So sei am Schlusse nochmals der Freude Ausdruck gegeben, daß die herrliche Schellente im Moritzburger Teichgebiet nicht mehr Naturdenkmal ist, sondern sie sich Heimatrecht hier erworben hat und mit zu den häufigen Enten gehört. Möge auch vom Landesverein gegen alles angekämpft werden, was diesem prächtigen Vogel den Aufenthalt so nahe der Großstadt vergrämen könnte. Hierher gehört sinnlose Schießerei, Umfällen alter Bäume und der Eierdiebstahl. Besonders schädlich für unsere Wasservogelwelt ist das frühzeitige Schneiden des Schilfes und Rohres durch die Teichverwaltung, das dieses Jahr schon Anfang Juli erfolgte. Auch das »wilde Baden« an allen Moritzburger Teichen wird von unseren gefiederten Freunden nicht besonders begrüßt.
Das Triebelbachtal
Von Paul Apitzsch, Ölsnitz i. Vogtl.
Unweit der Dreikönigreichsecke, jener politisch bedeutsamen Stelle, da die Grenzen der drei ehemaligen Königreiche Sachsen, Bayern und Böhmen in einem Punkte zusammenstoßen, da jetzt die Gemarkungen der drei Republiken Sachsen, Bayern und Tschechoslowakei sich berühren, ist auch die dreiteilige Wasserscheide zwischen Elster, Saale und Eger. Gegen Süden fließen die Wässer dem Egerlande zu. Nach Westen enteilt die Regnitz dem Waldlande und ergießt sich bei Hof in die Saale. Und nordwärts gehört alles Fließende dem Stromgebiet der Weißen Elster. Der bedeutendste linksseitige Elsterzufluß ist hier der fünfzehn Kilometer lange Triebelbach. Zwischen Eichigt und Ebmath, rechts der Zollstraße Ölsnitz-Roßbach, liegt ein Berg, der den merkwürdigen Namen »Bubenstock« führt. Auf älteren Karten wird er »Pumpenstock« genannt. Trotz seiner absoluten Höhe von 630,8 Meter bietet er nicht die geringste Fernsicht; denn erstlich erhebt er sich nur unbeträchtlich über die durchschnittlich sechshundert Meter hoch gelegene Hochfläche, und überdies ist er bis zur Kuppe mit Fichtenwald bestanden. Die einzige Bedeutung des Bubenstockes in geographischer Beziehung besteht darin, daß an seiner westlichen Abdachung der Triebelbach entspringt. Durch Heidegesträuch, Ginstergebüsch und niedrigen Mischwald eilt das muntere Waldkind rasch abwärts. Es ist, als wolle es der unheimlichen Gegend entfliehen. Führt doch das südwestwärts gegen Tiefenbrunn zu gelegene einsame Waldstück den grausigen Namen: Der gespaltene Schädel. Ob eine geheimnisvolle Untat dieser Benennung zugrunde liegt oder ob eine bloße Wortentstellung anzunehmen ist, ist nicht mehr festzustellen. Der düstre Wald tritt beiderseitig zurück und macht dem ersten Dorfe, Obertriebel, Platz. Da die Bachsohle beim oberen kleinen Dorfteiche genau fünfhundert Meter hoch liegt, so beträgt der Fall von der Quelle bis hierher auf der kaum 2,5 Kilometer langen Strecke bereits einhundertunddreißig Meter. Bei einer kleinen Häusergruppe zwischen Ober- und Untertriebel, den sogenannten Hutherleithenhäusern, empfängt der Triebelbach von links her starke Zuflüsse aus dem waldreichen Platzerberggebiet und von Neubrambach. Erheblich verstärkt kommt der hier außerordentlich krebsreiche Bach nach dem Kirchdorfe Untertriebel. Von lärchenbestandener Höhe klingt Glockenklang hernieder. Droben bringt man sie zu Grabe, die sich freuten in dem Tal. Denn der Kirchhof liegt hier noch, altem schönen Brauche gemäß, rund ums Kirchlein. Das Gotteshaus von Untertriebel gehört zu den wenigen vogtländischen Dorfkirchen, bei deren Anlage an Verteidigungszwecke gedacht worden ist und an deren Umfassungsmauern noch Spuren ehemaliger Befestigung zu erkennen sind. Vor der turmartigen Friedhofspforte ragen zwei mächtige Linden. Links vom Eingange, an der Nordseite der starken Kirchhofsmauer, sind ganz deutlich drei Schießscharten zu sehen. Rechts vom Tore, an der Westseite also, sind weitere sechs Schießscharten, so daß die ganze Mauer noch neun derartige Zeugen ehemaliger Befestigung aufzuweisen hat. Gelegentlich einer Erweiterung des Friedhofes nach Süden zu mußte die südliche und östliche Ummauerung abgetragen werden. Auch diese Teile der ursprünglichen Anlage waren, wie mir der über vierzig Jahre in Untertriebel im Amte befindliche alte Kantor Häntzschel versicherte, mit Schießlöchern versehen. Die Schießscharten sind von annähernd gleicher Größe und Gestalt. Von außen gesehen sind sie schmal, nur zehn Zentimeter breit und fünfzig Zentimeter hoch. Nach innen werden sie weiter, und an der Innenseite der achtzig bis neunzig Zentimeter starken Mauer sind sie beinahe quadratisch mit fünfzig Zentimeter Seitenlänge. Eine Häufung der Schießscharten ist vermieden; in beinahe gleichen Abständen voneinander sind sie in das starke Mauerwerk getrieben. Als im Jahre 1901 bei der Erneuerung des Gotteshauses auch die Friedhofsmauer abgeputzt wurde, hatten übereifrige Handwerker unaufgefordert die Schießscharten teilweise schon zugemauert. Sie waren höchlichst erstaunt, als durch ein Machtwort des Herrn Pfarrers Kramer die »alten Löcher« wieder in den vorherigen Zustand zurückversetzt werden mußten. Vor der Nordseite der Mauer sind grabenartige Vertiefungen, die möglicherweise in Beziehung zu einer ehemaligen Befestigung stehen. Doch ist in der historischen Deutung derartiger Vorkommnisse größte Vorsicht geboten. Übereifer in der Auffassung und Behandlung »alter Löcher« kann nicht nur einen simplen Mauergesellen, sondern auch den hochgelahrtesten Altertumsforscher zu Dummheiten verleiten.
