Der unzufriedene Papierkorb hieß »Marke Tatra.« Gewiß war er sich bewußt, daß auf den Namen viel ankommt, deshalb trug er ihn jedermann zur Ansicht auf einem Blechschild, das an seiner Brust angeheftet war. Marke Tatra war nicht auffällig groß, aber kernfest, hatte Eisenfüße, einen Eisenboden und einen Eisendrahtmantel, wie es sich für jemanden mit dem kernfesten Namen Marke Tatra gehört. Zudem war sein Eisenkörper mit einer grauweißen Ölfarbenhaut überzogen, damit ihm kein Rost irgend etwas antun konnte. Er hatte damit sogar vor dem kernfesten Helden Siegfried etwas voraus, der doch immerhin eine Stelle an sich hatte, wo ihm der böse Feind an Leben und Gesundheit konnte. Nein, wirklich: um solche Dinge brauchte sich Marke Tatra keine Sorge zu machen. Und das war es natürlich auch nicht, was ihn unzufrieden machte.
Als der Papierkorb Marke Tatra eines Tages da war (genau wie die Menschen eines Tages da sind), wurde er auf einen Wagen geladen und stand bald in einem langen dämmrigen Verkaufsraum. Marke Tatra sah sich um und wunderte sich; denn alles was da in seiner Nähe herumstand, waren auch Papierkörbe wie er. Natürlich hießen sie anders, denn sie sahen auch anders aus. Es gab recht schwächliche aus Rohr und kräftigere aus Holz, aber keiner glich an Kernfestigkeit ihm, dem grauweißhäutigen Eisendrahtpapierkorb Marke Tatra.
Wenn es auch dämmrig im Verkaufsraum war, so war es doch ganz unterhaltsam. Sie alle, die Papierkörbe, hatten einen Herrn, der oft Besuch bekam. Und dieser Besuch prüfte, suchte und nahm schließlich einen Papierkorb mit oder ließ sich einen zuschicken in eine dunkle Zukunft. Und bei einer solchen Verhandlung hörte Marke Tatra, daß er ein »Muster« sei. Nun, das war doch selbstverständlich. Darüber dachte er auch kein bißchen mehr nach. Aber die dunkle Zukunft, in die es durch jene Tür hinausging, gab ihm zu denken.
Na, schlimm konnte es ja nicht werden. Da vorn am Schreibpult hatte sein Herr so einen Papierkorbschwächling aus Rohr stehen, mit dem er sich öfter beschäftigte. Alle Morgen, wenn er die Post durchsah, verschwanden Briefhüllen und was sonst überflüssig war, im Leibe dieses Kleinen. Er hatte tatsächlich nichts auszustehen. Und wenn Marke Tatra seinen Herrn die Käufer Herr Doktor, Herr Professor oder gar Herr Rat anreden hörte, wurde er immer sichrer, daß die dunkle Zukunft ganz angenehm sein würde. Marke Tatra träumte sich schon in das Arbeitszimmer eines großen Gelehrten, neben den Schreibtisch eines heimlichen Dichters oder gar in die Redaktionsstube einer großen Zeitung. Es müßte herrlich werden. Marke Tatra sehnte sich nach der dunkeln Zukunft. Da hatte man doch endlich seine Aufgabe, eine Lebensaufgabe von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Wo Marke Tatra stehen würde, sollte es nie liederlich aussehen, alles überflüssige, verbrauchte Papierwerk wollte Marke Tatra mit seinem Eisendrahtmantel festhalten. Ein Erzieher zum Geschmack wollte Marke Tatra werden. Wer ihn besaß, konnte kein überflüssiges Papier umherliegen lassen, das war klar. Marke Tatra träumte wunderschön von seinem hohen, idealen Daseinszweck.
Aber wie hatte sich der gute Marke Tatra geirrt!
Eines schönen Tages hatte sein Herr wieder Besuch. Der Herr Balduin Lehmann, Vorsitzender des Verschönerungsvereins zu Lieblichwaldau war da. Alles, was die beiden redeten, konnte zwar Marke Tatra nicht verstehen, aber als sie nun ganz in seiner Nähe waren, hörte er doch.
»Ich habe nur diesen einen da,« sagte sein Herr, »es ist ein Muster!«
»Ist er haltbar?« fragte Balduin Lehmann.
»Es ist Marke Tatra, ein hervorragendes Erzeugnis, Eisenfüße, Eisenboden, Eisendrahtmantel mit bestem Ölfarbenüberzug. Sie werden mit Marke Tatra zufrieden sein, er ist wirklich kernfest und auf die Dauer!«
Der fremde Herr befühlte und untersuchte Marke Tatra genau. Er nickte mit dem Kopfe. Und Marke Tatra fühlte ganz deutlich, daß die dunkle Zukunft heller wurde. Herr Lehmann kaufte ihn.