Die Grundrißformen sind sehr verschiedenartig, von der alten Rundkirche, wie in Knautnaundorf zu sehen – allerdings nur in Resten – bis zur langgestreckten gotischen Hallenkirche. Das Übliche ist ein romanischer Kern. Der Chor vielfach mit Koncha davor, ein rechteckiges Langhaus und Westturm, wie wir ihn schon in seiner Entwicklung beschrieben haben. Dieser Kern wurde in der Zeit der Gotik meist verändert. An den rechteckigen Chor baute man einen im halben Achteck oder Sechseck geschlossenen wesentlich tieferen, der mit reichem Netzgewölbe auf Rippen überdeckt wurde. Der im Spitzbogen geformte Triumphbogen trennt den neuen Chor vom alten romanischen Langhaus. Der romanische quadratische Chor wurde dann gleichfalls mit in das neue Gewölbe einbezogen. In andern Fällen, wo, wie in Großpösna, über dem quadratischen Chor, an den sich die Koncha anschließt, der Wehrturm sich erhob, fügte man in den Turmteil ein Netzgewölbe ein und erhöhte so die Wirkung des Chores. Im allgemeinen ist das Langhaus flach gedeckt. Die Decke war mit reichbemaltem Holzwerk und Felderteilungen, mit Bildern und bunten Kanten ausgebildet, meist in Formen aus der Zeit nach dem Dreißigjährigen Kriege uns überliefert. Dieser Zeit gehören auch die oft noch erhaltenen ein- oder auch zweifachen Emporen an. Leider hat eine Zeit, in der man es für Pflicht hielt, alle Stilwidrigkeiten aus den Kirchen zu verbannen, diese schönen echt bäuerlichen Malereien zerstört und an ihre Stelle die glatte Putzdecke oder einen farbenarmen Ölanstrich gesetzt. Man bedachte nicht, daß meist die Farbe allein die Stimmung in diesen einfachen Kirchen ausmacht. Heute sind uns die wenigen Dorfkirchen, in denen sich die alten Malereien erhielten, weil die Gemeinde kein Geld zu einem »stilreinen« Umbau hatte, die schönsten Farbenbeispiele für die moderne Ausmalung einer Dorfkirche. Und die Dorfkirche war von jeher auf Farbigkeit gestimmt. Das beweisen am besten die vielen erhaltenen Reste der bunten geschnitzten Altarschreine, die in der Hauptsache aus der Zeit um 1500 stammen. Daß uns so viele noch erhalten sind, verdanken wir der Denkmalpflegetätigkeit des Sächsischen Altertumsvereins, in dessen Museum in Dresden (Palais im Großen Garten) die besten Stücke verwahrt werden. Wieviel mag wohl an den Kunsthandel verkauft und in alle Welt verstreut worden sein, ehe die Denkmalpflege eingriff? Die Kirchgemeinde wird erst dann die Tätigkeit des Altertumsvereins recht würdigen lernen, wenn einmal die Zeit kommt, wo die Kirche im Sinne der modernen Denkmalpflege erneuert wird und dann in den neu hergestellten Raum der alte Altar in aller seiner Schönheit an seinem Ursprungsplatz zur vollen Geltung gebracht wird. Damit soll aber nicht gesagt werden, daß man die reizvollen barocken Altaraufbauten verschwinden lassen soll, daß man die typische Anordnung der Kanzel über dem Altar, ein Charakteristikum der Dorfkirchen im Leipziger Land, aufgebe. Das wäre zweifellos falsch. Aber dort, wo ein Altaraufbau des neunzehnten Jahrhunderts in mehr oder weniger mißverstandener Gotik sich erhebt, soll man ihn zugunsten der alten Altarschreine beseitigen, wenn eine Erneuerung des Kircheninnern vorgenommen wird. Der Altarschrein oder seine Trümmer, denn solche sind es ja leider vielfach nur noch, werden sich oft auch als vorzüglicher Schmuck der Wände im Chor oder Schiff verwenden lassen. Auch Betpulte und Taufbeckenhalter in Gestalt von barockgeformten Engeln oder Adlern wird man oft auf den Kirchböden finden und mit Erfolg im erneuten Inneren wieder verwenden können. Alles wird dazu beitragen in unsere durch die Stilreinigungswut des neunzehnten Jahrhunderts verödeten Kirchenräume wieder Leben und Farbe zu bringen. Wie die Altarschreine auf den Kirchböden, so sind die alten romanischen Taufsteine auf den Friedhöfen oder in Pfarrgärten in der Verbannung. Schwere, wuchtige, granitne Becken, denen man ansieht, daß sie viel erlebten. Erlöst sie aus ihrer Verbannung. Wie vielen von unsern Altvordern mögen sie das Taufwasser gespendet haben! Hat man bessere, künstlerisch wertvollere Taufbecken an ihre Stelle gesetzt? Geht hin und urteilt selbst!
Abb. 6 Kirche in Wahren
(Phot. Hofrat Drechsler, Leipzig)
Die beigefügten Skizzen und Bilder sollen nur kleine Proben aus der Fülle der schönen alten Dorfkirchen des Leipziger Landes geben. Die Mehrzahl der Türme hatte wohl während der Gotik noch Aufbauten erhalten, die aber in den Stürmen der Kriege wieder verloren gingen. Erhalten haben sie sich vor allem an der Podelwitzer Kirche, auf die ich ganz besonders aufmerksam machen möchte. Ihre Formenwelt entstammt der Gotik. Sie ist deshalb zu einem Kleinod unter den Dorfkirchen der Leipziger Ebene geworden, weil kein Restaurator des neunzehnten Jahrhunderts ihr zu nahe kam.
Dorfkirchen in Seehausen, Wiederitzsch und Großpösna
Es braucht nicht Stein zu sein!
Vorüber sind für Deutschland die Stürme des großen Krieges, und überall sind Bestrebungen im Gange, unseren gefallenen Helden eine letzte, bleibende Ehrung zum Gedächtnis zu bereiten. Zwei Jahre sind seit dem »Frieden« dahingegangen, und wer Gelegenheit hat, viel im Lande herumzukommen, hat auch Gelegenheit hier und dort schon ausgeführte Kriegerehrungen politischer und kirchlicher Gemeinden zu sehen. Daß bei deren Erschaffung guter Wille, Liebe und tiefes Empfinden nicht überall verhindern konnten, daß Unschönes, ja schlimmer Kitsch entstand, ist nicht Schuld der berufenen Wächter in Fragen der Ausdruckskunst. Nur zu oft klammern sich die Stifter an die bequemen Eselsbrücken der Musterbücher »einschlägiger Firmen«, allzugerne will man andern Ortes das »überflüssige« Künstlerhonorar sparen, vertrauend auf den eigenen guten Geschmack und vielfach lokalen, politischen und anderen Rücksichten folgend.
Im allgemeinen ist das Bestreben vorherrschend, eine monumentale, ins Auge fallende Ehrung zu schaffen, und teuerstes Material, massige Häufung von Stein sind überaus beliebt. Mit Schaudern nur sieht dann der feinfühlige Freund der Heimat solche monstra in nächster Umgebung traulich stiller Landschaftsbilder, in der Nachbarschaft reizvoller kleiner Dorfkirchen und intimer Dorf- und Städtebilder aufragen: »und er fragt, wie das geschehen und warum ihm das geschah!«
Muß es denn sein, daß wir unsere in fremder Erde ruhenden stillen Helden in möglichst aufdringlicher, marktschreierischer Protzerei ehren, mit Monumenten, die zwar deutlich vom vollen Geldbeutel, aber noch deutlicher von der Gemütskälte ihrer Stifter reden?