Abb. 1 Kirche in Thekla (Phot. Rob. Liep, Leipzig)

Die meisten Dorfkirchen im Leipziger Land liegen auf einem Hügel, an seinem Hange das Dorf. Kirche und Dorf werden in verschiedenartigste Beziehung zueinander gebracht. Bald beherrscht die Kirche den Dorfeingang wie in Althen, bald überragt sie inmitten der Gehöfte liegend, das Dorf, wie in Panitzsch. Die Lage der Kirche auf einem Hügel erklärt sich dadurch, daß die ersten Kirchen gleichzeitig mit den ersten Kolonistendörfern in der von Slawen bewohnten Ebene entstanden. Man war in Feindesland. Die Kirche mit ihrem von Mauern umfriedeten Kirchhof war eine dörfliche Burg, der letzte Zufluchtsort der Ansiedler im Kampfe um ihr Dorf, und der Turm der Ausguck in unruhigen Zeiten. Die Kirchenglocke wurde zur Sturmglocke, wenn Gefahr im Verzuge, so wie noch heute die Glocke bei Feuersnot ihren Ruf erschallen läßt. Wir haben es also mit Wehrkirchen zu tun, aber anders geformten als die bekannten von Großrückerswalde und Lauterbach. Ich möchte sagen, daß die Wehrkirchen im Leipziger Land noch ausgesprocheneren Defensivcharakter haben, als die genannten beiden. Wie bei der Burg der Burgfried, so ragt hier der Kirchturm gedrungen, trotzig und fest über Kirche und Friedhof. Betrachtet man die Türme, so sieht man, daß die Öffnungen auf das allernotwendigste beschränkt wurden. Mauerschlitze, durch die die Armbrust ihre Geschosse senden konnte. Spätere Toreinbauten, zum Teil erst aus dem neunzehnten Jahrhundert, haben leider dieses burgartige des Kirchturmes vielfach zerstört. Zumeist liegt der Turm an der Westseite der Kirche, seltener an der Ostseite über dem alten romanischen Chor. Man wird sich die Entwickelung dieser Kirchen wohl vielfach so zu denken haben, daß zunächst eine Kapelle erbaut war und getrennt davon ein Glockenturm. Zwischen beide schob sich dann das Langhaus als Laienhaus. Aus dieser Entstehungsart wäre auch die eigenartige Tatsache zu erklären, daß so manche der Kirchen schiefwinklig ist, die Längsaxe zeigt einen Knick. Da der Chor stets nach Osten gerichtet ist, so ergibt sich, daß die beiden Langseiten nach Süd und Nord zu liegen. Sie wurden nicht einheitlich mit Öffnungen durchbrochen. Der praktische Sinn unserer Altvordern ordnete an, daß die kalte, dem Wetter ausgesetzte Nordseite nur kleine Fensteröffnungen bekam, während man nach der Südseite durch hohe Fenster und das Eingangstor der wärmenden Sonne möglichst viel Einblick gewährte. Denn eine andere Heizung als die Sonne gibt es meist heute noch nicht in der Dorfkirche. Die modernen Kirchenneubauten nehmen natürlich hierauf keine Rücksicht, die Zentralheizung ersetzt ja, so meint man, die Sonnenheizung. Ja hätte man geahnt, daß die Zeiten einmal so schwer werden könnten, daß man für die Heizung der Kirchen so gar keine Kohle zur Verfügung hat! Heute hält man es für eine architektonische Notwendigkeit, das Hauptportal gegenüber dem Chor zu setzen.

Abb. 2 Inneres der Kirche zu Thekla
(Phot. Ernst Hugo Schulze, Leipzig)

Abb. 3 Kirche in Panitzsch (Phot. Rob. Liep, Leipzig)

Abb. 4 Kirche in Großgörschen
(Phot. Hofrat Drechsler, Leipzig)

Abb. 5 Kirche in Beucha (Phot. A. Wiese, Dresden)