegeben hat. So läßt sie ihre kleinen Personen reden und macht sie sich selbst lebendig. Sie lebt mit ihnen, sie sind kindlicher Ausdruck ihrer Stimmung. Auch ihr Name darf nicht fehlen. Ein stark abgeschliffenes Schnitzmesser ist ihr Handwerkszeug bei der Schnitzarbeit.
Das ist echte Volkskunst in ihrer ganzen Kindlichkeit, die noch in diesem alten Mütterchen lebt und webt, sie ausfüllt und geistig lebendig, zufrieden und rüstig erhält trotz aller Kärglichkeit und Sorge, welche der mühsame Erwerb bereitet; Volkskunst, wo in jedem einzelnen Stück die ganze Liebe und Freude des Herstellers an der Arbeit steckt und es wertvoll macht als Originalwerk, das aus der Seele des Volkes geboren ist. Volkskunst freilich auch, die nicht für den Massenexport und Lebensberuf geeignet ist. –
Wir scheiden von der Alten mit dem Wunsche, daß sie noch lange ihr Schnitzmesser führen möge als letzte Schnitzerin echt volkstümlicher Seiffener Kleinkunst. Ihre kleinen Arbeiten werden wohl bald in Sammlungen solcher Dinge gesucht sein.
Unsere Abschiedsstunde von Seiffen hat geschlagen. Wir setzen den Stab heimwärts aus dem Lande der Kinderträume, Weihnachtsseligkeit und Spielzeugherrlichkeit, in dem uns wohl war wie am Heiligen Abend. Wir scheiden vom Erbgericht und Buntem Haus mit Dank für die Behaglichkeit, Freude und Anregung, die wir so reich erfahren haben. Möge der Geist erzgebirgischer Volkskunst einer echten Weihnachtskunst, wie er hier seinen lebendigen Ausdruck gefunden hat, stärker werden, wachsen und überall in unseren Dörfern und Städten ein Daheim finden, möge er sie zur Pflanz- und Pflegestätte einer echten bodenständigen volkstümlichen Kunst und Kultur machen.