Abb. 1 Untertriebel
(Phot. Curt Sippel, Plauen i. V.)
Es gibt im Vogtlande nur noch zwei Dorfkirchen, die Spuren einstiger Befestigung tragen: Thierbach bei Pausa und Schwand. Bei Überfällen und Plünderungen durch rohe mittelalterliche Landsknechte war gewöhnlich der das Dorf beherrschende Rittersitz die Zufluchtsstätte der Dorfbewohner. Dieser Rittersitz war entweder ausgezeichnet durch hohe Lage, oder durch Ringwallanlagen und Teichinseln geschützt. Professor Johnson, Plauen, weist schon im Jahre 1900 darauf hin, daß sowohl Thierbach, als auch Schwand und Untertriebel im Mittelalter keine Rittersitze besaßen – das Rittergut Schwand ist später entstanden –, so daß die schutzlosen Dorfbewohner auf den Gedanken kamen, Kirche und Friedhof zu einem Verteidigungsplatze zu gestalten. Diese Erwägungen mögen wohl auch das altvogtländische Adelsgeschlecht der Säcke auf Geilsdorf bestimmt haben, die Kirche zu Untertriebel auf einem das Dorf überragenden Höhenrücken erbauen zu lassen, und zwar schwankt das Erbauungsjahr nach urkundlich sicheren Angaben zwischen 1342 und 1380. Das Gotteshaus in seiner jetzigen Gestalt stammt aus dem Jahre 1535, so daß der ältere Bau nur etwa zwei Jahrhunderte stand.
Für Freunde der Vergangenheit bietet auch das Innere der Untertriebler Dorfkirche mancherlei Bemerkenswertes. Bei der obenerwähnten Erneuerung des Gotteshauses fand man auf dem Kirchboden zwei verstaubte und stark beschädigte Holzschnitzereien: einen Kruzifixus und einen Taufengel. Beide Gegenstände wurden der »Kommission zur Erhaltung von Kunstdenkmälern« zur Begutachtung vorgelegt. Über den Kruzifixus kam von Dresden folgendes Gutachten: »Ist eine Holzschnitzerei aus dem fünfzehnten Jahrhundert; es fehlen beide Arme und sämtliche Zehen; an der Nase, Operlippe und am Lendenschurz starke Beschädigungen. Das Holz selbst ist gesund; auch die Bemalung braucht nur gereinigt und an den neuen Stücken ergänzt zu werden. Eine Wiederherstellung ist unbedingt zu empfehlen. Professor Spieler ist bereit, die Erneuerung vorzunehmen.« Der Taufengel ist ein kräftiges, eigenartiges Barockwerk etwa von 1730. Auf dem Deckel des von dem Engel gehaltenen Taufbeckens sind Christus und Johannes der Täufer in kleinen Figuren angebracht. Die Wiederherstellung des beschädigten Taufengels übernahm Holzbildhauer Wünschmann in Dresden. Seit 1902 bilden die auf diese Weise geretteten altertümlichen Holzschnitzereien einen wertvollen Schmuck des Altarplatzes der Untertriebler Kirche. Künstlerisch bewertet sind die beiden Schnitzereien sehr verschieden. Ich halte den Taufengel für die Arbeit eines Handwerkers, den Kruzifixus für das Werk eines Künstlers. Der schablonenhaft steife Faltenwurf des hemdartigen Kleidungsstückes, sowie die wenig ausdrucksvollen Gesichtszüge des Taufengels deuten auf eine nur mittelmäßige Befähigung des Holzschnitzers, während die Darstellung des schmerzverzerrten Antlitzes, sowie die Ausarbeitung der Rippen an dem abgezehrten Oberkörper des gekreuzigten Heilandes auf eine genauere Kenntnis des anatomischen Baues eines Menschenleibes, sowie auf eine technisch weit höher zu bewertende Beherrschung des Schnitzmessers schließen lassen.
Abb. 2 Untertriebel
(Phot. Curt Sippel, Plauen i. V.)