Wir haben uns darum gefreut, daß der Heimatschutz, mit dem wir sonst keinen Verkehr pflegen, sich unserer Sache energisch angenommen, sie sogar bis vor eine wichtige Versammlung gebracht hat. Aber das, was dort gesprochen worden ist, muß doch berichtigt werden. Der alte ehrliche Brehm hat ganz zuverlässige Gewährsmänner für seine Berichte gehabt und bringt lange nicht soviel Märchen zur Verbreitung wie manche Redner von heute. Ich kenne Engerlinge, Mai- und Junikäfer sehr genau, kann sie sogar dem Geschmacke nach sehr gut unterscheiden. Ich muß zugeben, daß ich bisher auf keinem Kirschbaume gesessen habe, auch meine Vorfahren nicht. Für meine Nachfahren kann ich nicht reden. Wer weiß, wie die Entwicklung einmal gehen wird? Aber Maikäfer, Junikäfer, Walker usw. habe ich schon genug mit Wonne verspeist. Jedoch ich sehe, ich muß deutlicher werden. Es ist nämlich gesagt worden: »Solange der Maikäfer in der Erde lebt, ist er ein Engerling. Wenn er ein Maikäfer ist, fliegt er auf Kirschbäume. Nun werden Sie doch nicht etwa sagen wollen, daß der Maulwurf auf die Kirschbäume steigt und die Maikäfer frißt. Das ist vollständig ausgeschlossen.« Jeder Knecht, jede Krähe, jeder Insektensammler weiß, daß die Puppenruhe der Engerlinge nicht lange dauert, daß vielmehr die fertigen Insekten vom Herbst bis zum Frühjahr in der Erde zu finden sind. Im Herbst fliegt aber kein fertiger Maikäfer auf Kirschbäume. So dumm ist er nicht. Das müßten sie aber tun, wenn wir sie nicht erwischen sollen. Die Versammlung, in der die Rede gehalten wurde, hat diese auf ganz besonders reiche Erfahrungen gegründeten Ausführungen mit großer Heiterkeit – hört, hört – Bravo und Heiterkeit wiederholt quittiert und Zustimmung zur Ablehnung unseres Schutzgesetzes gegeben. Um es nicht zu vergessen: Werren sollen recht selten sein. Ich glaube gern, daß mancher Herr der Schöpfung von seinen Werrenuntertanen noch nicht einen gesehen hat. Wir von unserer Zunft haben jeder mehr gesehen und auch verspeist. Sogar über unser zu großes Maul, vielmehr über unser zu kleines Maul ist geredet worden. Es wäre so klein, daß wir nicht einmal einen Engerling fressen könnten. Es geht nichts über eine gute Erfahrung. Ich habe immer geglaubt, der Mund der Zweifüßler sei auch nicht groß genug, einen Apfel, eine Stange Spargel, ein Rind zu verspeisen, daß das aber doch nach gewissen Vorbereitungen von ihnen fertig gebracht würde. Ich scheine mich aber darin zu irren.

Verkannt zu werden, ist das Los so mancher schönen Seele. Gerade wir sind gewöhnt, andauernd zwischen nützlich und schädlich hin- und hergeworfen zu werden. Daß aber aus der ganzen Versammlung sich niemand berichtigend über unser Leben ausgesprochen hat, daß alle Teilnehmer die Angaben widerspruchslos hingenommen haben, das ist mir rätselhaft. Vielleicht hat man noch nie über uns Sammetkittel so harmlos gelacht wie an diesem Tage, am Freitag, den 4. März 1921. Nur uns war nicht spaßig zu Mute.

Ihr Menschenkinder! Konntet Ihr nicht das Schutzgesetz soweit genehmigen, daß es hieß: Verboten ist in öffentlichen Ankündigungen sich zur Abnahme von Maulwürfen oder Maulwurfsfellen zu erbieten oder zu ihrem Angebote aufzufordern? Damit wäre uns viel geholfen gewesen. Da hättet Ihr gezeigt, daß Ihr ein Herz habt für das Geschöpf,

daß Ihr ihm ein Recht auf sein Dasein gewährt,

daß Ihr freie Geschöpfe verteidigt gegen Geldgier und Eitelkeit,

daß Ihr dem Pelzhandel nicht gestatten wollt, vernichtend und ausrottend zu wirken,

daß Euch das Recht der Allgemeinheit an der Natur höher steht, als der Vorteil naturfremder Kriegs- und Schieberkapitalisten.

Nicht uns allein neben Amseln und Eichhörnchen usw. solltet Ihr schützen, nein, ein ganz allgemeines Gesetz gegen Ausrottung und Vernichtung jedweden bei uns beheimateten Geschöpfes solltet Ihr fordern.

Aber, mein lieber Herr Schriftleiter, uns ist unbeabsichtigt Hilfe von anderer Seite gekommen. Frau Mode, das wetterwendische Weib, hat uns ihre Gunst wieder entzogen. Das ist unser Glück. Frau Mode hat Euch Menschen alle am Bändel. Hoffentlich beehrt sie uns recht lange mit ihrer Geringschätzung. Dann werden wir auch Ruhe haben. Wen sie unter uns freien Geschöpfen mit ihrer Gunst beglückte, dem brachte sie den Untergang.

Herr Schriftleiter! Wir danken Ihnen Ihr Bemühen um unsere Sache. Es ist nicht umsonst geschehen. Einst wird der Gedanke siegen, daß jedes Geschöpf ein Recht aufs Dasein hat ohne Rücksicht auf den sogenannten Nutzen oder Schaden. Dann wird kommen der Tag, an dem die Göttin Mode zurückweicht vor dem freien Geschöpf, ihre Priester selbst und die Menge der naturfremden Menschen. Mit dieser Hoffnung wollen wir uns trösten.